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StartseiteKommentare und Themen der WocheAfrika-Politik muss mehr sein als Abschottung05.05.2019

SahelzoneAfrika-Politik muss mehr sein als Abschottung

Ein wirksamer Beitrag Deutschlands und Europas zur Stabilisierung und Entwicklung der Sahelzone sei es, die Augen, die 2015 geöffnet wurden, nicht wieder zu verschließen, kommentiert Stephan Detjen. Denn eine Vielzahl von Handlungsfeldern müsse in den Blick genommen und langfristig bearbeitet werden.

Von Stephan Detjen

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Angela Merkel wird auf dem Flughafen von Ouagadougou von Blumenmädchen begrüsst.  (dpa)
Angela Merkel bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen von Ouagadougou (dpa)
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Wenig anderen Weltregionen hat Angela Merkel in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit gewidmet, wie den Sahel-Staaten Westafrikas. ­­­Es ist bitter nötig. 

Als Merkel im Herbst 2016 erstmals in die Region kam, stand die Reise noch ganz im Zeichen des Vorjahres. Im Sommer 2015 hatte die Ankunft hunderttausender Flüchtlinge und Migranten in der Mitte Europas wie ein Augenöffner gewirkt: Mit einem Schlag rückten Teile der Welt in den Fokus der deutschen Politik und Öffentlichkeit, die bis dahin allenfalls deswegen als Problemzonen wahrgenommen wurden, weil sie als abgekoppelt vom höher entwickelten Rest der Welt erschienen. Ein Irrtum. 2015 war der Moment, den Wolfgang Schäuble damals treffend als "Rendezvouz mit der Globalisierung" bezeichnete. Innerhalb eines Jahres wurde unübersehbar, wie eng Deutschland längst mit diesem Teil der Erde verbunden war und ist. Er ist Wahrheit nicht entlegen, sondern benachbart. 

Umso beunruhigender ist die Entwicklung, deren Voranschreiten Merkel bei ihrer Westafrika-Reise in dieser Woche vor Augen geführt wurde. Auf den Landkarten, die die Kanzlerin mit deutschen Soldaten der internationalen MINUSMA Mission in Mali oder Polizei-Ausbildern der EU in Niger betrachtete, war die Ausbreitung von islamistischen Milizen, Terrorgruppen und ethnischen Kampfzonen mit dynamischen Pfeilen und fetten Schraffierungen markiert. Was vor zwei Jahren noch begrenzte und mit internationalem Engagement eingedämmte Konflikte im Norden Malis waren, ist zu einer gefährlichen Infektion von weiten Teilen der Sahel Staaten geworden. Anders als in den Konflikten in Syrien oder Libyen bedroht sie nicht in erster Linie korrupte Kleptokratien und mörderische Diktaturen, sondern – wie in Niger und Mali - Staaten mit demokratischen Ansätzen und aktiven Zivilgesellschaften.

Mehr eine Verlagerung als eine Lösung

Die unbequeme Frage, die sich Angela Merkel auf ihrer Reise immer wieder stellen lassen musste, lautet, welchen Anteil auch Europa an dieser gefährlichen Dynamik hat. Kritiker der europäischen Migrationspolitik werfen der EU vor, mit ihren Maßnahmen zur Bekämpfung der Schleuserwirtschaft lediglich eine neue Illegalitätsindustrie kreiert zu haben, die mehr zu einer Verlagerung als zur Lösung von Problemen beigetragen habe. Studierende an der Universität von Ouagadougou fragten die Kanzlerin in dieser Woche, wie es angehen könne, dass ihre Brüder und Schwestern von Terroristen mit europäischen Waffen getötet würden. Die Staatschefs der G5-Sahel-Gruppe, mit denen Merkel am Anfang ihrer Reise in Burkina-Faso zusammenkam, klagten bitter über die Zerrissenheit Europas im Umgang mit der eskalierenden Krise in Libyen.

Ein wirksamer Beitrag Deutschlands und Europas zur Stabilisierung und Entwicklung der Region muss eine Vielzahl von Handlungsfeldern in den Blick nehmen und langfristig bearbeiten. Es geht um militärische Unterstützung, den Ausbau von technischer und Verkehrsinfrastruktur, die Förderung guten Regierens und von Menschenrechten, den Abbau von Diskriminierungen in archaischen Familien- und Stammesstrukturen. Es geht aber nach wie vor auch um eine dauerhafte Neufokussierung der politischen und öffentlichen Aufmerksamkeit in Europa.

Wenn Europa eine Lösung der Probleme allein darin sehen sollte, sich erfolgreich vom afrikanischen Kontinent abzuschotten und seine Entwicklungspolitik nur als Vehikel oder Druckmittel dafür zu instrumentalisieren, macht es sich mitschuldig. Der Wahlkampf - auch der, den die Partei der Bundeskanzlerin derzeit betreibt - lässt indes nichts Gutes ahnen. Allerorten wird den Wählern in mehr oder weniger platter Weise vorgegaukelt, Westafrika sei nicht mehr als eine Wartezone für Millionen Menschen, die es auf nichts anderes abgesehen hätten, als sich auf den Weg in den Norden zu machen. Je mehr dieses grobe Bedrohungsszenario den Blick auf Afrika verengt, desto mehr droht es, zu einer self fullfilling prophecy zu werden, zu einer Strategie, die zielsicher herbeiführt, was sie abzuwenden vorgibt. Den Preis dafür müsste Europa genauso bezahlen wie die kommenden Generationen in den afrikanischen Krisen- und Entwicklungsländern. Europa könnte diesen Zusammenhang sehen, wenn es sich entscheidet, die Augen, die 2015 geöffnet wurden, nicht wieder zu verschließen.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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