Sonntag, 16. Januar 2022

Russlands Satellitenabschuss und die FolgenEine rücksichtslose Machtdemonstration im Orbit

Mit einer Rakete hat Russland einen ausgedienten Satellit abgeschossen. Das sei eine rücksichtslose Machtdemonstration, deren Folgen noch lange nachwirken würden, kommentiert Ralf Krauter.

Ein Kommentar von Ralf Krauter | 21.11.2021

Viele verschiedene Satelliten umkreisen die Erde
Viele verschiedene Satelliten umkreisen die Erde (imago/Ikon Images)
Mit einer Rakete Satelliten vom Himmel holen zu können – davon träumen die Militärs aller Raumfahrtnationen schon lange. China hat bereits 2007 bewiesen, dass es dazu in der Lage ist, die USA 2008, Indien 2019. Und nun also auch Russland. Am Montag pulverisierte eine vom Weltraumbahnhof Plesetsk gestartete Abfangrakete einen ausgedienten russischen Spionagesatelliten. Der hatte seit 1982 seine Bahnen gezogen, 480 Kilometer über unseren Köpfen. Nach dem direkten Treffer zerplatzte er in über 1500 Trümmerteile, die jetzt im Erdorbit kreisen – und die bemannte wie unbemannte Raumfahrt über Jahrzehnte gefährden.

Überflüssig, gefährlich und schädlich

Der Satellitenabschuss der Russen war eine rücksichtslose militärische Machtdemonstration. Einfach mal zeigen, wo der Hammer hängt. Das passt zu Wladimirs Putins Art, sein Land zu regieren. Doch dieses Säbelrasseln im All war überflüssig, gefährlich und schadet Russlands Interessen langfristig. Aber der Reihe nach.
Überflüssig war der Satellitenabschusstest, weil schon seit Jahren bekannt ist, dass Russland – wie alle anderen großen Weltraummächte – Anti-Satellitenwaffen entwickelt und erfolgreich erprobt. Das Kalkül dahinter: Wer im Konfliktfall in der Lage ist, die Satelliten seines Gegners zu zerstören, macht ihn blind- und orientierungslos und unterbricht seine Kommunikationskanäle. Ohne die Späher im Orbit gibt es keine Satellitennavigation, keine hochauflösenden Lagebilder, keine Echtzeit-Kommunikation mit Drohnen, Marschflugkörpern und anderen intelligenten Waffensystemen. Der strategische Nutzen von Anti-Satellitenwaffen liegt also auf der Hand. Und dass Russland über funktionierende Technik verfügt, dafür gab es zuvor schon soviele klare Indizien, dass der schlagende Beweis nun unnötig war.

8500 Tonnen Weltraumschrott im Erdorbit

Gefährlich war der russische Satellitenabschuss, weil er die Besatzung der internationalen Raumstation in eine brenzlige Lage gebracht hat. Da im Erdorbit rund 8500 Tonnen Weltraumschrott ihre Bahnen ziehen, kommt es immer wieder vor, dass die ISS ihren Kurs korrigieren muss, um einer Kollision mit größeren bekannten Trümmerteilen aus dem Weg zu gehen. Doch solche Ausweichmanöver benötigen viele Stunden Vorlauf. Diesmal kam die Gefahr praktisch aus dem nichts. Denn das russische Verteidigungsministerium hatte es offenbar versäumt, die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos zu informieren, die den Betrieb der ISS mitverantwortet. Um der gefährlichen Trümmerwolke nach der Explosion des Satelliten auszuweichen, fehlte deshalb die Zeit. Die ISS-Astronauten konnten nur abwarten und hoffen, dass es keinen gravierenden Treffer gibt.
Die größte Gefahr sind aber die unkalkulierbaren Langzeitfolgen der Abschuss-Aktion. Aus den über 1500 Trümmerteilen des zerstörten russischen Satelliten, die man von der Erde aus sehen kann, könnten durch Kollisionen schon bald hunderttausende kleinerer Partikel werden, die sich per Radar nicht mehr orten lassen: Zentimetergroße Geschosse, die mit zigtausend Stundenkilometern durchs All rasen. Schon die kleinsten haben beim Aufprall die zerstörerische Wirkung einer Handgranate und können Satelliten und Raumfahrzeuge ernsthaft beschädigen.

Mehr Schaden als Nutzen

Bereits heute kreist in manchen Umlaufbahnen so viel Weltraumschrott, dass dort regelmäßig Satelliten getroffen werden und ausfallen. Zudem warnen Fachleute seit Jahren vor gefährlichen Kettenreaktionen, die zum lawinenartigen Anstieg von Trümmerteilen führen und Teile des Orbits über Jahrzehnte unbrauchbar machen könnten. Mit ihrem Satellitenabschuss haben Russlands Militärs das Müllproblem im All verschärft. Auf den Triumph über den erfolgreichen Test, dürfte deshalb auch in Moskau bald die ernüchternde Erkenntnis folgen, dass man den eigenen Raumfahrtambitionen langfristig mehr geschadet als genutzt hat.

Juristisch ohne Folgen

Mit juristischen Folgen hat Moskau indes nicht zu rechnen. Trotz jahrelanger internationaler Bemühungen, das Weltraumschrott-Problem mit verbindlichen Regeln in den Griff zu bekommen, gilt im Orbit immer noch nicht das Verursacherprinzip. Wer dort Müll hinterlässt, muss nicht dafür sorgen, dass er ordnungsgemäß entsorgt wird.
Es wird höchste Zeit, dass sich das ändert, technisch machbar wäre schon vieles. Und wenn Russlands egoistische Aktion der Welt die Augen öffnet, wie dringend dieses Problem angegangen werden muss und wie wichtig es wäre, die Aufrüstung des Orbits zur Kampfzone einzudämmen, dann hätte dieser Satellitenabschuss am Ende immerhin doch etwas Gutes gehabt.