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StartseiteInterview"Im Kreml guckt man ganz genau nach Europa"31.03.2015

Russland und Griechenland"Im Kreml guckt man ganz genau nach Europa"

Russland wird Griechenland in der Eurokrise helfen - das glaubt die Journalistin und Mitbegründerin des Deutsch-Russischen Forums, Elfie Siegl. Der Kreml habe ein Interesse daran, dass Griechenland die Solidarität mit der EU aufgebe, sagte sie im DLF. Schließlich wolle Wladimir Putin Europa destabilisieren.

Elfie Siegl und Dirk-Oliver Heckmann

Russlands Präsident Wladimir Putin (picture alliance / dpa / Alexei Druzhinin)
Russlands Präsident Wladimir Putin (picture alliance / dpa / Alexei Druzhinin)
Weiterführende Information

Von Euro-Rettung bis Russland-Politik - Verliert Europa den Zusammenhalt?
(Deutschlandfunk, Kontrovers, 02.02.2015)

Griechenland - Unberechenbarer Partner
(Deutschlandfunk, Kommentar, 29.01.2015)

Griechenland - Tsipras beschwert sich in Brüssel
(Deutschlandfunk, Aktuell, 28.01.2015)

Ukraine-Konflikt - EU knüpft Ende der Russland-Sanktionen an Minsker Abkommen
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 20.03.2015)

Medien - Brüssels Plan gegen die russische Propaganda
(Deutschlandfunk, Europa heute, 30.03.2015)

Putin hoffe vermutlich auf einen Dominoeffekt in der EU, wenn Griechenland erstmal mit Russland kooperiere, so Siegl. Moskau habe sehr viele Fachleute, die über gute Kenntnisse der Eurozone verfügen, und beobachte den Konflikt um Griechenland sehr genau. In Europa habe man hingegen viel weniger Experten, die sich mit der Denkweise Russlands auskennen würden.

Die ehemalige Moskau-Korrespondentin der "FAZ" betonte, dass auch in Krisenzeiten miteinander gesprochen werden müsste, doch man dürfe nicht verwechseln, was Kritik bedeute. Es müsse sich auch darauf eingestellt werden, dass es Zeiten gebe, in denen eine Zusammenarbeit nicht möglich sei. Die Mitbegründerin des Deutsch-Russischen Forums hatte aufgrund dieser Bedenken ihren Austritt aus dem Forum angekündigt.


Das Interview in voller Länge:

Dirk-Oliver Heckmann: Tagelang und noch bis zuletzt konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich das Verhältnis zwischen Berlin und Athen wieder entspannt, nach dem Berlin-Besuch von Ministerpräsident Tsipras. Doch jetzt schlagen die Wellen wieder mächtig hoch. In Brüssel wie in Berlin nämlich wartet man immer noch auf die vollständige Liste der griechischen Sparmaßnahmen. Die ist nämlich offenbar immer noch sehr bruchstückhaft, teilweise auch noch auf Griechisch formuliert, und die Zeit, die verrinnt. Auch aus einem anderen Grund wächst wieder der Ärger: Tsipras plant nämlich, auch Russland um Hilfe zu bitten. Demnächst wird er in Moskau erwartet. Sein Energieminister und der griechische Parlamentspräsident, die sind bereits dort, und es gibt durchaus gemeinsame Interessen.
Am Telefon begrüße ich jetzt Elfie Siegl. Sie ist langjährige Moskau-Korrespondentin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Zuvor hat sie für "Frankfurter Rundschau" und den "RIAS" gearbeitet. Außerdem ist sie Gründungsmitglied gewesen des Deutsch-Russischen Forums, hat dieser Tage aber ihren Austritt angekündigt. Guten Morgen, Frau Siegl!

Elfie Siegl: Guten Morgen. - Lassen Sie mich gleich korrigieren: Ich bin zurzeit nicht mehr Korrespondentin der "FAZ" in Moskau, war es aber wirklich lange Jahre.

Heckmann: Sie waren es lange Jahre. Deswegen sagte ich auch "langjährige Moskau-Korrespondentin" und mittlerweile nicht mehr tätig, auf diesem Posten zumindest, aber weiterhin natürlich mit einer großen Expertise. - Frau Siegl, Athen sucht Unterstützung in Moskau. Wird es die erhalten?

