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StartseiteWissenschaft im BrennpunktMuttermilch, Superfood!?31.01.2021

Säuglingsernährung im FaktencheckMuttermilch, Superfood!?

Muttermilch enthält eine beeindruckende Vielfalt von Inhaltsstoffen - Stammzellen, gute Bakterien und Signalmoleküle. Was aber mit diesem Cocktail im Körper des Babys passiert, wie die positiven Effekte des Stillens genau zustande kommen - das ist längst nicht so klar, wie es Eltern oft verkauft wird.

Von Sophia Wagner

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Frau stillt 2 Wochen alten Jungen (imago stock&people/Bernhard Classen)
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"Als Mutter, die leider nicht stillen konnte, fühlt man sich schnell unzulänglich, als Mutter sein Kind quasi nicht richtig versorgen zu können. Und auch seinem Kind nicht die bestmöglichen Startmöglichkeiten zu geben."

Stillen ist für junge Mütter ein hoch emotionales Thema. Das wurde mir klar, als es in den letzten Jahren in meinem Freundeskreis immer mehr Mütter gab.

"Mir ist extrem aufgefallen, wie viele Leute nach der Geburt gefragt haben 'Und wie läuft es mit dem Stillen?' und ich das irgendwie interessant fand, was das für einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft hat."

Das war allerdings nicht immer so. Denn beim Thema Stillen hat die deutsche Gesellschaft schon mehrere Kehrtwenden vollzogen.

Während unter den Nationalsozialisten das Stillen propagiert wurde, passend zur Mutterideologie und der Rolle der Frau als "Quelle der Nation", wehte ab den 1950ern ein anderer Wind. Optimierter Muttermilchersatz und Werbekampagnen für standardisierte Fläschchen führten zu einem starken Rückgang der Stillquote – bis zu den Milchpulver-Skandalen der 1980er.

Historisches Foto, vermutlich 1935: Unter Anleitung üben junge Frauen an Babypuppen das Wickeln, Stillen und Füttern  (imago stock&people/teutopress)"Quelle der Nation": Schulung zukünftiger Mütter in den 1930er Jahren (imago stock&people/teutopress)

Muttermilch-Forschung mit Organoiden

Man fragt sich: Was an der Muttermilch ist Ideologie - und was Wissenschaft? Einer, der sich auskennt mit den Prozessen, die bei der Produktion der Milch ablaufen, ist Fadil Hannan. "Muttermilch ist eine einzigartige Flüssigkeit. Sie ist wirklich sehr komplex."

Unser Skype-Interview führt er im Corona-Homeoffice - aus seinem Schlafzimmer. Wofür er sich, ganz Brite, ausführlich entschuldigt. Aus dem Schlafzimmer leitet er derzeit auch sein Labor in Oxford, am Larsson-Rosenquist-Centre für die Endokrinologie der Laktation beim Menschen. Dort kümmert sich sein Postdoc Taha Elajnaf um die Mammosphären. Mammosphären sind Organoide, mit denen die weiblichen Brust nachgeahmt wird.      

"Eine Möglichkeit ist mit gespendeten Zellen aus Brustamputationen zu arbeiten. Wir kultivieren sie so, dass sie dreidimensionale Strukturen formen. Ich schalte mal einen unserer Sicherheitsräume an. Hier drin ist es ein bisschen laut." Die Organoide lagern in einem Brutschrank. Elajnaf öffnet ihn. "Ich nehme mal eine unserer Zellkulturschalen raus und schaue mir die Zellen unter dem Mikroskop an." 

Normalerweise würden die Zellen in der Kulturschale einfach flach am Boden kleben. Das entspricht aber nicht ihrem natürlichen Zustand, in dem sie im Brustgewebe eingebettet sind. Im Labor von Fadil Hannan werden die Zellen darum in ein Gel gelegt. "Die Zellen fühlen sich dann offenbar eher wie in ihrer natürlichen Umgebung und formen daher diese ballonartigen Strukturen."

Es bilden sich kleine Kugeln, sie sehen ein bisschen aus wie zerknitterte, goldene Seifenblasen. Wenn Taha Elajnaf  jetzt das Hormon Prolactin zu den Mammosphären gibt, produzieren sie Milch-Proteine und Milch-Fette. Wie sehr rudimentäre Mini-Brüste! "Und das können wir als ein Modell nutzen, um verschiedene Aspekte der Milchbildung zu studieren."

Ein Fläschchen und Babypulver (imago stock&people)Auch Babynahrung liefert die essentiellen Nährstoffe - allerdings keine bioaktiven Faktoren (imago stock&people)

Nahrung und bioaktive Inhaltsstoffe

Damit lässt sich forschen, Denn noch weiß man erstaunlich wenig über die Zusammenhänge. Fadil Hannan: "Allgemein gesprochen kann man die Inhaltsstoffe der Milch zweiteilen. Zum einen gibt es die, die dem Kind als Nahrung dienen, und dann gibt es noch die bioaktiven Inhaltsstoffe."

Auf der Ernährungsseite stehen neben sehr viel Fett und sehr viel weniger Protein auch Zucker, Vitamine und natürlich Wasser. Muttermilch versorgt ein Baby mit allen essentiellen Nährstoffen und ist Nahrung und Getränk in einem. "Und dann, die anderen Komponenten, das sind die bioaktiven Faktoren. Also Milch, insbesondere Kolostrum, ist voller Immunzellen, die dem Baby helfen, Infektionen zu bekämpfen. Sie enthält auch Antikörper. Und es gibt noch andere interessante Bestandteile, die in der Milch vorhanden sind."

Bioaktiv bedeutet einfach gesagt, dass ein Stoff eine Funktion hat, die über die bloße Ernährung hinausgeht. Neben Immunzellen und Antikörpern sind das zum Beispiel Wachstumsfaktoren, die die Heilung von Verletzungen beschleunigen können, und verschiedene Hormone. Gerade in den letzten Jahrzehnten wurden aber noch ganz andere, eher unerwartete Bestandteile gefunden.

Zum Beispiel microRNAs, kleine Moleküle, die die Übersetzung von Genen in Proteine beeinflussen können. Oder pluripotente Stammzellen, also Zellen der Mutter, die bei den Nachkommen in verschiedene Organe eingebaut werden, sich dort ausdifferenzieren und eine ganz normale Funktion übernehmen. Als Leberzelle, oder sogar als Neuronen im Gehirn.

Woher kommen die Bakterien in der Muttermilch?

Und obwohl lange galt, dass Muttermilch steril ist, weiß man heute, dass sie außerdem gute Bakterien enthält und dass gestillte Kinder ein anderes Darm-Mikrobiom, eine andere Darm-Bakteriengesellschaft haben, als nicht gestillte Kinder. Viele Fragen sind aber noch offen. Ein Beispiel: Woher kommen eigentlich die Bakterien in der Muttermilch? Meghan Azad von der Universität von Manitoba in Kanada:
 
"Ich habe tatsächlich an Konferenzen teilgenommen, auf denen sehr lebhafte Debatten über diese Frage geführt wurden. Woher kommen die Muttermilch-Bakterien? In dem Maße, dass die Leute aufstehen und sich quer durch den Raum anschreien!"

Meghan Azad forscht über den Einfluss von frühen Lebenserfahrungen auf die Entwicklung chronischer Krankheiten. Gleich zu Beginn unseres Gespräches warnt sie mich: Egal welche Position ich zum Thema Stillen beziehe, ich werde böse Briefe kriegen. Sogar innerhalb der Forschungsgemeinschaft verlaufen die Gräben. "Vereinfacht gesagt gibt es zwei Theorien. Die eine ist, dass die Bakterien von innen kommen und die andere, dass sie von außen kommen."

Von "innen" meint in diesem Fall, dass die Bakterien sich aus dem Magen-Darmbereich der Mutter auf den Weg in die Milchdrüsen machen. Eine andere Erklärung wäre, dass die Bakterien von der Haut der Mutter stammen. "Ich denke, es ist wahrscheinlich eine Kombination dieser beiden Dinge. Und es ist wichtig, das zu verstehen, weil es bedeutet, dass wir unterschiedliche Möglichkeiten haben könnten, wenn wir vielleicht dieses Mikrobiom in der Milch modifizieren wollten."

Nahrung für die Darmbakterien des Babys

Die Zusammensetzung von Muttermilch variiert stark. Sie ist bei jeder Frau anders. Dabei scheinen sowohl die Gesundheit des Kindes als auch die Gene der Mutter, was sie isst und äußere Faktoren, zum Beispiel die Tageszeit, eine Rolle zu spielen. Relativ gut erforscht ist das bei HMOs, humanen Milch- Oligosacchariden. Speziellen Mehrfachzuckern, die zu den bioaktiven Komponenten der Muttermilch gehören. Sie bilden mengenmäßig den dritthäufigsten Bestandteil der Muttermilch und werden mit verschiedenen positiven Effekten in Zusammenhang gebracht. Meghan Azad:

"Man kann sich die Mikroben in der Milch als Probiotika vorstellen, lebende Bakterien, die hilfreich sind. Aber HMOs sind Präbiotika. Sie sind also Nahrung für die Darmbakterien der Babys. Wir wissen, dass der Mensch viele verschiedene Oligosaccharide herstellt und dass diese bei verschiedenen Müttern unterschiedlich sind."

Muttermilch enthält also Stoffe, die gar nicht für die Ernährung des Kindes gedacht sind, sondern für die Ernährung der guten Bakterien im Darm des Kindes! Die Mehrfachzucker werden in den Alveol-Zellen der Milchdrüsen produziert. Abhängig von ihrer genetischen Ausstattung werden Frauen als Sekretorinnen oder Nicht-Sekretorinnen bezeichnet. Das heißt nicht, dass die einen HMOs bilden und die anderen nicht. Sondern die Mehrfachzucker, die sie produzieren, gehören zu unterschiedlichen Gruppen. Auch die Blutgruppe spielt bei der Zusammensetzung der HMOs eine Rolle.

Eine schwangere Frau trinkt bei einer Jogging-Pause aus einer Wasserflasche  (imago stock&people)Zumindest im Hinblick auf die Baby-Gesundheit ist Bewegung vor und nach der Geburt ein Kann - kein Muss (imago stock&people)

Beeinflusst Bewegung die Milchzusammensetzung?

Und Umweltfaktoren, wie Fadil Hannan aus Oxford erklärt: "Es gibt neue Daten, die darauf hindeuten, dass mütterliche Bewegung die Milchzusammensetzung beeinflussen kann. Eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie hat gezeigt, dass mütterliche Bewegung während des Stillens die Zusammensetzung der menschlichen Milchzucker beeinflussen kann".

In der Studie wurde gezeigt, dass bei Mäusemüttern, die jeden Tag im Laufrad trainieren, ein bestimmter Mehrfachzucker-Wert erhöht war, er heißt 3’SL. Um zu testen, ob 3’SL wirklich die Gesundheit beeinflussen kann, wurden dann junge Mäuse mit reinem 3’SL gefüttert. Das Ergebnis: Im Vergleich zur Kontrollgruppe waren die 3’SL-Mäuse als Erwachsene weniger dick und hatten einen gesünderen Stoffwechsel.

"Es ist also wirklich faszinierend zu wissen, dass das, was eine Mutter während des Stillens tut, sagen wir in Bezug auf die Bewegung, einen langfristigen Effekt auf die Gesundheit des Nachwuchses haben könnte."

Faszinierend, aber auch erschreckend. Heißt das, dass Mütter jetzt während des Stillens auch noch unbedingt Sport machen sollten, um das Diabetes-Risiko ihrer Kinder zu senken? Nein, das heißt es zum Glück nicht. Sport ist natürlich generell sinnvoll und das Ergebnis ist interessant. Dazu kommt: 3’SL ist laut der Studie auch in der Muttermilch von Sport treibenden Frauen erhöht. Trotzdem ist der Effekt von 3’SL auf die Gesundheit des Nachwuchses vorerst nur bei Mäusen zweifelsfrei belegt.

microRNAs in der Muttermilch 

Was aber klar ist: Damit ein bioaktiver Stoff überhaupt einen Effekt auf das Baby haben kann, muss er zuerst die Magensäure überleben. Bo Lönnerdal, Biochemiker und Emeritus an der UC California, Davis: "Säuglinge verdauen natürlich Milch. Sie verdauen Proteine und sie verdauen RNAs. Aber meine Forschung hat gezeigt, dass es in der Muttermilch einige Proteine gibt, die zäher sind als das durchschnittliche Protein."

Lönnerdal forscht auch nach seinem Rückzug aus Lehre und Verwaltung weiter aktiv in seinem Labor, unter anderem an microRNAs in der Muttermilch. "Lange dachte man, dass microRNAs einfach nur Bio-Müll sind."
 
Dann zeigte sich aber, dass es sich bei microRNAs um einen wichtigen Teil der Genregulation handelt. Dass auch Muttermilch microRNAs enthält, ist erst seit 2010 bekannt. Die microRNAs sind dabei nicht nackt, sondern von einer Proteinhülle umschlossen. "Es ist wie eine Blase oder ein Ball. Ein fusseliger Ball und im Inneren sind die microRNAS."

Um zu testen, ob sie es durch den Magen schaffen, stellten Bo Lönnerdal und sein Team die Verdauung im Glas nach. Komplett mit pH-Veränderungen, Enzymen und Verdauungszeiten. "Und nach dieser simulierten Verdauung stellten wir fest, dass die microRNAs in ihrer Hülle die Verdauung tatsächlich überlebt hatten. Wenn sie also überleben, können sie dann auch etwas bewirken?"

Einfluss auf die Genexpression des Säuglings?

Lönnerdal inkubierte die microRNAs mit Darmzellen von Säuglingen. "Und wir konnten zeigen: ja, sie werden von diesen Zellen aufgenommen und gelangen in die Nähe des Zellkerns, wo sie die Genexpression beeinflussen können."

"Was denken Sie, warum sind microRNAs in der Muttermilch?" "Das ist eine gute Frage."

Die sich allerdings nicht so einfach beantworten lässt. Was ist der Zweck dieser microRNAs? Vergleiche mit Datenbanken haben gezeigt, dass die gleichen microRNAs, die in Muttermilch vorkommen, an anderen Stellen im Körper mit der Eindämmung von Entzündungen zu tun haben.

"Gestillte Säuglinge haben mehr entzündungshemmende Zytokine. Ob microRNAs für diese Unterschiede verantwortlich sind, können wir aber noch nicht sagen. Denn es gibt noch andere Stoffe, die beteiligt sein können. Aber es ist sicher eine Möglichkeit."

Eine Mutter benutzt eine Milchpumpe. (imago stock&people/imagebroker)Einige Brustpumpen-Hersteller fördern die Muttermilch-Forschung finanziell (imago stock&people/imagebroker)

Viele Vermutungen, kaum Beweise

Möglichkeit, könnte, Hinweis, vermutlich. Diese Worte lese und höre ich oft im Zusammenhang mit Muttermilch. Und es erstaunt mich. Basierend auf der Art und Weise, in der Muttermilch positive Effekte zugeschrieben werden, hatte ich gedacht, dass hier schon mehr erforscht ist. Es könnte daran liegen, dass die Muttermilch-Forschung bei staatlichen Geldgebern nicht unbedingt an erster Stelle steht. Teilweise wird das über Stiftungen ausgeglichen, die zum Beispiel von Brustpumpen-Herstellern finanziert werden. Man fragt sich schon: Wenn so erstaunliche Dinge wie Stammzellen, Bakterien und Mehrfachzucker in der Muttermilch stecken, wie können Kinder dann überhaupt ohne Muttermilch überleben?

Valerie Verhasselt ist Professorin für Muttermilchforschung an der University of Western Australia in Perth, Australien. Vorher hat sie lange in Frankreich gearbeitet. "Eine starke Vereinfachung, die man hört, ist, dass Muttermilch das Beste ist und alles Negative verhindert."

An ihrem Lehrstuhl forscht Verhasselt unter anderem an dem Zusammenhang zwischen Muttermilch und Allergien. "Es werden viele Vermutungen angestellt über Muttermilch. Die Leute sagen: "Oh, Milch enthält dies, dies und das, also wird sie diesen Effekt haben". Nein, sie enthält viele interessante Moleküle, die vorteilhaft sein könnten - aber es ist nicht bewiesen, dass sie wirklich einen Einfluss oder eine Wirkung haben."

Randomisierte Studien wären wichtig - aber unethisch

Das gilt zum Beispiel auch für die Stammzellen. Studien mit Mäusen haben zwar gezeigt, dass die Zellen es aus der Milch in den Körper des Säuglings schaffen und sich dort in Organe einbauen können. Aber wenn das so wichtig für die Entwicklung wäre, sollten nicht-gestillte Kinder - oder auch Mäuse - dann nicht offensichtliche Nachteile haben? Dieser Frage wird natürlich auch in der Muttermilchforschung nachgegangen. Das ist allerdings nicht so einfach, sagt Meghan Azad.
 
"Das Ideal, wenn wir über einen Beleg für eine biologische Wirkung nachdenken, wäre eine randomisierte kontrollierte Studie. Zum Beispiel eine Pille, die eingenommen wird. Und die Hälfte der Menschen nimmt diese Pille und die andere Hälfte der Menschen nimmt ein Placebo. Aber das können wir beim Stillen nicht machen. Es ist nicht ethisch."

Randomisieren würde in diesem Fall bedeuten, dass Mutter-Kind-Paare für eine Studie rekrutiert werden. Dann wird nach dem Zufallsprinzip entschieden, welche Mutter ihr Kind stillt, und welches Kind Ersatznahrung bekommt. Das Problem: Einem Kind würden die potenziell vorteilhaften Inhaltsstoffe der Muttermilch gezielt vorenthalten.

Das bedeutet, Mütter entscheiden selbst, ob sie stillen möchten oder nicht, und werden dann einer entsprechenden Gruppe zugeteilt. Das führt aber oft dazu, dass sich die beiden Gruppen, stillende und nicht-stillende Mütter, stark voneinander unterscheiden. Ein klassischer Unterschied: Im Westen sind Frauen, die stillen, meistens gebildeter. Wenn jetzt festgestellt wird, dass Kinder, die gestillt wurden, schlanker oder klüger sind als Kinder, die nicht gestillt wurden, liegt das dann wirklich an den Inhaltsstoffen der Muttermilch? Oder einfach an den besseren Ressourcen, die die gestillten Kinder zur Verfügung hatten?

Eine Frau gibt ihrem Baby in einem Krankenhaus in Accra, Ghana, die Brust. (picture alliance / dpa / Francis Kokoroko / MamaYe Ghana)Stillen unterstützt das unfertige Immunsystem des Babys - in Ländern mit hohem Infektionsrisiko überlebenswichtig (picture alliance / dpa / Francis Kokoroko / MamaYe Ghana)

Kurzzeiteffekt auf das Immunsystem

Die fehlende Randomisierung ist eines der Hauptprobleme in der Muttermilchforschung. Dazu kommt, dass Stillen in diesen Studien oft nur als physiologischer Akt untersucht wird. Wie die Muttermilch der Frauen zusammengesetzt ist, wird dabei selten analysiert. Diese beiden Faktoren sind der Grund, weshalb viele positive Effekte, die Muttermilch nachgesagt werden, bisher nicht eindeutig belegt sind. Es muss allerdings zwischen Kurzzeit- und Langzeit-Effekten unterschieden werden, meint Valerie Verhasselt:

"Kurzzeiteffekt bedeutet die Wirkung der Muttermilch während des Stillzeitraumes. Und das, denke ich, das muss nicht diskutiert werden. Es ist klar: Die menschliche Milch ergänzt das Baby."

Babys haben, wenn sie auf die Welt kommen, noch kein voll ausgebildetes Immunsystem. Muttermilch ist voller Immunzellen und Antikörper, die die Abwehr von Krankheitserregern für das Baby übernehmen. In Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen, die kein flächendeckendes Gesundheitssystem haben und kein sauberes Leitungswasser, zeigt sich der Effekt sehr deutlich: "Allein die Verzögerung des Stillens nach der Geburt um 24 Stunden erhöht die Sterblichkeit um 40 Prozent."

Langfriststudie in Belarus

Der Infektionsschutz wurde auch in der PROBIT-Studie bestätigt, der größten cluster-randomisierten Studie, die im Zusammenhang mit Stillen bisher gemacht wurde. Die Studie begann Mitte der 1990er Jahre in Belarus. Auch hier gab es keine Einteilung nach dem Motto "du stillst", "du stillst nicht". Stattdessen wurde in der Hälfte der Geburtskliniken ein Still-Förderprogramm gestartet, während die restlichen Krankenhäuser einfach so weitermachten wie bisher - was damals nicht sehr still-förderlich war. Insgesamt nahmen 31 Geburtskliniken und über 17.000 Mutter-Kind-Paare an der Studie teil, in der ein bisschen Stillen mit langem und ausschließlichem Stillen verglichen wurde.

Michael Kramer, Professor an der kanadischen McGill Universität ist der leitende Wissenschaftler der Studie: "Der Unterschied beim Umfang des Stillens war wirklich ziemlich ausgeprägt. Der Anteil an Babys, die ausschließlich gestillt wurden, war im dritten Monat in der Fördergruppe sieben Mal höher.

"So eine lange randomisierte Kontrollstudie mit den Menschen zusammen durchzuführen und dann auf die Ergebnisse zu schauen – das muss sehr aufregend gewesen sein?" "Es war sehr aufregend."

Seit 1994 war Kramer regelmäßig in Belarus und hat erlebt, wie Lukaschenko vom Hoffnungsträger zum Diktator wurde. "Das gibt mir eine besondere Art von Kontext, in dem ich interpretieren kann, was dort aktuell vor sich geht, und ich wünsche dem Land das Beste." Trotz des hoffnungsvollen Starts waren auch erste Ergebnisse der PROBIT-Studie eher enttäuschend: Neben weniger Hautausschlägen gab es beim ersten Follow-up der Studie nur einen weiteren signifikanten Unterschied: Weniger Magen-Darm-Infektionen.

Keine Beweise für Schutz vor Allergien

Als ich meine Freundinnen mit Kindern gefragt habe, welche Vorteile Stillen hat, haben sie neben praktischen Aspekten - man hat das Baby-Essen immer dabei - und dem Gefühl der Nähe zum Kind - vor allem ein weiteres Argument genannt.

"Warum Stillen so wichtig ist fürs Kind, wurde mir gesagt, dass es das Immunsystem stärkt, außerdem kann es wohl helfen Allergien vorzubeugen." "...Zum Beispiel Lebensmittelunverträglichkeiten, Heuschnupfen oder auch Neurodermitis." "… dass die Kinder dann nicht so allergiegefährdet sind. "

Auch meine Mutter denkt das: "Das ist das, was man immer liest." "Dass Muttermilch gut ist gegen Allergien?" "Ja." "Und, aber ich hab ja Allergien." "Ja gut, es wirkt vielleicht nicht hundertprozentig, keine Ahnung."
 
Allergien werden in Deutschland gerne als "Volkskrankheit" bezeichnet. Wenn man das eigene Kind durchs Stillen vor einer Lebensmittelallergie oder sogar Asthma bewahren kann, klingt das natürlich gut. Aber das heißt längst nicht, dass es auch stimmt, sagt Valerie Verhasselt: "Muttermilch ist sicherlich hervorragend zur Vorbeugung von Infektionskrankheiten geeignet, aber es gibt keine Beweise dafür, dass menschliche Milch allergische Krankheiten verhindert."

Ein Baby wird mit Hilfe der Rekonstruktion eines prähistorischen "Fläschchens" gefüttert. (Helena Seidl da Fonseca / dpa/ Nature)Auch wenn das Stillen bis in die Neuzeit der Normalfall war - Babys tranken schon in prähistorischer Zeit Milch aus Fläschchen (Helena Seidl da Fonseca / dpa/ Nature)

Kein Grund für Schuldgefühle bei nichtstillenden Müttern

Das US Dietary Advisory Committee hat für das Jahr 2020 einen neuen Bericht mit Ernährungsempfehlungen publiziert, dabei geht es auch um die Säuglingsernährung. Demnach gibt es keine ausreichenden Belege dafür, dass Stillen vor Ekzemen, allergischem Schnupfen oder Lebensmittelallergien schützt. Für einen Schutz vor Asthma im Kindesalter gibt es "moderate" Hinweise. Ein Langzeiteffekt auf Asthma auch im Erwachsenenalter konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. Valerie Verhasselt:

"Das ist also eine wichtige Botschaft, denn oft fühlen sich Mütter schuldig. Sie haben ihr Kind zwei Jahre lang gestillt, und dann ist das Kind allergisch. Aber sie sollten sich nicht schuldig fühlen! Muttermilch ist vielleicht einfach nicht dazu gedacht, Allergien zu verhindern."
 
Erst recht schuldig fühlen sich Mütter, die nicht stillen können. Dabei ist die Studienlage, auch was andere Langzeiteffekte angeht, nicht besonders klar. Die Beweise werden bestenfalls als moderat eingeordnet. Zum Beispiel bei Diabetes, Übergewicht und Bluthochdruck.

Kurzfrist-Effekt auf die Intelligenz?

Ein besonders interessanter Effekt, der dem Stillen zugeschrieben wird, sind Auswirkungen auf die Intelligenz. Auch die PROBIT-Studie hat sich damit befasst. Michael Kramer:

"Wir fanden also keine Beweise dafür, dass Stillen das Risiko von Fettleibigkeit oder Adipositas verringert, keine Beweise dafür, dass es das Risiko einer Allergie verringert, aber Beweise dafür, dass es die Entwicklung des Gehirns beschleunigt."

Standardisierte Tests zeigten, dass im Alter von sechseinhalb Jahren der IQ bei Kindern aus der Still-Fördergruppe im Schnitt 5,9 Punkte höher lag als in der Kontrollgruppe. Als der IQ der Kinder mit 16 erneut untersucht wurde, ließen sich allerdings keine Unterschiede mehr finden. Der Effekt scheint sich also spätestens mit 16 ausgewachsen zu haben. Was bei der Beurteilung der PROBIT-Ergebnisse wichtig ist: Stillen wurde nicht mit nicht-Stillen verglichen, sondern ein Bisschen Stillen mit viel Stillen.

"Das ist ein wichtiger Vorbehalt. Aber abgesehen davon bin ich trotzdem enttäuscht, dass wir nicht mehr gefunden haben."

Stilldauer hat keine allgemeingültigen Effekte

Hier ist also noch Luft nach oben. Offen ist auch: Wie lange muss ein Kind gestillt werden, um von möglichen Langzeit-Effekten zu profitieren. Reichen ein paar Tage, ein paar Wochen, oder gilt je länger desto besser?
 
"Hmm. Und wie lange soll man stillen?" "Auf jeden Fall nicht drei Jahre. Es heißt meistens 4 Wochen sind das Minimum. Dich hab ich acht Wochen gestillt."

"Es hängt von dem Effekt ab, über den man nachdenkt." Meint Meghan Azad. "Wir haben zum Beispiel in unseren eigenen Daten herausgefunden, dass es bei jemals versus nie Stillen einen Zusammenhang mit dem Blutdruck in der Kindheit gibt."

Einen Dosiseffekt gab es dagegen nicht. Das könnte auch erklären, wieso Michael Kramer in seiner PROBIT-Studie keine Unterschiede in Bezug auf den Blutdruck feststellen konnte. Allgemeingültige Antworten zu finden, fällt ganz offensichtlich nicht leicht. Noch nicht einmal die Milch der ersten Tage, das Kolostrum ist nachweislich besonders wichtig für die gesunde Weiterentwicklung des Kindes, obwohl viele - auch Muttermilch-Wissenschaftlerinnen, Ärzte und Hebammen - stark davon ausgehen. Valerie Verhasselt:

"Kolostrum ist die Milch, die während der ersten zwei, drei, vier Lebenstage produziert wird. Sie ist extrem reich an Molekülen, von denen wir erwarten, dass sie vorteilhaft sind. Aber es ist wieder so, sie können auf Google oder sogar in wissenschaftlichen Reviews lesen: Kolostrum ist das flüssige Gold, es ist perfekt für Ihr Kind. Dafür gibt es keinen Beweis. Es sind alles Vermutungen aufgrund der Zusammensetzung."

Stillen ist ratsam, Nichtstillen keine Katastrophe

Wie können wir von den vielen Annahmen zu klaren Belegen kommen? Meghan Azad glaubt, dass der Schlüssel darin liegt, die Mutter, ihre Milch und ihr Kind viel mehr als bisher als ein zusammenhängendes System zu erforschen. Aber auch heute schon ist sie überzeugt, dass Muttermilch die beste Ernährung für Babys ist: "Es ist interessant, dass wir beim Stillen oft gefragt werden, Wo sind die Beweise für die Vorteile? Ich meine, brauchen wir Beweise? Es ist normal!"

Gleichzeitig sollte klar sein, dass Muttermilch nicht alleine über die Gesundheit unserer Kinder entscheidet. Michael Kramer: "Impfstoffe und Sicherheitsgurte, dem Kind vorlesen und Bewegung und solche Dinge sind in unserem Umfeld wahrscheinlich wichtiger als Stillen. Aber der größte Teil unserer Evolution fand nicht in der hoch entwickelten, durchgeimpften Ära mit sauberem Wasser statt."

Und das Fazit von Valerie Verhasselt: "Wenn man sich die Zusammensetzung der Milch und die Belege in der Literatur ansieht, würde ich dringend empfehlen, die vollen ersten sechs Monate zu stillen. Aber wenn das nicht möglich ist, wird das Baby nicht sterben und auch ein gutes Leben haben. Das wäre meine Botschaft."

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