Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInterview"Zeigt auf der Straße, dass wir nach wie vor die Mehrheit sind"02.09.2018

Sachsen gegen Rechts"Zeigt auf der Straße, dass wir nach wie vor die Mehrheit sind"

Nach den Vorfällen in Chemnitz betont der Musiker Sebastian Krumbiegel, es gebe auch in Sachsen sehr viele Menschen, die "auf der andere Seite der Barrikaden" stünden. Ein fürchterliches Verbrechen sei benutzt worden, um Rassismus zu schüren, sagte er im DLF - doch dagegen müsse nun Haltung gezeigt werden.

Sebastian Krumbiegel im Gespräch mit Birgid Becker

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der Musiker Sebastian Krumbiegel bei einem Konzert zu Ehren von Peter Maffay (picture alliance / dpa / Georg Wendt)
Der Musiker Sebastian Krumbiegel appellierte im Dlf, dass sich - ob Künstler oder Taxifahrer - jeder positionieren sollte (picture alliance / dpa / Georg Wendt)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Birgid Becker: Die ausländerfeindlichen Hetzjagden vor einer Woche in Chemnitz - ausgelöst, oder vielleicht besser zum Vorwand genommen durch eine Gewalttat, deren Opfer ein Deutscher und die mutmaßlichen  Täter Asylbewerber waren: Es scheint, als bräuchte es nur ein bestimmtes Muster, um Hass und Hetze auf Deutschlands Straßen, vor allem im Osten, vor allem in Sachsen die Oberhand gewinnen zu lassen. Was läuft da völlig schief? Darüber möchte ich mit Sebastian Krumbiegel sprechen. Guten Morgen!

Sebastian Krumbiegel: Einen schönen guten Morgen!

"Ich bin fest davon überzeugt, dass wir keine Minderheit sind"

Becker: Herr Krumbiegel, Sie sind Sänger, Solokünstler, Sänger bei der Band Die Prinzen, gebürtiger Leipziger und jetzt zähle ich mal ein bisschen was auf, was sie im Moment im Osten fast ein bisschen einsam machen könnte: Sie unterstützen die Amadeu Antonio Stiftung, machen mit beim Bündnis Dresden nazifrei, beim Flüchtlingsrat Leipzig, bei Schulen ohne Rassismus und so geht das weiter - Sie sind also ziemlich das Gegenteil dessen, was in Chemnitz gestern beim sogenannten Trauermarsch von AfD und der Gruppierung Pro Chemnitz auf der Straße war. Ist man mit seiner Haltung im Moment im Osten eine Minderheit?

Krumbiegel: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das nicht sind. Es ist natürlich sehr schwierig, was gerade für Botschaften aus Sachsen, aus dem Osten kommen, aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir keine Minderheit sind. Natürlich kann man sagen, dass sich da schon ein bisschen was gewandelt hat in den letzten Monaten, in den letzten Jahren, und natürlich kann man auch sagen, dass gerade viele Dinge in Sachsen auch politisch selbst gemacht sind. Aber was ich immer versuche - auch wenn ich da manchmal das Gefühl habe, gegen Windmühlen anzukämpfen, aber ich versuche immer zu sagen, dass es sehr, sehr viele Menschen gibt - auch bei uns in Sachsen, die, um es mal pathetisch zusagen, auf der anderen Seite der Barrikade stehen. Also natürlich hören wir die Medienberichte, die kommen aus Chemnitz,  die aus vielen Sächsischen Städten kommen, die jetzt gerade natürlich in diesen Tagen aus Chemnitz kommen, die eben besagen, dass eine Mehrheit der Demonstranten auf der einen Seite stehen und eine Minderheit der Demonstranten auf der anderen Seite. Und da müssen wir uns drüber Gedanken machen, warum ist das so, sind wir wirklich noch die Mehrheit oder sind wir mittlerweise eine Minderheit. Ich wäre traurig, wenn ich wüsste, dass wir die Minderheit wären. Ich glaube, wir sind nicht die Minderheit.

Becker: Es gibt ein Lied von den Prinzen mit dem Titel "Deutschland", in dem heißt es einerseits: "Es kann jeder hier wohnen, dem es gefällt / wir sind das freundlichste Volk auf dieser Welt", ein bisschen später heißt es aber auch: "Wir sind besonders gut in Auf-die-Fresse-Haun, auch im Feuerregen kann man uns vertraun". Der Text ist aus dem Jahr 2001, schon eine zeitlang her. War das Land immer so - und hat es nur nicht gezeigt?

Krumbiegel: Ja, uns hat ein kleines bisschen die Realität eingeholt. Wir sind gerade unterwegs, wir sind gerade auf Tour, wir haben gestern Abend gespielt in Odental im Oberbergischen, und wir haben auch "Deutschland" gespielt, dieses Lied, und ich habe vorher gesagt, dass uns da ein bisschen die Realität eingeholt hat, was diesen Text betrifft, und dass ich trotzdem gerne die Botschaft senden möchte, dass aus Sachsen eben noch andere Signale kommen. Und da geht's mir nicht um Imagekorrektur, dabei geht's mir nicht darum, ein vermeintlich besseres oder ein geschöntes Bild von meinem Heimatbundesland zu bringen. Sondern mir gehts darum zu sagen, ich komme da her und ich kennen einen Haufen Leute, die aus Sachsen kommen, ein Haufen Leute die wirklich, um es noch mal zu sagen, auf der anderen Seite der Barrikade stehen. Ich hab natürlich gestern mit vielen Leuten kommuniziert, mir Freunden von Vereinen, die ich unterstütze in Sachsen, aus Stolberg der Verein "Menschlichkeit als Tradition", und jetzt der Zittauer Verein "Augen auf", die alle sagen, sie sind natürlich gerade in der Zeit auch in Chemnitz dabei, wir sehen aber auch genau, dass die Leute, mit denen diese Vereine als - ich sage das böse Wort, als Gegner zu tun haben, als Leute, die wiederum auf der anderen Seite der Barrikade stehen, dass wir die eben auch in den Medien sehen.

Und natürlich wissen wir auch alle miteinander, dass viele Leute gerade Chemnitz auch benutzen als Pilgertätte, um da hinzurennen.  Nicht nur aus Ostdeutschland, sondern aus ganz Deutschland die Leute da eben hinreisen, um zu sagen, wir wollen jetzt mal hier zeigen - wie sie selbst sagen -, wer das Sagen hat, wer die Straße besitzt, wer die Deutungshoheit hat.  Und ich möchte immer wieder die Botschaft rüberbringen zu sagen: Liebe Leute, die ihr jetzt gerade zuhört, liebe Leute, die ihr gerade skeptisch auf Sachsen guckt, auf Chemnitz guckt, was ich genauso mache: Bitte wisset, dass ein Haufen Leute da sind, die auf der anderen Seite stehen und die eben keine Idioten sind, die keine Arschlöcher sind. Und das habe ich gestern auch bei der Ansage zum Deutschland-Lied gemacht bei uns.

"Eine rote Linie ist überschritten"

Becker: Wie sehr können Sie sich auf der anderen Seite reinfühlen in Menschen, die wirklich vielleicht in Furcht geraten oder empört sind, wenn es genau zu so etwas kommt, was jetzt in Chemnitz der Auslöser war oder was als Auslöser genutzt wurde - also ein Deutscher wird erstochen, die mutmaßlichen Täter kamen als Asylbewerber ins Land - wie sehr können Sie sich reinfühlen in Menschen, bei denen das tatsächlich Angst auslöst und die das dann auf die Straße treibt?  

Krumbiegel: Also erst mal muss man sagen, dass - frag einen  Psychologen, der wird dir immer sagen, das Gefühl Angst kannst du nicht einfach wegmachen. Du kannst nicht einfach sagen: Hab mal gefälligst keine Angst mehr. Das ist die eine Seite. Und das versuche ich immer, mir zu verinnerlichen, wirklich zu sagen, du kannst nicht irgendwelchen Leuten einfach sagen, hab mal gefälligst keine Angst mehr, keine Zukunftsängste, keine Verlustängste, was weiß ich was. Aber auf der andern Seite möchte ich ganz klar sagen: Wenn man in einer Demonstration mitläuft, obs jetzt Pegida sei oder ob es eine AfD-Demo sei, bei denen eben Leute mitlaufen, die klar gewaltbereit sind, die klar ausländerfeindlich sind, die, wie wir jetzt auch gesehen haben wie in Chemnitz oder wie bei anderen Demos wie bei Pegida, die Hitlergruß zeigen, da muss ich mir ganz klar sagen: Wenn ich da mitmarschiere und das sehe, dann muss ich einfach wissen: Es ist eine Schwelle überschritten, es ist zu viel, eine rote Linie ist überschritten und da muss man ganz klar sagen: Wenn du nach wie vor sagst, ich bin Sympathisant von Pegida oder Sympathisant auch von der AfD oder eben von populistischen oder rechtspopulistischen Strömungen, wenn ich sehe, dass in Dresden bei der Pegida-Demo ein Haufen Leute "absaufen, absaufen" schreiben, wenn es um die Seenotrettung geht, dann kann ich nur sagen: Leute, wenn ihr da dabei seid, dann kann ich nur sagen, ihr habt den Schuss nicht gehört.

Und wenn ihr nach wie vor sagt, ihr sympathisiert damit, dann kann ich mit diesen Leuten nicht mehr reden, dann kann ich auch - ich kann mit Rassisten nicht mehr diskutieren und kann nicht mehr sagen, hey, ich versteh ja deine Ängste, ich versteh ja deine Sorgen, da muss ich ganz klar mich abgrenzen, da muss ich ganz klar sagen: Nein, diese Grenze ist überschritten und da habe ich keinerlei Verständnis mehr.