Siegl: Ich denke mal, die wird es erhalten, denn in Moskau, im Kreml guckt man natürlich ganz genau auf Europa, und wenn man das Gefühl hat, man kann ein EU-Mitglied vielleicht dazu bewegen, einen eigenen Weg zu gehen, die gewisse Solidarität aufzugeben in der EU, dann macht man das, weil man Interesse hat, besonders vonseiten des Präsidenten Putin, Europa zu destabilisieren. Und deswegen wird es auf jeden Fall, denke ich, die Unterstützung bekommen.

Griechenland-Hilfe: "Putin hofft vielleicht auf Dominoeffekt"

Heckmann: Welche Interessen verfolgt Wladimir Putin da genau, wenn Sie sagen "Destabilisierung"?

Siegl: Es ist ja so, dass Putin nicht erwartet hat und die russische Führung, dass Europa so zusammensteht in der Reaktion auf a) die Annexion der Krim und b) den bewaffneten Konflikt, den Krieg, kann man auch sagen, in der Ostukraine. Und er hat sicherlich nicht erwartet, dass es die Sanktionen geben wird, dass alle Staaten mitmachen, und das ist ja eine Voraussetzung gewesen für die Beschlüsse. Und wenn er jetzt einen Weg sieht, dieses zu unterlaufen, und einen Ansatzpunkt sieht - und das könnte vielleicht Griechenland sein in seinen Augen -, dann wird er versuchen, das zu nutzen. Und das sieht dann konkret so aus, dass er auf die griechischen Vorschläge oder Hilfsersuche eingehen wird, und die sind ja schon angesprochen worden in dem Beitrag vorher. Da geht es um Stabilisierungskredite, da geht es um Senkung der Erdgaspreise und um Aufhebung des Importverbotes für Obst nach Russland. Dieses Importverbot für die EU hat ja Putin im letzten Sommer verhängt, es sind Gegensanktionen auf die europäischen Sanktionen gewesen.

Heckmann: Sie sagen, das Kalkül von Wladimir Putin besteht darin, in der Tat eine gewisse Destabilisierung innerhalb der Europäischen Union zu erreichen. Könnte dieses Kalkül aufgehen?

Siegl: Ich hoffe sehr, dass es nicht aufgeht, denn sollte es aufgehen, dann wird natürlich Putin versuchen, jetzt nicht nur bei Griechenland stehen zu bleiben, sondern dann hofft er vielleicht auf einen gewissen Dominoeffekt, und das wäre natürlich fatal für die europäische Einheit und die europäische Politik gegenüber der aggressiven Politik des Kreml.

Heckmann: Wie intensiv dürfte Wladimir Putin den Konflikt, den Streit innerhalb der Europäischen Union beobachten?

Siegl: Ich meine, dass Moskau diesen Konflikt sehr genau beobachtet. Man hat in Moskau sehr gute Fachleute. Man hat Leute, die Fachleute sind für die verschiedenen Länder der Europäischen Union. Das war übrigens zu Sowjetzeiten genauso. Man hatte hervorragende Germanisten, man hatte Leute, die kannten sich wirklich aus und die wussten, was in diesen Ländern passiert, und das hat sich heute nicht geändert in Russland und das ist ein Unterschied, möchte ich mal sagen, zu dem, was in Europa läuft. Wir haben - und damit meine ich auch Deutschland - leider, verglichen zu Russland, sehr viel weniger Fachleute, die wirklich wissen, was in Russland vor sich geht, wie die russische Politik verläuft, wie die russische Denkweise verläuft, und vor allen Dingen, wie man darauf eventuell auch reagieren müsste.

Deutsch-Russisches Forum: "Von seinem ursprünglichen Zweck abgerückt"

Heckmann: Dazu sollte ja auch das Deutsch-Russische Forum dienen, da eine Expertise herzustellen und das Verhältnis zwischen beiden Ländern zu verbessern. Sie haben jetzt dieser Tage angekündigt, aus diesem Deutsch-Russischen Forum auszutreten. Weshalb?

