Samstag, 23.02.2019
 
Seit 17:30 Uhr Kultur heute
StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Sündenfall der orthodoxen Kirchen07.01.2019

Russland-Ukraine-Konflikt Der Sündenfall der orthodoxen Kirchen

Die Gründung einer orthodoxen Nationalkirche in der Ukraine ist eine empfindliche Niederlage für die russische Orthodoxie, kommentiert Andreas Main. Es sei allerdings billig, die Schuld für die Kirchenspaltung nur einer Seite zu geben. Es gebe weltweit die Tendenz orthodoxer Kirchenführer, die nationale Karte zu spielen.

Von Andreas Main

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der ukrainische Präsident Poroschenko, das Oberhaupt der neuen orthodoxen Kirche, Metropolit Epiphanius, und Oberbischof Emmanuel. (dpa/ Ukrainisches Präsidialamt)
Der ukrainische Präsident Poroschenko, das Oberhaupt der neuen orthodoxen Kirche, Metropolit Epiphanius, und Oberbischof Emmanuel (dpa/ Ukrainisches Präsidialamt)
Mehr zum Thema

Christen in der Ukraine Orthodoxie vor der Spaltung?

Abspaltung von Moskau Ukraine bekommt eigene orthodoxe Landeskirche

Feuerpause vereinbart Neue Waffenruhe in der Ukraine

Sich in dieser Frage auf die eine oder andere Seite zu schlagen, ist billig: Also entweder die russische oder die ukrainische Seite verantwortlich zu machen für eine weitere Kirchenneugründung oder Kirchenspaltung, die hochgradig politisch aufgeladen ist. Es wäre zu billig - denn: Wer kann sich nicht hineinversetzen in einfache Kirchenmitglieder in Lemberg oder Kiew, die ein Recht auf einen eigenen Staat haben und sich kirchlich nicht indirekt ferngesteuert wissen wollen aus Moskau - und schon gar nicht von einem Präsidenten, der Teile ihres Landes völkerrechtswidrig annektiert? Und wer könnte es andersrum russisch-orthodoxen Kirchenführern verdenken, dass sie kein Interesse daran haben, einen großen Teil ihres Herrschaftsgebiets, oder genauer, ihrer Kirchenmitglieder zu verlieren?

Empfindliche Niederlage

Aber genau das ist jetzt passiert. Die russische Orthodoxie hat eine empfindliche Niederlage einstecken müssen. Es ist die Folge eines Systemfehlers: Moskau und seine Patriarchen spielen seit dem Fall der Mauer ganz und gar die nationale Karte. So wie auch andere orthodoxe Kirchen weltweit. Wobei der Schulterschluss von Putin und Patriarch, also Staat und Kirche so eng ist wie sonst wohl nirgends. Sie liefern sich ohne Unterbrechung wechselseitig ideologische Munition. Davon haben beide Seiten - also Patriarch und Präsident - profitiert. Bisher. Sie sollten sich nun nicht wundern, wenn andere - also ukrainischer Präsident und ukrainisch-orthodoxe Kirchen, auch die nationale Karte spielen.

Aber dadurch wird nichts besser. Es geht generell und weltweit um die Tendenz orthodoxer Kirchenführer, aufs nationale Ticket zu setzen. Das kann zum Sündenfall führen, etwa wenn in den Jugoslawienkriegen vor 25, 30 Jahren einige serbisch-orthodoxe Kirchenführer Sympathien für extreme serbische Nationalisten zeigten.

Nähe zur Macht

Solche Sündenfälle sind verwurzelt in dem einen, dem zentralen Sündenfall. Immer wieder lassen sich Religionsgemeinschaften politisch instrumentalisieren. Die Verlockung ist groß: Die Nähe zur Macht macht einen Theologen wichtig. Er hofft, die Macht möge abstrahlen, so dass sich Vorteile ergeben. Nicht immer nur Vorteile das eigene Wohlergehen betreffend. Sondern auch Vorteile für die Mitglieder der Religionsgemeinschaft. Denn wer sich der Politik an den Hals wirft, erhofft sich, dass die Politiker die Gesellschaft im Sinne des Religionsführers beeinflussen.

Das gilt in noch stärkerem Maße mit Blick auf den Islam. Genauer für jene Strömungen, die als politischer Islam bezeichnet werden. Auch hier verschwimmen Religion und Politik. Religionsvertreter - egal welcher Konfession - sollten sich fragen, ob es nicht für alle besser wäre, wenn sie sich auf das konzentrierten, was ihr Markenkern ist: Seelsorge und Sinn, Spiritualität und Religion - und eben nicht die Politik.

Andreas Main (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Andreas Main (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Andreas Main ist Redakteur der Redaktion Religion und Gesellschaft des Deutschlandfunks. Er studierte Katholische Theologie und Geschichte in Münster. Nach dem Volontariat bei der Katholischen Nachrichten-Agentur arbeitete er als Redakteur beim Lokalfunk, danach als freier Journalist für den Deutschlandfunk und die Deutsche Welle.  

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk