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StartseiteDeutschland heuteGabriels Reise durch die SPD-Diaspora27.11.2018

Sachsen-AnhaltGabriels Reise durch die SPD-Diaspora

Der frühere Vizekanzler und Außenminister Sigmar Gabriel tingelt zur Zeit durch die Dörfer in Sachsen-Anhalt, um für seine Partei zu werben. Die SPD hat dort nur wenige Mitglieder, teilweise gibt es nicht mal einen Ortsverein. Beim Publikum kommt der Politiker gut an.

Von Christoph Richter

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Sigmar Gabriel (SPD), früherer Vizekanzler und Außenminister, steht an einer Flussmündung (picture-alliance / dpa / Can Merey)
Sigmar Gabriel macht in Sachsen-Anhalt Werbung für die SPD (picture-alliance / dpa / Can Merey)
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"Vielen Dank, dass sie heute hierher gekommen sind. Ist ja auch nicht normal, dass man seinen Abend bei den Sozis verbringt. Es sei denn man muss."

Der frühere Außenminister, ehemalige Bundesvorsitzende und einstige Vizekanzler Sigmar Gabriel ist heiter, locker und gelöst. Und in Sachsen-Anhalt als SPD-Aufbauhelfer unterwegs. Heute macht Gabriel Station im Gasthof zum Goldenen Adler in Elbingerode, einem kleinen Harz-Ort, der direkt unterhalb des Brockens liegt.

Kaum SPD-Mitglieder in ländlichen Gebieten

Gerade in den ostdeutschen ländlichen Gegenden gibt es kaum noch SPD-Mitglieder. Wenn die deutsche Sozialdemokratie aber ihrem Anspruch gerecht werden will, eine gesamtdeutsche Volkspartei zu sein, muss sie Ostdeutschland stärker in den Blick nehmen, sagt Gabriel. Weshalb er nun über die Dörfer tingelt. Um den Sozialdemokraten in der Diaspora den Rücken zu stärken, es ist aber auch eine SPD –Werbetour.

"Das ist so die Idee: Politik nicht einfach denen da oben zu überlassen, sondern wieder mehr mitzumachen. Demokratie kennt keinen Schaukelstuhl. Die ist im Eimer, wenn alle glauben, sie könnten es besser. Nur mitmachen will keiner. Das funktioniert nicht. Gleichzeitig müssen sich die Parteien ändern, die sind manchmal stinklangweilig, bürokratisch. Arbeiten an den Leuten vorbei. Das ist der Grund, warum wir gedacht haben, wir machen mal so eine Reihe quer durch Sachsen-Anhalt."

Verständnis für die Verbitterung

Gabriel – der heute nur noch als einfacher Abgeordneter im Bundestag sitzt - kommt bei den Leuten an. Er hat immer einen Scherz auf den Lippen. Aber er geht auch keiner Diskussion aus dem Weg. Und hat Verständnis für die Verbitterung so manch Ostdeutscher, nach den Erfahrungen der letzten 30 Jahre.

"Wissen Sie, Ostdeutschland gibt es im mdr, im rbb und gelegentlich im Deutschlandfunk, aber nur weil er neben mir steht. Ich glaube, da ist viel verloren gegangen an Respekt, an Würde, an dem Eindruck, wir seien gleichberechtigt."

Für Gabriel ist der Ausflug aus Goslar auf der niedersächsischen Seite des Harzes in den Ostharz sowas wie ein Heimspiel. Obwohl er die große Weltbühne kennt, hat man den Eindruck als sei der Ausflug in die Tiefen der Provinz für Gabriel kein Abstieg. Ganz im Gegenteil. Man spürt richtiggehend Lust bei Gabriel, mit den Menschen von der Basis ins Gespräch zu kommen. Mit ihnen zu scherzen.

"Ich habe mal eine lustige Veranstaltung in Magdeburg gemacht. Und da hat einer gesagt, sie entführen eine Magdeburgerin in den Westen. Das ist eine Schweinerei. Da habe ich gesagt, die ist nicht aus Magdeburg, die ist aus Halle. Dann hat er gesagt, dann ist nicht so schlimm."

Im Laufe des Abends entspinnen sich handfeste Diskussion, über die Weltpolitik, aber auch über die Probleme vor Ort. Es geht um die Russland-Sanktionen, Waffen-Exporte, aber auch um ganz kleinteilige Anliegen, wie Straßenausbau-Beiträge. Gabriel läuft durch die Reihen, schaut den Menschen in die Augen. Die sind verwundert, dass ein Politiker sich so viel Zeit für sie nimmt.

"Der Auftritt war gut, er konnte mich aber nicht überzeugen. Und ich werde jetzt mit 70 Jahren in keine Partei mehr eintreten", sagt Klaus Kunth aus Halberstadt, ein früherer Mitarbeiter der Deutschen Bahn.

Nur wenig Jugendliche im Publikum

Mitunter hat die Veranstaltung was von einer Politik-Schulstunde. Re-Education. Gabriel erklärt geduldig, wie Politik im Einzelnen funktioniert. Was der Unterschied zwischen Fraktion und Partei ist, wie ein Koalitionsvertrag zustande kommt. Er spricht den Bürgern nicht nach dem Mund, sondern gibt auch schon mal die klare Kante. Appelliert an Weltoffenheit. Die interessierten Besucher sind meist 60 und älter, nur wenige junge Menschen sind im Publikum.

"Ich sag mal so, wir haben das in der Zeitung gelesen, wir besuchen den Sozialkunde-Kurs in der Schule. Und haben uns gedacht, warum nicht mal so einer Veranstaltung beiwohnen. Um sich das mal anzuhören, was so gesagt wird."

Lukas Sida geht in die 11. Klasse am Gerhart-Hauptmann Gymnasium in Wernigerode. Einen Partei-Eintritt kann er sich derzeit nicht vorstellen. Zur Zeit ausgeschlossen, sagt der 18jährige Schüler.

"Ist doch traurig, dass die SPD mit ihren Inhalten die jungen Leute nicht mehr erreichen kann, dadurch den Platz bietet für andere Parteien, wie die AfD etc."

Gabriel hat Spaß an den Begegnungen

Sachsen-Anhalt ist sowas wie eine sozialdemokratische Diaspora. Vom Schulz-Boom – als es viele Neu-Eintritte gab – konnte die SPD nicht profitieren. Viele der neuen Mitglieder sind längst wieder ausgetreten. Zumindest in Sachsen-Anhalt. Derzeit hat hier die Partei etwas weniger als 3.700 Mitglieder. Landesweit. Damit ist der Landesverband Sachsen-Anhalt so groß, wie der Kreisverband Hannover. Gabriel ist unbeeindruckt.

"Macht Spaß. Ich habe es ja begründet, ich habe viel Glück in meinem Leben durch die SPD gehabt. Jetzt will ich etwas zurückgeben, da wo die SPD nicht so stark ist. Mit den Leuten zu reden, wie man die SPD wieder stärker machen will. Mir macht es jedenfalls Freude."

Die Veranstaltung soll keine einmalige Sache sein. Weshalb Gabriel am Ende allen eine Hauptaufgabe mit auf den Weg gibt, sich Gedanken darüber zu machen, was die SPD in Zukunft anders machen müsse. Denn im Frühjahr will Gabriel – das klingt fast nach einer Drohung - nach Elbingerode in den Ostharz wiederkommen.

"Ist das okay? Ist das ein Vorschlag? Wehe Sie kommen beim nächsten Mal nicht. Also das wäre blöde. Ich komme wieder. Tschüss und bis dann."

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