Mittwoch, 12.12.2018
 
Seit 22:05 Uhr Spielweisen
StartseiteEuropa heuteEin deutscher Landrat in Russland04.12.2018

Russlanddeutsche in Omsk (2/5)Ein deutscher Landrat in Russland

Lange haben Russlanddeutsche für ein eigenes Gebiet in Russland gekämpft. 1992 gründeten sie in Westsibirien einen Landkreis – mit Finanzhilfen aus Deutschland in Millionenhöhe. Wie lebt es sich heute im "Deutschen Nationalrajon Asowo"?

Von Frederik Rother

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Bruno Reiter vor den gesammelten Meriten der Sportler im Deutschen Nationalrajon Asowo (Deutschlandradio / Frederik Rother)
Bruno Reiter, Mitgründer und bis 2010 Leiter des "Deutschen Nationalrajons Asowo", vor den Pokalen, die Sportler des Rajons geholt haben (Deutschlandradio / Frederik Rother)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Russlanddeutsche an der Wolga Schmerzhafte Identitätssuche

Fremde Heimat Russlanddeutsche in Waldbröl

Russlanddeutsche in Berlin "Ich spüre hier kaum Aggressivität"

Kirchen der Russlanddeutschen Das Erbe der Siedler

"Wie steht es um den Sportsgeist?", fragt Bruno Reiter, als er das Sportzentrum in Asowo betritt. "Alles bestens", kommt es von den Männern zurück, die im Eingangsbereich stehen. Man kennt ihn hier.

Ein paar Meter weiter zeigt Bruno Reiter auf die Erfolge der letzten Jahre. Etwa 50 goldene und silberne Pokale stehen aufgereiht nebeneinander in einer großen, zweistöckigen Glasvitrine.

Erster Platz im Motocross, erster Platz im Fußball. Pokale für Basketball und Lapta, ein traditionelles russisches Schlagballspiel, sind auch zu sehen. Alles Siege, die Sportler des Deutschen Nationalrajons Asowo in den letzten Jahren geholt haben.

Bruno Reiter freut sich, dass der Rajon – eine Verwaltungseinheit vergleichbar mit einem deutschen Landkreis – sportlich so gut dasteht. In gewisser Weise ist das auch sein Werk. Denn der 77-Jährige hat den Rajon mitaufgebaut und bis 2010 geleitet.

Erstes selbstverwaltetes Gebiet seit 1941

In der Sporthalle spielen ein paar Kinder Fußball. Sie rennen über das Feld. Der Trainer schaut aus der Distanz zu. Kommende Champions, meint Bruno Reiter.

Dann erzählt der ehemalige Landwirtschaftsprofessor von früher. In den letzten Jahren der Sowjetunion hat er sich politisch engagiert und maßgeblich dafür eingesetzt, dass die vielen Russlanddeutschen in der Gegend – zu denen er auch gehört – wieder ein eigenes Gebiet bekommen. Seit der Liquidierung der Wolgadeutschen Republik 1941 existierte keine große deutsche Selbstverwaltungseinheit mehr. Und es gingen immer mehr Russlanddeutsche in die Bundesrepublik. Sie mussten handeln:

"Aber mir war klar: In der auseinanderfallenden Sowjetunion wieder eine Republik zu errichten, das war utopisch. Ein eigener Landkreis aber, das war möglich."

1992 war es dann soweit: Nach einem Referendum und mit Moskaus Zustimmung wurde der "Deutsche Nationalrajon Asowo" gegründet. Etwa 60 Prozent der Bewohner waren damals Deutsche. Und Bruno Reiter wurde zum Chef des Kreises ernannt - und mehrmals wiedergewählt.

Bauboom in den 90er Jahren

Der Fahrer rollt langsam durch die verschneiten Straßen von Asowo, dem Hauptort des Rajons. Bruno Reiter sitzt auf dem Beifahrersitz und zeigt auf ein paar Häuser.

Einfache Unterkünfte sind zu sehen. Einige aus Holz, andere aus Lehmziegeln, angepasst an die sibirischen Bedingungen, sagt Bruno Reiter. Der sowjetische Teil des Dorfes quasi.

