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StartseiteBüchermarktUnter ewigem Verratsverdacht23.02.2015

RusslanddeutscheUnter ewigem Verratsverdacht

Pogrome, Vertreibungen, Enteignungen: Die Russlanddeutschen besaßen in ihrer Heimat häufig den Ruf, Verräter zu sein. Aber sie bekamen zwischenzeitlich sogar den Stauts einer "autonomen Republik". György Dalos hat jetzt eine Geschichte der Russlanddeutschen vorgelegt.

Von Martin Ebel

Weiterführende Information

Russlanddeutsche - Dem Ruf der Kaiserin gefolgt
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 20.02.2015)

Russlanddeutsche - Chronik einer Minderheit
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 15.09.2014)

Stünde es um die derzeit gespannten Beziehungen zwischen Deutschland und Russland besser, wenn es die Russlanddeutschen noch gäbe? Die Frage stellt György Dalos nicht, aber sie hätte, hat man seine Geschichte der Russlanddeutschen gelesen, auch eine negative Antwort erhalten. In allen Konflikten zwischen dem Deutschen und dem Russischen Reich beziehungsweise der Sowjetunion konnten die deutschen Untertanen nie eine vermittelnde Rolle spielen. Vielmehr gerieten sie bei jedem dieser Konflikte in den Verdacht der Illoyalität oder gar der aktiven Subversion. Das führte im Ersten Weltkrieg zu Pogromen, Enteignungen und Vertreibungen, im Zweiten dann zur Massendeportation.

Schlecht integriert im Zarenreich

Zwei Daten rahmen Dalos‘ Untersuchung ein. Am 21. Juli 1763 rief die russische Zarin Katharina II. deutsche Kolonisten in ihr riesiges, aber menschenarmes Land. Einige Tausend ließen sich an der Wolga nieder, gründeten Dörfer, bebauten das Land, von dem es ja genug gab, und erarbeiteten sich einen gewissen Wohlstand. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es 500 deutsche Kolonien im russischen Reich, zur Jahrhundertwende schon fast zwei Millionen Russlanddeutsche. Sie blieben meist unter sich, lernten in der Mehrzahl nicht einmal Russisch, hatten also, wie man heute sagen würde, Integrationsprobleme. Es gab aber auch Deutsche unter den höheren Militärs und deutsche Abgeordnete in der Duma, dem Parlament.

Die Bolschewisten gewährten den Deutschen im Zuge ihrer Nationalitätenpolitik sogar den Status einer "autonomen Republik" an der Wolga. Mit der Autonomie war es allerdings nicht weit her, Moskau drangsalierte die tüchtigen Kolonisten mit unerfüllbaren Vorgaben für abzugebendes Getreide; in einem Fall betrug sie das achtfache der tatsächlichen Ernte! Wer protestierte, wurde seines Postens enthoben oder wanderte ins Gefängnis oder ins Lager. So kam es, unter ähnlichen Vorzeichen wie in der Ukraine, zweimal zu schrecklichen Hungersnöten. Auch Stalins Großer Terror machte vor den deutschen Siedlungen nicht halt; mehrfach wurde die Führungsschicht "gesäubert", also in summarischen Prozessen absurder Verbrechen überführt und exekutiert. 

 "Fortjagen muss man sie!"Josef Stalin, eigentlich Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili (geb. 21.12. 1879 in Gori,Georgien - gest. 5.3.1953 in Moskau). Sowjetischer Politiker und Diktator. Stalin war 30 Jahre lang Erster Sekretär der KPDSU und damit faktisch Staatschef der Sowjetunion. (picture-alliance / dpa inp)Josef Stalin ordnete die Deportation aller Russlanddeutschen an (picture-alliance / dpa inp)

Das zweite Datum in Dalos‘ "Geschichte der Russlanddeutschen" ist der 28. August 1941, als die Deportation aller Deutscher aus dem europäischen Russland angeordnet wurde. Stalin war von angeblicher Kollaboration mit den vordringenden deutschen Armeen berichtet worden, und er schrieb "Fortjagen muss man sie!" an den Rand des Berichts. Viele Russen werden ihm zugestimmt haben. Dalos zitiert aber auch eine humane Stimme: Die des Dichters Boris Pasternak, der in einem Brief an seine Frau die Fortgejagten bedauert: "Wie viel Bitterkeit und Boshaftigkeit ringsherum, wie viele einander deckende Rechnungen versteckt hinter dem Busen die menschliche Rachsucht, wie viele Jahrzehnte müssen noch vergehen, bis sie sich wechselseitig begleichen."

Der Verlust der autonomen Republik und die vergeblichen Versuche der Russlanddeutschen, sie zurückzubekommen und rehabilitiert zu werden, beschäftigen Dalos im Folgenden. Der ungarische Autor ist zwar gelernter Historiker und Verfasser etlicher historischer Sachbücher, aber hier klebt er zu sehr an seinen Quellen, wenn er etwas Interessantes gefunden zu haben meint. Das kann etwa ein Vortrag bei der Eröffnung eines Pädagogischen Instituts sein oder ein Wortwechsel anlässlich der "Versammlung der Kreisbevollmächtigten" in Saratow – der tatsächlich im Wortlaut wiedergegeben wird. Dalos schafft viele Dokumente heran, er präsentiert Details, die die Konflikte zwischen Zentralmacht und den Selbstverwaltungsorganen der Deutschen anschaulich machen. Aber er unterscheidet nicht genug zwischen Wichtigem und Unwichtigem.

Sprachliche Entgleisungen

Immer wieder entgleist ihm zudem die Sprache, gerät er ins Metaphorische, ins Bürokratische oder beides. Da heißt es etwa über die Liberalkonservativen in der Staatsduma, sie spielten "die erste Geige im Orchester der Teutonenfresser"; oder über Enteignungen, dass die Behörden "auf der Ebene der staatlichen Fantasie in Angelegenheiten des Eigentums ziemlich radikal" verfahren seien.

Ein melancholischer Grundton durchzieht diese Darstellung, weil die Geschichte der Russlanddeutschen unwiederbringlich vorbei ist: Im Zuge der Perestroika ist der überwiegende Teil nach Deutschland übergesiedelt und tut sich dort seinerseits schwer mit der Integration. Der Rest ist mehr oder weniger in der Mehrheitsgesellschaft auf-, jedenfalls als Deutsche untergegangen.

Keine Geschichte der Russlanddeutschen

Dalos sympathisiert heftig, für einen Historiker zu heftig, mit der halbautonomen Republik - auch wenn er nicht leugnen kann, dass es zumindest für die Sowjetführung mehr ein potemkinsches Dorf zur Demonstration des liberalen Umgangs mit ihren Nationalitäten war als ein wirklich selbstständiges politisches Gebilde. Neben den sprachlichen Schwächen und dem Übergewicht bürokratischer Ereignisse leitet sich ein Haupteinwand gegen dieses Buch von seinem Titel ab: Eine Geschichte der Russlanddeutschen ist dies nicht, sondern die Geschichte der Wolgarepublik. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wird nur gestreift; die Deutschen, die schon Peter der Große ins Land holte, kommen gar nicht vor. Ebenso ignoriert wird die große, kulturtragende städtische Bevölkerung, vor allem in St. Petersburg, wo es eine deutschsprachige Zeitung gab, die von 1727 bis 1914 existierte. Das Thema hätte ein besseres Buch verdient.              

György Dalos: Geschichte der Russlanddeutschen. Von Katharina der Grossen bis zur Gegenwart.
C. H. Beck, München 2014. 330 S.

 

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