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StartseiteEuropa heuteValerijs "Dojtsche Bekerej" 06.12.2018

Russlanddeutsche in Omsk (4/5)Valerijs "Dojtsche Bekerej"

1991 gründeten Valerij Root und einige andere im westsibirischen Aleksandrowka eine deutsche Bäckerei. Die Mitgründer sind heute alle in Deutschland. Valerij Root ist geblieben – und hat Verantwortung für sein Dorf übernommen.

Von Frederik Rother

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Valerij Root ist geblieben und nicht in die Bundesrepublik gegangen, wie viele andere Russlanddeutsche (Deutschlandradio / Frederik Rother)
Valerij Root ist in der Heimat geblieben und nicht, wie viele andere Russlanddeutsche, in die Bundesrepublik gegangen (Deutschlandradio / Frederik Rother)
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Die Maschine zieht den Teig einmal über die Walzen, am Ende ist der Fladen etwas dünner als vorher. Natalia Knaus wiederholt das Prozedere ein paar Mal, bis der Teig dünn genug und rund ist.

Ein paar Meter weiter entstehen daraus dann Butterkekse gefüllt mit Marmelade. Natalia Knaus kennt die Arbeitsschritte auswendig, seit eineinhalb Jahren ist sie Teil des Teams in der Bäckerei. Vorher hat sie unter anderem im Kindergarten gearbeitet und war Krankenschwester.

"Man könnte sagen, wir alle hier sind Autodidakten. Wir haben uns das Backen selbst beigebracht. Irgendwann kamen wir in die Firma, und dann wurde uns alles noch mal gezeigt. Die Arbeit macht großen Spaß. Und wir haben ja einen guten Chef."

Der heißt Valerij Root, ist 48 Jahre alt, und führt die Deutsche Bäckerei in Aleksandrowka. Der Firmenname ist nicht nur eine Übersetzung aus dem Russischen, sondern wird mit kyrillischen Buchstaben genauso geschrieben: "Dojtsche Bekerej" steht auf den Verpackungen und der Arbeitskleidung.

"Wir haben den Akzent damals bewusst auf deutsche Produkte gelegt. Wir, also alle Gründer, sind Deutsche und deshalb haben wir uns entschieden, das ‚Dojtsche Bekerej’ zu nennen."  

Tradition und Arbeitsplätze

Die Geschichte der vielen Russlanddeutschen – im 1300-Einwohner-Dorf Aleksandrowka ist sie überall spürbar. Valerij Root, der jetzt zwischen den großen Öfen und den ratternden Teigknetmaschinen steht, hat sich damals bewusst dafür entschieden, hier Verantwortung zu übernehmen. Und nicht auszuwandern, wie viele andere:

"Für das Dorf ist die Firma sehr wichtig, klar. Das sind Arbeitsplätze, Gehälter, Steuern, die in den Haushalt fließen. Wir unterstützen auch eine Schule, einen Kindergarten. Ich denke, das ist sehr spürbar in Aleksandrowka."

20 Menschen arbeiten in der Bäckerei. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen produzieren viele verschiedene Brotsorten und Konditoreiprodukte. Traditionelle Weiß- und Graubrote, französische Baguettes, aber auch Kekse mit Schokolade und Teilchen mit Rosinen sind dabei.

"Die Rezepte habe ich unter anderem von einem Seminar, auf dem deutsche Backtechniken vorgestellt wurden. Auf einem anderen Seminar in Moskau wurden holländische Techniken präsentiert, da habe ich auch Rezepte mitgenommen. Und dann gibt es natürlich noch die Rezepte für Brote, Backwaren und Kuchen von unseren Eltern. Die werden von Generation zu Generation weitergegeben, sodass sie nicht in Vergessenheit geraten."

Alles angepasst an den russischen Geschmack.