Siegl: Weil ich meine, dass das Deutsch-Russische Forum in seinen Verlautbarungen und auch mit seinen Veranstaltungen eigentlich den ursprünglichen Zweck, den es hatte, als es 1993 gegründet wurde - ich gehörte übrigens auch ja zu den Gründungsmitgliedern -, nämlich ein Forum zu sein für die Zivilgesellschaft in Russland, dass es von diesem wichtigen Zweck doch immer weiter abgerückt ist, und es geht natürlich immer noch um Verständigung für Russland in Deutschland und Verständigung für Deutschland in Russland. Das steht so in der Satzung des Forums. Nur diskutiert wird ja heute, was bedeutet Verständigung. Das bedeutet sicherlich auch Verstehen, aber es bedeutet sicherlich nicht Einverständnis, dass man eigentlich mit allem zufrieden ist oder zumindest akzeptiert, was vom Kreml sozusagen kommt, und die Kreml-Politik, die oft doch jetzt sehr fragwürdig ist, besonders in den letzten Jahren, unterstützt. Und da möchte ich noch mal ein Beispiel dafür geben.

Heckmann: Danach wollte ich gerade fragen. Woran machen Sie das genau fest, dass das Deutsch-Russische Forum vom ursprünglichen Ziel, nämlich die Zivilgesellschaften in Dialog zu bringen, abgerückt sei?

Siegl: Lassen Sie mich mal eine Sache erwähnen. Der Vorsitzende des Petersburger Dialogs, der eng mit dem Forum verbunden ist, Lothar de Maizière, hat zum Beispiel mehrfach großes Verständnis geäußert darüber, dass die Nichtregierungsorganisationen in Moskau sich als ausländische Agenten registrieren lassen müssen oder vom Justizministerium inzwischen registriert werden, und darunter auch die Menschenrechtsorganisation Memorial, die wiederum eine Zeit lang sehr aktiv im Petersburger Dialog mitgearbeitet hat. Es gibt in Moskau eine Schule für politische gesellschaftliche Bildung. Die Direktorin Nemirowskaja hat sogar den Haas-Preis des Forums im letzten Jahr bekommen und sie hat jetzt vor ein paar Tagen gesagt, dass sie auch, ihre Schule auch ausländischer Agent ist und dass sie unter den Bedingungen nicht mehr weiterarbeiten können, weil sie dann große Einschränkungen haben und auch Fördergelder nicht mehr bekommen, und es wurde vonseiten des Forums öffentlich nichts zu ihrem Schutz, zu ihrer Verteidigung gesagt. Und der Ehrenvorsitzende des Forums, das ist der Ex-Botschafter in Moskau von Studnitz, hat in einem Interview sogar gesagt, dass man im Grunde genommen, wenn man es mit autokratischen Regimen zu tun hat, was Russland ja ist, dass man sich in großen Stücken auf dessen Regeln dann einstellen muss, und das sehe ich zum Beispiel ganz anders.

Siegl: Auf Zeiten einstellen, in denen offizielle Zusammenarbeit nicht möglich ist

Heckmann: Trotzdem ist der Dialog zwischen Moskau und dem Westen ja fast abgerissen. Aus G8 wurde G7, der NATO-Russland-Rat, der arbeitet im Prinzip nicht mehr. Sind solche Krisenzeiten nicht aber auch Zeiten, in denen gerade gesprochen werden muss?

Siegl: Ich denke, es muss gesprochen werden, aber man darf auch in den Krisenzeiten, auch wenn man mit offiziellen Vertretern des Kreml redet, nicht verwechseln das, was Kritik bedeutet und auch gerechtfertigte Kritik, und darf nicht sagen, jegliche nicht konstruktive Kritik, wie es vom Forum auch gesagt wird, bedeutet, dass man Moskau vorführt. Und man muss sich auch darauf einstellen, dass es Zeiten gibt, die ja auch nicht ewig dauern, wo eine Zusammenarbeit zumindest mit diesen offiziellen Stellen nicht möglich ist. Und wenn man dann mit den inoffiziellen Stellen, zum Beispiel Nichtregierungsorganisationen, die ausländische Agenten sind in Moskau, wenn man mit denen nur ganz schwierig zusammenarbeiten kann, oder überhaupt nicht mehr, dann muss man eventuell seine Arbeit etwas umorientieren.

Heckmann: Elfie Siegl war das, frühere und langjährige Moskau-Korrespondentin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Außerdem war sie Gründungsmitglied des Deutsch-Russischen Forums und hat ihren Austritt aus diesem Gremium angekündigt. Frau Siegl, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Siegl: Bitte schön.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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