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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenVerweltlichung und Glaubenstradition18.12.2014

Säkulares EuropaVerweltlichung und Glaubenstradition

Europa ist weitgehend säkularisiert, Kirche und Staat klar voneinander getrennt. Welche Bedeutung hat das Christentum also noch in den europäischen Gesellschaften? Auf einem Symposium der Fritz-Thyssen-Stiftung diskutierten Soziologen, Philosophen und Staatsrechtler, wieso es überhaupt zu der Trennung von Kirche und Staat kam.

Von Ingeborg Breuer

"Säkularisierung bedeutet, dass das Religiöse und das Politische und das Weltanschauliche sich voneinander absetzen. Und dass das ein fortschreitender Prozess ist, in dem Staat und Kirche getrennt werden und man aus einer weltlichen oder sogar atheistischen Perspektive denkt."

Europa ist ein säkularer Kontinent. Die Trennung von Staat und Kirche, von Religion und Politik gilt als grundlegende Errungenschaft der Moderne. Zugleich aber steht Europa in der Tradition des Christentums. Welche Bedeutung dieser Tatsache für die Entwicklung unseres Kontinents zukommt, war Thema des interdisziplinären Symposiums "Religion im säkularen Europa", das vergangene Woche bei der Fritz-Thyssen-Stiftung in Köln stattfand.

"Die Säkularisierung ist die letzte Konsequenz eines Sonderwegs."

"Säkular" bedeutet übrigens nicht nur "weltlich", sondern ebenso "außergewöhnlich". Und so verlief die europäische Geschichte eben auch "außergewöhnlich", beschrieb der emeritierte Bielefelder Soziologe Prof. Franz Xaver Kaufmann. "Der europäische Sonderweg der Religion" war sein Thema. Und zu diesem Sonderweg gehörte eben, dass sich:

"Die Religion aus der Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse heraus entwickelt hat zu einer Art Gegenüber, sich selbst verstehend als das Gegenüber zur Welt: Kirche und Welt - Papst und Welt. Und die Gesellschaft hat sich immer mehr von den Kirchen entfernt."

Franz Xaver Kaufmann holte weit aus. Die Entstehung des Monotheismus im Judentum, der Einfluss des weltlichen römischen Rechts auf das Papsttum, der mittelalterliche Investiturstreit zwischen Papst und Kaiser - dies alles waren Voraussetzungen dafür, dass das Sakrale und das Weltliche zu getrennten Sphären wurden. Und die mittelalterliche scholastische Philosophie führte zu einer Verwissenschaftlichung des Glaubens und machte Vernunft zum Kriterium auch der theologischen Erkenntnis.

"Die von Religion und Autorität unabhängige Religionsbegründung ist für das Abendland sehr wichtig", erläuterte der Tübinger Philosoph Prof. Otfried Höffe.
"Auch für die christlichen Theologen wie Thomas von Aquin, die ganz nachdrücklich sagen, dass Vernunft eine ganz eigene Instanz ist, und die muss nicht irgendeiner autoritativen Religion unterworfen werden."

Vernunft gewann an Macht

Die Welt mittels der menschlichen Vernunft zu verstehen - und nicht durch magisch-mythisch-religiöse Vorgaben - ist wohl eines der auffälligsten - und ältesten - Kennzeichen des europäischen Sonderwegs. Etwa wenn die Vorsokratiker vor ungefähr 2.500 Jahren bereits 'natürliche' und nicht göttliche Kräfte in Naturerscheinungen am Werk sahen.

"Etwa bei Xenophanes, er wendet sich gegen die Volksreligion. Die sieht in allen Ereignissen der Natur irgendwelche Götter am Werk. Und dann sagt er von dem Regenbogen, das ist keine Iris, keine Göttin, sondern das ist auch nur eine Wolke, eine Naturerscheinung, gelb, grün, violett und andersfarbig anzuschauen."

Ebenso zweifelte Xenophanes an der griechischen Götterwelt, wie sie etwa von Homer vorgestellt wurde. Für den Vorsokratiker waren diese Götter Geschöpfe der Menschen mit entsprechend menschlichen Attributen. So wie "wenn die Pferde Götter hätten, diese wie Pferde aussehen würden."

"Er sagt, so können die Götter doch gar nicht gedacht werden. Götter, wenn sie das sind, was man erwartet, dann muss es einer sein und nicht viele. Und dieser eine muss auch die moralische Qualität des Vorbilds haben."

Früh ist hier bereits vorweggenommen, was dann in der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts mit Macht an Einfluss gewann. Die Vernunft wurde zur Grundlage und zum Maßstab menschlichen Handelns wie auch der wissenschaftlichen Forschung. Entsprechend kam es zu einem gesellschaftlichen wie geistigen Emanzipationsprozess, in dem alle Autoritäten kritisch hinterfragt wurden. Franz Xaver Kaufmann:

"Aufklärung nimmt dann auch die empirische, menschliche Wirklichkeit als die wesentliche und nicht mehr eine göttlich gewirkte Wirklichkeit. Es ist eben die der Wissenschaft, der empirischen Erforschung und der Spekulation über das Wesen des Menschen, der aber nun als aus sich selbst heraus Gesetze gebend verstanden wird."

