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StartseiteKultur heuteIphigenie beim Baden und Königin Lear12.09.2016

Saisonbeginn am Schauspiel Frankfurt Iphigenie beim Baden und Königin Lear

Am Schauspiel Frankfurt hat die neue Spielzeit mit Inszenierungen zweier gefragter Regisseure begonnen. Der Berliner Ersan Mondtag hat Goethes "Iphigenie auf Tauris" inszeniert und sein Kollege Kay Voges "Königin Lear" von Tom Lanoye. Aber nicht beide Aufführungen konnten unseren Rezensenten überzeugen.

Von Michael Laages

Oper und Schauspiel in Frankfurt am Main (Hessen), aufgenommen am 09.12.2013. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Oper und Schauspiel in Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
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Mit einigem Neid schaut das Publikum in den mäßig klimatisierten Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels Männlein und Weiblein in Ersan Mondtags "Iphigenie"-Ensemble beim Baden zu; ach, wer da mitmachen dürfte. Mit roten Badehosen im roten Bühnen-Karree stürzen sie sich alle voller Energie ins Becken mit kühlendem Nass, wie Mondtags Bühnenbilder Stephan Britze es ins Theater gebaut hat. Sie alle spielen mal "toter Mann" (oder "tote Frau"), brechen kleine Ringkämpfe im gut knöchelhohen Wasser vom Zaun und haben herrliche Bauchklatscher im Spaßbad-Repertoire. Aber warum um alles in der Welt sollte irgendwer dafür bezahlen, ihnen dabei zuzuschauen?

Ach ja – weil vom Mythos der Königstochter Iphigenie die Rede sein soll bei dieser Wasser-Pantomime: vom Schmerz des Opfers also (Feldherr Agamemnon wollte die Tochter ja töten, um erfolgreich gegen Troja zu segeln) wie vom Glück göttlicher Errettung (Artemis verwandelt Iphigenie zur Herrin im eigenen Tempel), schließlich vom Wahn fremdenfeindlichen Terrors; denn der wird zur rituellen Aufgabe für das einstige Opfer-Lamm. Gut dran ist, wer die Geschichte im Programmheft nachliest – denn zu sehen davon ist nichts.

Keine Zusammenhänge zwischen Text und "Spiel" zu entdecken

Einer deklamiert zu Beginn und am Ende auf Griechisch, womöglich als finstre Seherin Kassandra; viel Musik ist im Spiel, alle singen im Becken und sprechen im Chor die offenbar mittlerweile bühnenliteraturtauglichen Hassprediger-Texte der xenophoben Propagandisten Akif Pirrinci und Alvis Hermanis.

"Befreie uns von der Qual der Angst! Schütze uns vor der Gefahr der Pest-Menschen! Vernichte sie! Töte sie! Töte sie! Töte sie!"

So fordern sie zum Schluss von Iphigenie, zur Täterin zu werden, und alles Fremde ohne Gnade aus der Welt zu schaffen.

Dazwischen wird geplanscht und gebadet, erkennbare Zusammenhänge zwischen kargem Text und – naja - "Spiel" sind nicht zu entdecken. Wieder mal ist eines jener Projekt zu bestaunen, die vor allem fern von der "Normalität" im Theater bleiben wollen und deshalb als wahnsinnig modern durchgehen – aber nichts provozieren als genau die Langeweile, aus der heraus sie entstanden sind.

Königin Lear und die Wirtschaftsmacht

Tom Lanoye hingegen, der vergleichsweise oft gespielte belgische Dramatiker, will das Theater immerhin überschreiben; nun also den "König Lear". Der wird zur Königin – und wie das Vor-Bild teilt sie zu Beginn das eigene "Reich" unter den drei Kindern auf. Allerdings geht’s nicht um politische Herrschaft, sondern um Wirtschaftsmacht – Milliarden stehen auf dem Spiel. Und nur der jüngste Sohn, Cordald (bei Shakespeare die Tochter Cordelia), will nicht in die Fußstapfen der Familie treten: Er will (gegen alle Widerworte von Brüdern und Mutter) eine andere Wirtschaftswelt.

"Ich hab‘ schon längst ein eigenes Projekt, seit Monaten ... Und was tust Du? Mikro-Finanzierungen! Wo immer man‘s versucht hat, war’s ein Reinfall ... Globalisierung bietet uns jetzt die Chancen, alte Fehler endlich zu vermeiden ... Globalisierung heißt nur: Was früher klein daneben ging, floppt jetzt weltweit!"

Lanoye will Shakespeare nicht neu erfinden

So funktioniert das alte Drama ganz im Hier und Heute; und der Wahnsinn, in den der originale Lear verfällt, lauert für diese Königin halt nicht "auf der Heide"; hier ist "der Sturm" das Beben der Wirtschaft von anno 2008, exponentiell gesteigert bis zur Zerstörung der großen Städte mit all den Wolkenkratzern der alten Macht. Ob allerdings auch eine echte Frauen-Tragödie steckt im Stück, bleibt fraglich – nur das Heiner-Müller-artige Wort von der Frau als "Neger der Geschichte" deutet in diese Richtung.

Lanoye will ja Shakespeare auch gar nicht neu erfinden – mit dessen Motiven markiert er scharf und hart die Gegenwart. Kay Voges, Schauspiel-Chef im derzeit sehr hippen Theater Dortmund, erzählt das genau so klar, knapp und ruppig wie der Text; auf Daniel Roskamps Bühne, die von weißen Linien und schwarzen Quadraten dazwischen wie eine Computer-Grafik strukturiert ist.

Und Josefin Platt als Wirtschaftskönigin läuft im Ensemble zu wirklich grandioser Form und Klasse auf. Mit ihr wird Lanoyes Methode sogar fast zum Ereignis.

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