Natalia Knaus und ihr Mann gingen Anfang der 2000er Jahre nach Deutschland - und kamen wieder zurück (Deutschlandradio / Frederik Rother)Natalia Knaus und ihr Mann gingen Anfang der 2000er Jahre nach Deutschland - und kamen wieder zurück (Deutschlandradio / Frederik Rother)

Natalia Knaus hat den ausgerollten Gebäckteig inzwischen auf dem großen Arbeitstisch ausgebreitet. Sie schneidet den Teigfladen in gleich große Stücke, spritzt auf jedes davon eine lange Spur dunkelroter Erdbeermarmelade und rollt alles zusammen.

"Daraus werden Teigwürstchen gemacht."

Dann werden die etwa 30 Zentimeter langen Teigwürste in einer Schüssel mit Zucker geschwenkt.

"Jetzt kommt der Teig aufs Blech, dann wird alles in kleine Riegel geschnitten und danach kommt alles in den Ofen. In einer halben Stunde sind die Kekse fertig."

Die anderen Gründer sind heute in Deutschland

Pro Tag werden in der kleinen Produktionshalle etwa 2.000 Backwaren hergestellt. Die werden im Ort und in der ganzen Region Omsk verkauft. Das Ergebnis von knapp drei Jahrzehnten harter Arbeit.

"Wir haben unsere Firma 1991 aufgemacht. Das war die Zeit, in der es zwar einen akuten Bedarf an Backwaren gab, aber überhaupt keine Auswahl, der Markt wurde nicht bedient. Deswegen haben wir  uns entschieden, die Bäckerei zu eröffnen, um Aleksandrowka und die naheliegenden Dörfer zu versorgen."

Anfang der 1990er Jahre gab es eine große Nachfrage nach Backwaren, aber kaum ein Angebot (Deutschlandradio / Frederik Rother)Anfang der 1990er Jahre gab es eine große Nachfrage nach Backwaren, aber kaum ein Angebot (Deutschlandradio / Frederik Rother)

Die anderen Gründer sind inzwischen ausgestiegen und ausgewandert – alle nach Deutschland. Seit 1998 leitet Valerij Root, eigentlich studierter Agronom, die Firma alleine. Das ist nicht immer leicht:

"Es gab solche und solche Zeiten. Und auch immer wieder schwierige Situationen, die man dann durchstehen muss, in denen man Kredite aufnehmen, die Geräte erneuern und investieren muss. Auch aktuell ist es nicht leicht. Die Preise für Rohwaren sind stark angestiegen, für Kraftstoffe auch, die Steuern wurden erhöht – das ist alles nicht einfach für uns."

Verantwortung für das Dorf übernehmen

Bleiben will er trotzdem – auch wenn seine Eltern und seine Geschwister in Deutschland sind:

"Jetzt will ich nicht mehr auswandern. Mein Leben ist hier in Russland, in dieser Firma, in diesem Dorf."

Natalia Knaus ist mit einer neuen Lage Teig beschäftigt und macht daraus Keksrohlinge. Sie schwärmt von der guten Arbeitsatmosphäre, den vielen positiven Kunden-Rückmeldungen, und sie spricht darüber, dass auch so alltägliche Dinge wie Backen kreative Arbeit sein können. Dann meldet sich der Ofen.

"Wo du geboren bist, bist du nützlich"

Natalia Knaus holt das Blech mit frisch gebackenen, goldgelben Keksen raus. Die Arbeit hier macht ihr sichtlich Spaß. Ihr kommt ein russisches Sprichwort in den Sinn: "Dort wo du geboren bist, bist du nützlich."

Dabei muss sie an ihren Mann denken, mit dem Sie Anfang der 2000er Jahre nach Deutschland gegangen ist. Ihnen hat es dort gut gefallen, aber ihr Mann hatte irgendwann Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden, nach vier Jahren sind sie zurückgekommen. Und jetzt machen sie sich eben hier nützlich, in der alten Heimat Russland. Auch Valerij Roots Zukunftspläne stehen fest:

"Die Produktion erhöhen, weiter arbeiten. Mein Plan ändert sich nicht."

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