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StartseiteEine WeltUnberechenbare Splittergruppen06.06.2015

Salafisten in GazaUnberechenbare Splittergruppen

Agieren im Gazastreifen radikale Salafisten? Und wenn ja, kooperiert die Hamas mit ihnen? Diese Fragen tauchen im Zusammenhang mit Gewalttaten und kleineren Anschlägen immer wieder auf. Die Hamas dementiert eine Kooperation - doch gerade für enttäuschte Hamas-Kämpfer sind salafistische Gruppen ein Sammelbecken.

Von Torsten Teichmann

Palästinensische Salafisten auf einer Demonstration in Rafah 2013. Männer tragen Plakate und rufen Slogans auf einer Demo. (SAID KHATIB / AFP)
Palästinensische Salafisten auf einer Demonstration in Rafah 2013. (SAID KHATIB / AFP)
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Zuerst ist der Alarm im Süden Israels noch eine Übung. Aber schon am Tag drauf eine echte Warnung für die Bewohner: Ein Geschoss aus Gaza sei eingeschlagen, erklärte der Landrat der israelischen Region Sdedot HaNegev, Tamir Idan:

"Gegen 23 Uhr waren Sirenen zu hören. Ein Alarm in den Gemeinden rund um den Gazastreifen und weiter entfernt. Wir haben den Einschlag einer Grad-Rakete entdeckt, den können sie hier sehen; auf freiem Feld. In einem Wohngebiet hätte die Explosion Schaden angerichtet und Menschen in Gefahr gebracht."

Die Verantwortung für den Angriff übernimmt eine Gruppe von mutmaßlichen Salafisten. Sie zielen auf Israel, wollen sich mit dieser Provokation aber an der in Gaza herrschenden Hamas-Organisation rächen. Das funktioniert auch, weil Israels Regierung grundsätzlich die Hamas für Beschuss zur Verantwortung zieht. Die Luftwaffe greift in den folgenden Stunden Ziele im Gazastreifen an.

Es scheint, als habe die Hamas Probleme, Salafisten und Dschihadisten unter Kontrolle zu bekommen. Einzelne Splittergruppen suchen die Konfrontation und das bereits seit längerer Zeit.

Ein Begräbnis im Sommer 2009 in Rafah. Die Grenzstadt ganz im Süden des Gazastreifens war zuvor Schauplatz einer Schießerei mit mindestens 22 Toten und beinahe 100 Verletzten. Einheiten der Hamas haben eine Moschee gestürmt. Eine Moschee, in der sich bewaffnete Salafisten versammelt hatten. Die Gruppe nennt sich "Soldaten der Gottesfürchtigen". Ihr Anführer Abdel-Latif Moussa will Emir sein - im von ihm ausgerufenen Islamischen Emirat Gaza.

Der Anspruch stellte die Macht der regierenden Hamas infrage. Die palästinensische Organisation greift zu. Der Sprecher des Innenministeriums, Ihhab Al-Ghussein, verspricht nach der tödlichen Schießerei in Rafah Aufklärung:

"Die Situation im Gazastreifen ist unter Kontrolle. Die Ermittlungen laufen, mit 40 Festgenommenen im Gefängnis. Ich denke, in der kommenden Woche werden wir die Ergebnisse auf einer Pressekonferenz präsentieren."

Salafismus bereits seit den 80er-Jahren in Gaza vertreten

Die Frage vor sechs Jahren war, ob Al-Qaida in Gaza operiert. Die Angaben über die Zahl möglicher Sympathisanten schwankt: Einige politische Analysten in Palästina sprechen von 400 Dschihadisten. Andere wollen gar von 4.000 wissen.

Salafismus als Strömung des Islam ist bereits seit den 80er-Jahren in Gaza vertreten. Sheikh Yassin Al-Astad sei damals von Saudi Arabien nach Khan Younis gekommen, sagte Imam Abu Saed im Juli 2012. Die Auslegung des Koran sei konservativ, aber friedlich. Mit bis zu 4,5 Millionen US-Dollar aus den Emiraten und Saudi-Arabien unterstützt die Organisation nach eigenen Angaben vor allem soziale Projekte.

In seiner Moschee in Deir Al-Balach zieht der Imam eine Grenze zwischen sich und militanten Salafisten:

"Wir haben nichts miteinander zu tun. Die Dschihadisten denken, jeder, der nicht von ihnen ist, ist gottlos und muss bekämpft werden. Wir nehmen jeden auf, der sagt, Gott ist groß. Wie einen Bruder."

Das Verhältnis der Hamas zu den radikalen Splittergruppen ist weniger eindeutig. Zwar umstellen im April 2011 Sicherheitskräfte der Hamas ein Haus im Flüchtlingslager Nusseirat. Die Jagd gilt den mutmaßlichen Mördern und Entführern des italienischen Journalisten Vittorio Arrigoni in Gaza. Die Hamas will sich nach der Verschleppung des Europäers als ordnende Kraft präsentieren.

Die Gefahr einer weiteren Radikalisierung in Gaza ist groß

Auf der anderen Seite tauchen immer wieder Berichte über eine Kooperation mit salafistischen Gruppen auf. Zum Beispiel im Sommer 2013 über Hilfe für Salafisten auf dem Sinai, also auf ägyptischen Gebiet, so der Politikwissenschaftler Mkhaimar Abusada von der Al-Az'har Universität in Gaza:

"Es gibt Anschuldigungen gegen Hamas, dass sie militante, radikale Salafisten auf dem Sinai ausbilden. Wenn sie Hamas fragen, sagen sie, wir haben nichts mit der Lage dort zu tun, aber einige ägyptische Quellen behaupten, sie hätten Dokumente, die Hamas in Verbindung bringen mit einigen Angriffen auf ägyptische Sicherheitskräfte."

Womöglich haben Mitglieder in der Führung der Hamas lange die Vorstellung gehabt, militante Splittergruppen kontrollieren und für eigene Interessen einsetzen zu können. Die weitgehende Abriegelung des Gazastreifens durch Ägypten und Israel mit Duldung der internationalen Gemeinschaft verschärfe das Problem, heißt es bereits in einem Bericht der International Crisis Group 2012.

Die Gefahr einer weiteren Radikalisierung in Gaza ist groß. Salafistische Gruppen sind auch Sammelbecken für enttäuschte Hamas-Kämpfer und deren Waffen. Palästinenser verlassen Hamas im Streit über Feuerpausen mit Israel, die angebliche militärische Zurückhaltung der Organisation trotz verriegelter Grenzen, ausbleibende Gehaltszahlungen oder eine zu schwache Auslegung von Religionsgesetze. Die Folge ist Konfrontation.

Und da nicht mehr Al-Qaida die Straßen beherrscht, sondern der IS, schwören einige Dschihadisten ihre Treue der neuen pan-arabischen Terrorgruppe. Obwohl ein Zusammenschluss mit IS nicht belegt ist.

 

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