Und so vermag der Mensch sich qua Vernunft auch sein eigenes Moralgesetz zu geben. Selbst die Religion, so folgerte der Philosoph Immanuel Kant, könne dieser Vernunft nicht widersprechen und eigenmächtig bestimmen, was moralisch geboten oder verboten ist. Vielmehr habe die Religion selbst den Prinzipien dieser Vernunft zu folgen. Allerdings hält Kant das Christentum wohlwollend für jene Religion, auf die "die Menschen durch den bloßen Gebrauch ihrer Vernunft von selbst hätten kommen können und sollen".

"Die Vernunft ist das Kriterium. Aber wenn man nur auf die Vernunft schaut, dann kommt man zu vielen Einsichten, aber es sind eventuell nicht alle Einsichten. Also muss man anerkennen, dass für ihn das Christentum Inhalte enthält -vor allem in seiner moralischen Vorbildlichkeit - die derartig paradigmatisch gut sind, dass man von denen lernen kann."

In der Tradition Kants beantwortete Otfried Höffe die Frage seines Vortrags "Ist Moralbegründung auf Religion angewiesen?" dann auch mit einem klaren "Nein". Räumte aber ein, dass sie durchaus hilfreich sein könne. Und diesem "Nein" folgt auch der moderne säkulare Rechtsstaat. Er bezieht seine Autorität nicht von oben, sondern vom Volk. Er ist ganz und gar von dieser Welt. Der Würzburger Staatsrechtler Prof. Horst Dreier:

"Aus dem Gedanken der Religionsfreiheit heraus ergibt sich das, was wir die weltanschauliche Neutralität des Staates nennen. Der Staat darf also dieses Feld der Sinnstiftung durch Religion und Weltanschauung nicht besetzen, muss sich also in ein Verhältnis der Äquidistanz zu den verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Gruppen zurückziehen."

Bleibt aber die Frage, ob nicht das Gedankengut des Christentums den Werten und Normen des modernen Rechtsstaates Vorschub gab? Ist nicht in der biblischen Aussage, dass alle Menschen gleich vor Gott sowie nach dessen Bild geschaffen seien, die Idee der Menschenwürde bereits angelegt?

"Wenn heute die katholische Kirche und auch die evangelischen Kirchen mit Bezug auf die Gottesebenbildlichkeitsvorstellung die Inhalte der heutigen Menschenwürdegarantie stützen und offensiv vertreten, dann ist das sehr zu begrüßen, hat aber nicht zur Folge, dass die Menschenwürdegarantie, wie wir sie im Grundgesetz haben, ein Grundmonopol auf christliche Genese anmelden könnte."

Europas ureigene Identität?

Lakonisch wies Horst Dreier darauf hin, dass das Christentum sich mit der Gleichheit aller Menschen lange schwer tat.

"Es hat 1.600 Jahre gedauert, bis man aus dem Satz "alle Menschen sind vor Gott gleich" auch die Folgerung gezogen hat, dann sind sie auch miteinander im politischen Gemeinwesen gleich. Und die katholische Kirche hat noch mal 300 Jahre länger gebraucht, bis sie das dann akzeptiert hat, nämlich im 2. Vatikanum. Vorher war das eine Verirrung."

Einen Gegenpol zu solch aufklärerischer Kühle gegenüber der Religion stellte der Vortrag über die Europäische Union des emeritierten Staatsrechtlers Prof. Josef Isensee dar. Für ihn ist das heutige Europa geradezu von einer "Christophobie" geprägt, wenn nämlich im europäischen Vertrag von Lissabon lediglich auf das "kulturelle, religiöse und humanistische", nicht aber auf das christliche Erbe Europas Bezug genommen wird.

"Die Europäische Union geniert sich, die christliche Vergangenheit Europas in irgendeiner Weise als Grundlage anzuerkennen und diese Tradition, in der sich der Kontinent zu einer geistigen Einheit gebildet hat, diese beim Namen zu nennen."

Damit die EU ihrem Ansehen als bloßem Zweckverband entkommen könne, müsse sich Europa auf seine ureigene Identität beziehen, nämlich seine im Christentum wurzelnden rechtlichen, geistigen und politischen Grundlagen.

"Das Europa der Wertegemeinschaft möchte ja auch über das Europa der Staaten und der Märkte ein Europa der Bürger werden und möchte in irgendeiner Weise die Bürger der Mitgliedsstaaten als Unionsbürger wiederfinden."

Mit einem Bekenntnis zum christlichen Erbe Europas, so Josef Isensee, könne das Herz der Menschen getroffen und den Europäern zu einem "Wir-Bewusstsein" verholfen werden. Ob dies allerdings im Zeitalter von "Bastelreligionen", von massenhaften Kirchenaustritten und religiöser Indifferenz vieler Bürger wirklich der Fall wäre, muss bezweifelt werden.

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