Alltag im "Deutschen Nationalrajon" im Hauptort Asowo (Deutschlandradio / Frederik Rother)Alltag im "Deutschen Nationalrajon" im Hauptort Asowo (Deutschlandradio / Frederik Rother)

Nach der Gründung des Deutschen Nationalrajons hätten sie viel bauen müssen. Aber die alten Unterkünfte konnte man nicht einfach abreißen und ersetzen, da wohnten noch Menschen. Also wuchs Asowo. 

Aufbau mit Geld aus Deutschland

Wo früher die Dorfgrenze war und die Maisfelder begannen, stehen heute neue Häuser aus Ziegeln. Alleine in der Gegend hier seien gut 80 entstanden, erzählt Bruno Reiter und zeigt aus dem Fenster. Geholfen hat dabei vor allem: die Bundesrepublik.

"Als ich Leiter der Administration wurde, wurde ich direkt nach Deutschland eingeladen. Sie fragten mich: Was brauchen Sie am dringendsten? Ich brauchte Unterkünfte. Es sollten ja Leute hierherkommen, Spezialisten, Führungskräfte, Lehrer, Ärzte. Um einen neuen Rajon zu errichten, braucht man Menschen und das größte Problem waren die Unterkünfte."

Deutschland hat aber auch kräftig in die Infrastruktur des Rajons investiert. Wasserleitungen, Straßen und das Gesundheitswesen wurden auf- und ausgebaut. Bis 2011 sind gut 100 Millionen Euro hierher geflossen. Heute leistet Berlin vor allem Hilfe im Sprach- und Bildungsbereich.

Entschädigung für Fehler der Vergangenheit

Ein Beitrag zur Versöhnung und Unterstützung der Russlanddeutschen, die nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 stark gelitten haben.

"Der Rajon ist nur dank der Hilfe Deutschlands entstanden. Stellen Sie sich vor: Anfang der 90er Jahre fiel das Land auseinander, die Wirtschaft auch. Und dann streckt Deutschland seine helfende Hand aus. Wäre das deutsche Geld nicht gewesen, hätte mir niemand was gegeben, verdammt. Ich sag es noch mal: Wir konnten den Rajon nur mit der Unterstützung Deutschlands aufbauen."

Nach Horst Waffenschmidt, dem damaligen Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung, ist  hier sogar eine Straße benannt.

Dass mit den Hilfen Ausreisen in die Bundesrepublik verhindert werden sollten, kann sich Bruno Reiter kaum vorstellen. Und die vielen Gelder, sind die ordnungsgemäß verwendet worden? Korruption sei kein Thema gewesen, meint er. Es hätte viele Kontrollen gegeben, kein Dokument ohne Unterschrift.

Gut 25.000 Einwohner, etwa 25 Prozent Deutsche

Bruno Reiter ist stolz auf das Erreichte: Der Landkreis wachse. Gut 25.000 Menschen wohnen heute hier, davon noch etwa 25 Prozent Deutsche. Immer wieder gebe es Rückkehrer, die Landwirtschaft sei vergleichsweise stark – und die Bildung gut.

Vor dem Kindergarten im Dorf stehen etwa 15 Jungen und Mädchen, ordentlich in Zweierreihen. Sie sind alle dick eingepackt, es geht zum Spielen raus in den Schnee. Die Kleinen schauen scheu auf Bruno Reiter, trauen sich kaum, zu grüßen. Dann macht die Kindergärtnerin eine Ansage:

"Sagt Guten Tag!" - "Guten Tag!"

Der Landkreis tut einiges für die Kinderbetreuung: Der Kindergarten hat von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Viele Schilder hier – wie auch in anderen Einrichtungen – sind zweisprachig. Das deutsche Erbe soll sichtbar sein und weitergegeben werden.

Bruno Reiter schaut auf die Kinder, die auf dem Spielplatz herumtollen und lächelt. Er wohnt sehr gerne im "Deutschen Nationalrajon Asowo", sagt er dann. Hier sei er zu Hause. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk