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StartseiteCorso"Wirklich eine eigene Geschichte erzählen"14.05.2016

Sängerin Naima Husseini "Wirklich eine eigene Geschichte erzählen"

Naima Husseini hat es nicht gern, wenn ihre Musik in eine Schublade gesteckt wird, sagte die Sängerin im Deutschlandfunk. Sie lasse sich lieber von ihrer Musikbegeisterung leiten und versuche, auch eigene Erfahrungen einfließen zu lassen. Mit Therapie habe ihr Collagen-Song-Writing aber nichts zu tun, so Husseini, sondern damit, sich selbst nicht so ernst zu nehmen.

Naima Husseini im Corso-Gespräch mit Andreas Zimmer

Die Sängerin Naima Husseini (dpa / Britta Pedersen)
Steht auf "Dream Pop" und "Collagen-Songwriting": Die Sängerin Naima Husseini (dpa / Britta Pedersen)
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Andreas Zimmer: Ich habe mal im Internet ein bisschen geguckt und da schrieb ein Kollege vor vielen Jahren über Sie und Ihr Debütalbum: Gut Ding will Weile haben. Das ist wohl etwas, was Sie verfolgt?

Naima Husseini: Also ob es mich verfolgt, weiß ich nicht, aber das ist sicherlich meine Arbeitsweise. Also dass ich auch gerne viel Leben in der Musik habe, viel erlebe und viel sammle und auch mich dann in der Arbeit vertiefe. Um halt auch nicht aus dem Ärmel geschüttelte, spontane Klischees einfach festzuhalten, sondern wirklich ein eigenes Profil zu finden oder eine eigene Geschichte zu erzählen.

Zimmer: Was ist denn Ihr eigenes Profil?

Husseini: Ich meine einfach ein eigenes Profil musikalisch. Könnte ja sein, dass man nicht 100-prozentigen Hip-Hop, sondern dass man vielleicht eine Schnittstelle findet aus ganz vielen verschiedenen Musikrichtungen oder überhaupt Musiken, die einen total berühren, die dann zusammen ein ganz eigenes Musikgefühl oder einen ganz eigenen Stil ergeben.

Zimmer: Das 'man' heißt hier, es geht um Sie?

Husseini: 'Man' ist in dem Fall ich.

Zimmer: Und Sie haben so eine Art Collagen-Technik benutzt, um daraus etwas Neues zu erschaffen?

Husseini: Du kannst es auch so nennen, also Collagen-Songwriting. 

"Ich mache es ungern, meine Musik in eine Schublade zu stecken"

Zimmer: Ich würde es auch noch Dream Pop nennen. Es ist schon ein bisschen zurückgelehnter, finde ich und melodiös-nachdenklich. Vielleicht hie und da ein bisschen melancholisch. Früher hätte man, wenn es Rock gewesen wäre, vielleicht noch Shoegazer dazu gesagt. Das sind ja alles so Schlagworte. Wie würden Sie denn Ihre Musik bezeichnen?

Husseini: Ja, da gibt es, glaube ich, keinen ganz festgelegten Stil dafür. Also ich mache es sehr ungern, meine Musik so in eine Schublade zu stecken. Da ich mich halt auch immer gerne von meiner Musikbegeisterung leiten lasse und einfach das in die Musik stecke, was mich berührt. Und das kann auch aus ganz verschiedenen Richtungen kommen.

Aber Dream Pop ist tatsächlich auch eine Musikrichtung, die mir sehr gut gefällt. Also zum Beispiel so eine Band wie "Beach House" oder so. Die finde ich zum Beispiel großartig. Die machen einen ganz tollen Sound. Wobei die sehr viel kühler und auch melancholischer sind als das, was ich in meinem Album gemacht habe. Weil mein Album auch sehr gut zu dieser Jahreszeit passt, wie ich finde, zur jetzigen - also auch warm und sommerlich und irgendwie lebensbejahend.

Gerade die Mischung aus so einem sommerlichen Lebensgefühl und einer Melancholie und Verträumtheit, genau diese Schnittmengen sind ja das, wonach ich eigentlich suche und die ich besonders liebe. An Musik oder auch an Geschichten, die man im Text erzählt, dass es eine Spannung gibt. Oder auch einen Bruch gibt in der Erzählung.

"Versuchen, ganz viele Widersprüche zusammenzubringen"

Zimmer: Welche Geschichten erzählen Sie denn auf "Immer alles", dem neuen Album? Gibt es so etwas wie eine versteckte Message hinter allem? Eine Gesamtaussage?

Husseini: Ja, also "Immer alles" ist glaube ich ein fast schon ziemlich plakativer Titel, der ja wirklich ganz deutlich was sagt. Und zwar in dem Fall sagt er viel über mein Lebensgefühl aus oder auch über meine Person, über das, wie meine Geschichte ist, nämlich immer alles zu wollen und immer alles in sich selbst vereinen zu wollen, was eine starke Sehnsucht vielleicht ist oder auch ein sehr starker Wille, der da drin steckt... eben im Leben zu versuchen, ganz viele Widersprüche zusammenzubringen.

Emotional und auch in dem, wie man sich sein Leben aufbaut, was man überhaupt möglich machen kann. So, und es geht halt nicht darum, immer weiter zu glauben, dass auch alles geht. Da steckt es ja auch schon wieder drin. Diese Absolutismen, die haben halt auch eben beides an sich. Die haben eben eine sehr, sehr aufregende Seite und eine sehr fordernde Seite und die bringen einen auch wahnsinnig voran. Und die haben aber auch eine Kehrseite, die einen manchmal zurückschleudern und sagen:

Es geht ja gar nicht so, es gibt ja auch so etwas wie Schwerkraft, es gibt ja auch Grenzen im Leben. Aber trotzdem immer weiter diesem großen Gedanken zu folgen.

Zimmer: Ich habe mir eben eine kleine Notiz gemacht. Sie sagten: Man muss einen Willen haben.

"Je weniger es um mein Ego geht, desto besser wird das, was ich da tue"

Zimmer: Ich sage ja, dann muss man aber auch bereit sein, den durchzusetzen. Was natürlich auch mit gewissen Schmerzen verbunden sein kann. Wenn man absolute Ziele verfolgt wie 'Immer alles' und nicht vorher zufrieden ist, kann das wehtun.

Husseini: Ja, das stimmt. Man muss auch leidensfähig sein dafür, richtig. Das muss man als Künstler, glaube ich, sowieso. Also um wirklich in die Tiefe gehen zu können. Eigentlich ist es der Wunsch, die ganze Welt zu erzählen, in jeder Faser und auch zu durchleben, natürlich. Und das kann ja nicht nur angenehm sein und nett. Da muss ein bisschen mehr noch rein als das.

Zimmer: Ist dann das Schreiben für Sie eine Art Therapie, Selbstheilungsprozess, Selbsterkenntnisprozess?

Husseini: Oh, das sind Begriffe, die würde ich niemals freiwillig verwenden. Entschuldigung, aber wenn ich zur Therapie gehen will, dann suche ich mir einen Therapeuten. Weil - das steht da glaube ich auch im Vordergrund - einen Bereich im Leben zu haben, der vielleicht sogar extra davon befreit ist, sich selbst zu analysieren oder sich selbst so wichtig zu nehmen.

Und eine Therapie ist ja, dass man sich selbst ganz besonders wichtig nimmt. Und ich glaube, das ist genau das, wovon ich mich da distanzieren möchte. Auch wenn ich in die Tiefe gehe, auch wenn ich alles versuche rauszuholen, geht es nicht so sehr um mein Ego dabei. Und je weniger es um mein Ego geht, desto besser wird das, was ich da tue.

Zimmer: Sie sind schon lange im Musikgeschäft. 2009 haben Sie sogar in einer Band gespielt. Silvester. Die erste Single war nicht erfolgreich genug und so wurde der Vertrag für das Album aufgelöst. Die Band zerbrach also noch vor dem Debütalbum. Sie sollen aber gar nicht so unglücklich über das Ende der Band gewesen sein.

"Aus Tiefschlägen wieder was Gutes, Neues entdecken"

Husseini: Ja, das war schon auch sehr tragisch auf eine Art. Also ja und nein. Also auch da gibt es wieder schöne Widersprüche, weil letztendlich war das natürlich auch ganz viel Wert, so tolle Leute in der Band zu haben. Aber es war halt auch irgendwie eine Chance für mich, noch intensiver meinen eigenen Musikstil zu finden.

Und ich habe dadurch zum Beispiel dann was Schönes draus gemacht. Ich versuche immer, aus Tiefschlägen wieder was Gutes, Neues zu entdecken, wie so ein Stehaufmännchen. Und das war halt auf jeden Fall auch so ein Tiefschlag, wenn sich so eine Band auflöst. Aber ich habe da zum Beispiel angefangen, Solokonzerte zu spielen, ganz alleine mit so einer Loop Station. Das war damals noch völlig neu, das kannte noch kein Mensch. Oder zumindest nicht in Deutschland.

Und ich habe da mich sehr viel mit beschäftigt und habe da zum Beispiel eine ganz tolle, neue Welt entdeckt und eine sehr gute Zeit gehabt. Also dann halt meine Songs ganz allein am Klavier performt und habe dadurch eine ganz andere Musikerin in mir sozusagen noch kennengelernt. Irgendwie.

Zimmer: Was ist denn für Sie wichtiger: Text oder Musik eines Songs?

Husseini: Also da ich ja keine Romanschreiberin bin, würde ich da schon eher sagen, dass die Musik wichtiger ist, habe aber wirklich lange gebraucht um festzustellen, dass es für mich mehr Sinn macht, erst einen Text zu schreiben, zu dem ich dann die Musik mache oder den ich dann in eine Melodie umsetze als umgekehrt. Weil sonst man die Worte zu sehr hineinquetscht in eine Vorgabe.

Und sich dann der Inhalt oder die Erzählung nicht gut entfalten kann. Also es ist immer doch besser, man schreibt einen Text, man schreibt wirklich auf erst einmal in der Sprache, die man gerne sprechen will, was man zu sagen hat. Und man formt die Worte so, wie man es möchte und dann macht man sie zu Musik.

Zimmer: Vielen Dank, Naima Husseini!

Hinweis: Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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