"Diese Leute wollen gar nicht mit sich reden lassen"

Becker: Das wollte ich Sie gerade fragen: Haben sie als Künstler andere Möglichkeiten, mit Leuten zu reden, die also jetzt auf der sogenannten Trauerfeier der AfD gestern in Chemnitz mitmarschiert sind und die auch, wenn sie neben einem Typen stehen, der den Hitlergruß zeigt, sagen: Nein, ich bin kein Nazi. Sie sagen, mit den Leuten kann man nicht reden - muss man aber nicht vielleicht genau mit diesen Leuten reden?

Krumbiegel: Ich fürchte, das Problem ist, dass diese Leute mit sich gar nicht reden lassen wollen. Es ist genau wie mit Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, die dir einfach mit leuchtenden Augen gegenüberstehen und dir sagen: Mach doch mal die Augen auf, siehst du denn nicht, was hier abgeht, siehst du denn nicht, was hier los ist? Mit den Leuten kannst du nicht reden, weil diese Leute nicht mit sich reden lassen wollen. 

Ich finde es sehr wichtig, dass wir heute versuchen, über Deutungshoheit zu reden, dass wir wirklich darüber reden, wer hat hier das Sagen, wer ist hier die Mehrheit, wer ist hier die Minderheit. Ich bin großer Sympathisant von den Leuten, die sich jetzt morgen in Chemnitz einfinden werden, die dort eben als Künstler Musik machen werden - ich glaube, die sind alle nicht deswegen angetreten, weil sie fest davon überzeugt sind, die Welt zu retten, weil sie fest davon überzeugt sind zu sagen, wir können hier irgendwie was reißen, aber ich glaube, dass jeder Mensch - egal, ob er ein Künstler ist oder ich sag jetzt mal ein ganz normaler Mensch ist, ober er ein Taxifahrer ist, ob er im Büro arbeitet oder an der Kasse sitzt: Er sollte sich jetzt positionieren.

Ich bin weit davon entfernt, den Teufel an die Wand zu malen. Ich bin weit davon entfernt zu sagen, gruselig und das wird alles genauso, wie es 1933 war. Aber wir müssen davon ausgehen, dass damals, also Ende der 1920er, Anfang der 1930er hatten die Nazis in Deutschland auch nur unter 20 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung. Und das ist heute eben auch so. Ich folge Böhmermann auf Twitter, der eben getwittert hat, liebe Freunde, könnt ihr euch noch erinnern, als wir damals noch die 87 Prozent waren, als damals die AfD in Anführungsstrichen nur 13 Prozent Zustimmung hatte - mittlerweile sind es ja ebne nicht mehr 87 Prozent Mehrheit, sondern nur noch 83 Prozent Mehrheit, weil die AfD bundesweit eine Zustimmung von 17 Prozent hat. Und das sind Alarmlampen, die wir ernstnehmen sollten und das sind wichtige Dinge, mit denen wir auch die Politik in die Pflicht nehmen sollten - vielleicht sogar gerade in Sachsen. In letzter Zeit sind viele Fehler gemacht worden. Und es ist ja nicht mehr nur so, dass die Politik gerade in Sachsen, die konservative  seit fast 30 Jahren CDU-Regierung in Sachsen nur auf dem rechten Auge blind ist, sondern sie hat es teilweise auch befeuert.

"Da fehlt mir jedes Verständnis für"

Becker: Es gibt also schon - wir müssen ein Ende finden - es gibt also schon, glauben Sie, den klaren Appell bei Ihnen am Ende: Jetzt müsste Haltung gezeigt werden.

Krumbiegel: Unbedingt, also ich bin da fest von überzeugt. Weil ich kann mich nicht mehr daneben stellen und sagen, ach ja, die armen besorgten Bürger. Da muss ich ganz ehrlich sagen, da fehlt mir jedes Verständnis für, wenn in Dresden die Leute bei Pegida "absaufen, absaufen" rufen oder wenn, was wir jetzt alle, wenn wir uns dafür interessieren, was eben für Zeichen gerade aus Chemnitz kommen, wo eine Stadt dafür benutzt wird, eine Tat dafür benutzt wird, ein fürchterliches Verbrechen, das begangen worden ist, wirklich dafür benutzt wird, Rassismus zu schüren, dann muss ich ganz klar sagen: Liebe Leute, bitte, bitte bitte: Zeigt auf der Straße, dass wir nach wie vor die Mehrheit sind.

Becker: Danke, Sebastian Krumbiegel war das, Bandmitglied bei den Prinzen, sie sind auf Tour, hatten gestern ein Konzert - danke fürs frühe Gespräch, einen schönen Sonntag!

Krummbiegel: Ich danke Ihnen, tschüss!

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk