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StartseiteKommentare und Themen der WocheRückzug eines linken Sterns11.03.2019

Sahra WagenknechtRückzug eines linken Sterns

Sahra Wagenknecht hat angekündigt, im Herbst nicht mehr für den Fraktionsvorsitz der Linken zu kandidieren. Es verdiene Respekt, dass sie auf ein mögliches Amt verzichte und öffentlich ihre physischen und psychischen Grenzen eingestehe, kommentiert Mathias von Lieben. Interessant sei aber auch die Vorgeschichte.

Von Mathias von Lieben

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Sahra Wagenknecht, die Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Bundestag, spricht beim Bundesparteitag der Partei Die Linke (dpa/Britta Pedersen)
Sahra Wagenknecht trete nicht nur nicht mehr für den Fraktionsvorsitz der Linken an, sie lasse auch die "Aufstehen"-Bewegung im Stich, kommentiert Mathias von Lieben (dpa/Britta Pedersen)
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Am 11. März 1999 war das Staunen groß in der Republik: Oskar Lafontaine trat urplötzlich von seinen Ämtern als SPD-Vorsitzender und Bundesfinanzminister zurück. Auch sein Bundestagsmandat gab er auf. Kanzler Gerhard Schröder wurde genau so wie enge Parteifreunde kalt erwischt. Es war der Start der Lafontain'schen Entfremdung mit der SPD. 2005 wechselte er zur Linken, wurde dort Fraktions- und Parteivorsitzender, bevor er sich aus gesundheitlichen Gründen zurückzog und Landespolitiker im Saarland wurde.

Heute, auf den Tag genau 20 Jahre später, kündigt seine Ehefrau Sahra Wagenknecht an, bei den turnusmäßigen Wahlen für den Bundestags-Fraktionsvorsitz der Linken im Herbst nicht mehr antreten zu wollen – und führt ebenfalls gesundheitliche Gründe an. Zwei Monate lang hatte Wagenknecht auf der politischen Bühne gefehlt – durch eine Krankheit, deren Auslöser laut ihr in erster Linie Stress und Überlastung gewesen sein soll. Diese gesundheitlichen Grenzen möchte sie in Zukunft nicht mehr überschreiten.

Zuallererst: Es verdient Respekt, dass eine Spitzenpolitikerin auf ein mögliches Amt verzichtet – und sich öffentlich ihre physischen und psychischen Grenzen eingesteht. Viel zu häufig verkennen Spitzenpolitiker die Gefahren eines Arbeitsethos, der schlaflose Nächte als Normalbedingung voraussetzt.

Das ist die eine Seite. Die andere ist die Vorgeschichte von Wagenknecht in ihrer Partei. Erst am Wochenende überraschte sie Öffentlichkeit und Parteifreunde damit, dass sie sich von der Spitze der von ihr und Ehemann Lafontaine initiierten Bewegung "Aufstehen" zurückzieht: Es sei es an der Zeit, dass die Parteipolitiker nun der Basis Platz machten, so ihre Begründung. Dabei war es das blanke Eingeständnis einer Niederlage.

Wagenknecht lässt die "Aufstehen"-Bewegung im Stich

Wagenknecht wollte sich mit "Aufstehen" eine parallele Machtbasis aufbauen, um den Druck auf bestimmten inhaltlichen Feldern auf ihre Partei zu erhöhen. Aufstehen startete erfolgreich, bis heute hat die Bewegung fast 170.000 Unterstützer. Doch darf das nicht darüber hinwegtrügen, dass die Bewegung bislang nur aus kleinen, meist sehr lokal begrenzten Splittergruppen besteht. Bevor Aufstehen in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, verabschiedet sich Wagenknecht und lässt die Bewegung im Stich.

Innerparteilich hatte sich Wagenknecht mit "Aufstehen" sowieso schon viele Feinde gemacht. Nicht wenige Parteimitglieder sahen und sehen in der Bewegung eine Parallelorganisation, die der Linken schadet. Es gibt nicht wenige in der Partei, die den doppelten Rückzug der Noch-Fraktionsvorsitzenden daher durchaus begrüßen – und ihn als erlösend empfinden.

Wagenknecht kommt den innerparteilichen Kritikern zuvor

Mit ihrer Ankündigung nun auch nicht mehr für den Fraktionsvorsitz antreten zu wollen, kommt Wagenknecht ihren parteiinternen Kritikern zuvor. Viele von ihnen hätten sie bei den Wahlen im Oktober abgestraft und nicht mehr gewählt. Es bleibt die Frage, warum Wagenknecht nicht schon sofort zurücktritt, wenn es ihr gesundheitlicher Zustand doch eigentlich gebietet. Vielleicht will sie die Zeit nutzen, um neue Netzwerke in der Partei zu spinnen. Politisch aktiv bleiben will sie – ob zum Schaden oder nutzen der Linken wird sich zeigen.

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