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StartseiteEuropa heuteZweiklassenmedizin durch Importverbot26.08.2015

RusslandZweiklassenmedizin durch Importverbot

Seit Anfang August greifen die russischen Behörden zu drastischen Mitteln, um das Einfuhrverbot westlicher Lebensmittel durchzusetzen. Die negativen Folgen bekommt die Bevölkerung zu spüren: schlechtere Qualität und höhere Preise. Das Einfuhrverbot wird nun auch auf den Medizinsektor ausgeweitet - mit fatalen Folgen für Kranke ohne großes Budget.

Von Gesine Dornblüth

Ein Haufen gemischert, bunter Tabletten (dpa / picture alliance / Klaus Rose)
Kostenlos verschriebene Medikamente soll es in Russland nicht mehr aus dem Westen geben. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)
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Die Liste des russischen Industrie- und Handelsministeriums umfasst mehr als 100 Artikel. Darunter Röntgengeräte, künstliche Herzklappen und Krücken ebenso wie Matratzen, Verbandsmaterial und Präservative. All diese medizinischen Artikel soll der russische Staat künftig nur noch dann aus westlichen Ländern importieren, wenn er sie nicht auch in der Eurasischen Wirtschaftsunion beziehen kann. Also in Russland, Armenien, Kirgistan, Kasachstan oder Weißrussland. Den privaten Sektor betreffen die Pläne nicht.

Gegen den Entwurf des Ministeriums regt sich Widerstand. Vertreter großer russischer Wohltätigkeitsstiftungen haben Premierminister Medwedew in einem Brief gebeten, die Einfuhr westlicher Medikamente, Heilmittel und Geräte nicht weiter einzuschränken. Es widerspreche den Interessen der Patienten. Die Qualität der russischen Erzeugnisse sei schlechter, mitunter sogar gefährlich für Patienten, heißt es in dem Brief. Die Autoren nennen Beispiele: Russisches Verbandsmaterial rufe Wundeiterungen hervor; in der Eurasischen Wirtschaftsunion hergestellte Matratzen könnten Wundlegen fördern.

Wer es sich leisten kann, kauft in Russland bisher meist westliches medizinisches Gerät und entsprechende Medikamente.

Valeri Kovtun lebt mit einem Beatmungsgerät. Er hat einen Thrombus in der Lunge. Nach einer Operation ist er rund um die Uhr auf Sauerstoffzufuhr angewiesen. Er hat zwei Geräte, ein großes für Zuhause, ein kleines für unterwegs. Das eine stammt aus deutscher, das andere aus japanischer Produktion. Die Apparate hätten zusammen rund 5.000 Euro gekostet, erzählt Kovtun.

"Es gibt auch Geräte aus China. Die kosten ein Viertel oder ein Drittel so viel. Wir haben auch erst ein chinesisches Gerät gekauft. In nicht mal sechs Monaten ist das drei Mal kaputt gegangen."

Kostenlose Medikamente vor allem aus russischer Produktion

Von russischen Geräten hat er nichts gehört. Nach Auskunft der Moskauer Ärztin Anna Semljanuchina hat der Ersatz westlicher Präparate und Geräte in staatlichen Kliniken bereits begonnen. Semljanuchina ist Allgemeinärztin in einer städtischen Poliklinik. Das ist die erste Anlaufstelle für alle, die kostenlose medizinische Versorgung in Anspruch nehmen möchten.

"Die Medikamente, die wir den Kranken kostenlos verschreiben, stammen seit etwa einem Jahr vor allem aus russischer Produktion. Ärzte und Patienten haben Unterschiede festgestellt. Patienten, die vorher einen stabilen Blutdruck hatten, haben den nicht mehr, seit sie russische Generika nehmen. Asthmatiker haben, wenn sie russische Präparate nehmen, öfter Anfälle. Viele gehen dann lieber in die Apotheke und kaufen, was ihnen hilft: die gewohnten Importartikel. Aber gerade alte Leute mit ihren kleinen Renten können sich das nicht leisten."

Die Ärztin nennt ein weiteres Beispiel: Blutzuckermessgeräte. Diabetiker erhalten in der Poliklinik kostenlos Teststreifen für die Geräte. Semljanuchina:

"Früher haben wir ihnen natürlich empfohlen, die genauesten Messgeräte zu kaufen: Ausländische. Für die haben wir jetzt keine Teststreifen mehr. Die Patienten müssen auf russische Geräte umsteigen, oder die Teststreifen selbst kaufen."

Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, Germany Trade & Invest, bestätigt die Angaben der Moskauer Ärztin. In einer Mitteilung heißt es, deutsche Hersteller von Medizintechnik und medizinischen Verbrauchsmaterialien hätten es schon jetzt immer schwerer, Lieferaufträge aus dem öffentlichen Gesundheitswesen in Russland zu erhalten. Die deutsche Fördergesellschaft bestätigt zudem, was in Russland bisher nur inoffiziell kolportiert wird: Dass Staatsbetriebe in Russland, wenn sie Artikel nicht in der Eurasischen Wirtschaftsunion einkaufen können, als nächstes Produkte aus solchen Ländern bevorzugen, die sich den Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen haben: vor allem aus China, Korea und der Türkei.

Russische pharmazeutische Industrie soll entwickelt werden

Die russische Regierung begründet das Importverbot für westliche Medizin damit, die heimische pharmazeutische Industrie entwickeln zu wollen. Die für Gesundheitspolitik zuständige Vizepremierministerin Olga Golodez hat günstige Kredite und weitere Unterstützungsmaßnahmen für pharmazeutische Unternehmen in Russland angekündigt.

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