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StartseiteDie neue PlatteBewundert, verfemt, vergessen und wieder entdeckt08.08.2021

Sämtliche Lieder von Erwin SchulhoffBewundert, verfemt, vergessen und wieder entdeckt

Erwin Schulhoff gehört zu jener Generation von Komponisten jüdischer Herkunft, die während der NS-Zeit Verfolgung erlitten und zu Tode kamen. Ihre seinerzeit als "entartet" diffamierten Werke, die in Vergessenheit gerieten, werden heute wieder aufgeführt und in ihrer Bedeutung erkannt.

Am Mikrofon: Klaus Gehrke

Auf dem Bild sind Noten zu sehen mit dem Titel "Erwin Schulhoff: Ostinato". (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Die Aufnahme aller Lieder Schulhoffs ist beim jungen Berliner Label "bastille musique" erschienen. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
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Musik: Erwin Schulhoff - "Tanzlied" aus "Drei Lieder" op. 19a

Als Erwin Schulhoff, geboren 1894 in Prag, das "Tanzlied" nach einem Text von Otto Julius Bierbaum vertonte, war er gerade einmal 17 Jahre – und galt als bemerkenswerter Shootingstar der damaligen Musikszene. Schon die ersten veröffentlichten Kompositionen des Neunjährigen hatten beispielsweise den Dirigenten Arthur Nikisch so beeindruckt, dass der sich für den Jungen einsetzte. Ab 1908 studierte Schulhoff zunächst in Leipzig unter anderem bei Max Reger und schloss später in Köln seine Ausbildung mit Auszeichnung ab. 1913 gewann der ebenfalls exzellente Pianist den renommierten Felix-Mendelssohn-Preis. Zu diesem Zeitpunkt hatte Schulhoff sich kompositorisch bereits von der Spätromantik zum Expressionismus gewandt; das klingt unter anderem im Stück "Wir gehen im lauten Novemberwind" aus den Vier Liedern für Bariton und Klavier op. 9 deutlich an.

Musik: Erwin Schulhoff - "Wir gehen im lauten Novemberwind" aus "Vier Lieder" op. 9

Kurz nach seinem 20. Geburtstag wurde Schulhoff im Spätsommer 1914 als österreichischer Soldat zum Frontdienst im Ersten Weltkrieg eingezogen. Die Erlebnisse dort wirkten sich nicht nur auf seine Persönlichkeit aus, sondern beeinflussten auch dessen kompositorische Entwicklung. Zu den wenigen Werken, die während der Kriegszeit entstanden, gehören die Fünf Lieder nach Texten von Christian Morgenstern op. 20, die während eines Fronturlaubs 1915 entstanden. Hier präsentiert Schulhoff sich als bissig ironischer Bänkelsänger und Chansonnier. "Galgenbruders Lied an Sophie" erinnert in seiner drastischen Art zudem an die spöttischen Lieder Gustav Mahlers.

Musik: Erwin Schulhoff - "Galgenbruders Lied an Sophie" aus "Fünf Lieder" op. 20

Wandel durch den Weltkrieg

Als der Erste Weltkrieg im November 1918 zu Ende ging, hatte sich das einstige Frühtalent aus großbürgerlichem Hause zu einem überzeugten Pazifisten, Sozialisten und Musikrevolutionär gewandelt. Beispielsweise widmete Schulhoff seine 1919 komponierte Symphonie "Menschheit" dem ermordeten kommunistischen Politiker Karl Liebknecht. Er veranstaltete Fortschrittskonzerte, in denen neben eigenen Stücken Werke von Schönberg, Webern oder Hauer erklangen und begeisterte sich für den Dadaismus und den Jazz. Ebenfalls 1919 entstanden die Fünf Gesänge mit Klavier op. 32. Sie markieren das vorläufige Ende seiner Beschäftigung mit der Gattung Lied und gehören zu Schulhoffs ambitioniertesten und fortschrittlichsten Werken. In der Notation verzichtete er beispielsweise auf Taktstriche, Dynamikvorschriften und Vorzeichen, um "die Freiheit der Ausführung möglichst unbehindert zu lassen", wie es im Vorwort zu den Gesängen heißt. Lediglich die Tempoangaben sind für die Solistin, in diesem Fall die Sopranistin Sunhae Im, ein Hinweis zur Gestaltung, die ansonsten komplett ihr überlassen wird. Zusammen mit dem Pianisten Klaus Simon präsentiert sie die Lieder mit großer Ausdruckskraft.

Musik: Erwin Schulhoff - "Nr. 3" aus "Fünf Gesänge" op. 32

Versierte Interpretinnen und Interpreten

Die in Südkorea geborene und in Berlin lebende Sunhae Im hat sich als Opern- und Konzertsängerin international einen Namen gemacht. Schulhoffs Werke lernte sie erst bei dieser Produktion kennen. Der Bariton Hans Christoph Begemann dagegen hat mit dem Pianisten Klaus Simon bereits im November 2015 im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums des Berliner Fördervereins "Musica reanimata" mehrere Lieder des Komponisten uraufgeführt. Simon, der unter anderem bei Aloys Kontarsky, Hans Zender und Johannes Kalitzke studierte, arbeitet auch als Dirigent, Arrangeur und Herausgeber. Er ist für die erste kritische Notenedition aller Lieder von Schulhoff verantwortlich, die der vorliegenden Einspielung auch zugrunde liegt. Diese beinhaltet nicht nur die zu Schulhoffs Lebzeiten erschienenen Liedzyklen, sondern auch bisher unveröffentlichte Stücke sowie Fragmente und Bearbeitungen von Liedern, für die Simon die Klavierstimme erstellte. Dazu kommt ein überaus informatives Booklet, unter anderem mit einem Text des Musikwissenschaftlers und "Musica reanimata"-Mitbegründers Albrecht Dümling, sowie ein separater Liedtextteil. Die CD-Box mit allen Liedern Schulhoffs macht nicht nur dessen kompositorischen Wandel deutlich; sie zeigt auch, dass er sich nicht durchgehend mit der Gattung beschäftigte.

Proletarierlieder und tschechische Volksweisen

Nach den Gesängen op. 32 von 1919 schrieb Schulhoff überwiegend Kammermusik und experimentierte unter anderem mit Elementen des Jazz. In den 1920er und frühen 1930er Jahren gehörte er zu den progressivsten und innovativsten Komponisten der deutschen Musikszene. Aus dieser wurde Schulhoff nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 durch Veröffentlichungs- und Aufführungsverbote verdrängt. Im gleichen Jahr wandte er sich mit dem Zyklus "1917" für Bariton und Klavier wieder der Gattung Lied zu. Zwar weckt der Titel Assoziationen an die bolschewistische Revolution im zaristischen Russland; die Texte der zwölf Lieder greifen inhaltlich jedoch Elend und Ausbeutung an, die Bauern, Handwerker und Industriearbeiter in den Zeiten vor 1917 erlitten. Sie stammen unter anderem von Louise Michel, Rudolf Fuchs und Erich Mühsam, der 1934 von der SS im Konzentrationslager Oranienburg ermordet wurde.

Musik: Erwin Schulhoff - "unversöhnlich" aus "1917" Liederzyklus WV 110

In seinem Liedzyklus "1917" präsentiert Schulhoff sich musikalisch wieder ganz anders als in seinen vorherigen Vokalkompositionen. Passend zu den klassenkämpferischen Texten übernimmt er Elemente der damaligen sozialistischen Proletarierlieder: klare Melodik und Struktur, marschartige Rhythmik und weniger komplizierte Harmonik. Wiederum ganz andere Töne schlug Schulhoff in seinen tschechischsprachigen Liedern an, etwa in den 15 Gesängen und Tänzen aus Schlesisch-Teschen von 1936. Hier stellte er den schlichten Volksweisen eine expressionistisch gefärbte Klavierbegleitung gegenüber. In drei anderen tschechischen Liedern kommen Flöte, Viola und Violoncello als Begleitinstrumente hinzu und verleihen diesen eine besondere Farbigkeit, wie beispielsweise in dem von der Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner gesungenen "Wiegenlied".

Musik: Erwin Schulhoff - "Wiegenlied" WV 122

Rundum gelungene Einspielung

Die Aufnahme aller Lieder Schulhoffs ist die zwölfte Veröffentlichung des jungen Berliner Labels "bastille musique", das 2016 gegründet wurde und sich überwiegend der Musik des 20. Jahrhunderts widmet. Und sie fällt nicht nur künstlerisch, sondern auch optisch aus dem gewohnten Rahmen. Die hochwertigen Produktionen sind in geradezu aufreizend schlichten grauen Pappkartons verpackt, die lediglich ein weißer Aufkleber mit Angaben zu Komponist, Werk und Ausführenden ziert. So schlicht das Äußere, so packend ist der Inhalt. Auch diese CD-Box bietet eine überaus spannende Reise durch das sehr facettenreiche, aber weitgehend unbekannte Liedschaffen von Erwin Schulhoff. Dass er als einer der interessantesten Komponisten seiner Zeit galt, spiegelt sich in seinem vokalen Oeuvre durchaus wider.

Die Ausführenden in dieser Aufnahme, Sunhae Im, Tanja Ariane Baumgartner, Britta Stallmeister und Hans Christoph Begemann sowie Klaus Simon und Mitglieder der Holst-Sinfonietta, leuchten die Lieder in ganz unterschiedlichen beseelten Interpretationen aus: mal sensibel nuanciert, mal dramatisch aufbrausend oder empört trotzig. Schulhoffs Lieder haben es durchaus verdient, wieder regelmäßiger in Konzerten aufgeführt zu werden. Denn ihre Vielfältigkeit ist bemerkenswert. Das gilt auch für die letzten Lieder aus dem Jahr 1937, die in ihrer leichten und schwungvollen Art schon beinahe Schlagerqualität besitzen und die hier erstmals auf CD eingespielt wurden. Den Slowfox "Frauen, die der Mode trauen" schrieb Schulhoff auf einen tschechischen Text; die originale sowie die deutsche Version, gesungen von Sunhae Im und Britta Stallmeister, bilden den Schluss dieser exzellenten Anthologie.

Musik: Erwin Schulhoff - "Frauen, die der Mode trauen" WV 185 

Erwin Schulhoff - Sämtliche Lieder
Sunhae Im, Sopran
Britta Stallmeister, Sopran
Tanja Ariane Baumgartner, Mezzosopran
Hans Christoph Begemann, Bariton
Klaus Simon, Klavier
Mitglieder der Holst-Sinfonietta
3xCD bastille musique 4032324140069
LC 50532

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