Dienstag, 27. September 2022

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Samos
Flüchtlingselend unter nassen Planen

Etwa 1.400 Menschen müssen in Kälte und Nässe auf der griechischen Insel Samos ausharren. Die Flüchtlinge warten in dem sogenannten Hotspot-Camp auf die Bearbeitung ihres Asylantrags. Vor allem Freiwillige und die Hilfsteams versuchen, die Situation zu verbessern.

Von Michael Lehmann | 15.01.2017

    Blick auf ein Zelt, in dem auf der griechischen Insel Samos Flüchtlinge untergebracht sind.
    Blick auf ein Zelt, in dem auf der griechischen Insel Samos Flüchtlinge untergebracht sind. (Deutschlandfunk / Michael Lehmann)
    Starkregen und Kinderstimmen hoch über Samos-Stadt. Warm sind hier nur wenige Wohncontainer im sogenannten Hotspot-Camp. Drumrum ein doppelt mit S-Draht gesicherter hoher Zaun. Bedrückend eng stehen die Container am Hang, dazwischen Schuhe, die eigentlich zum Trocknen aufgestellt wurden, immer wieder Abfall, Pfützen - und wild hineingeklatscht - Zelte, die aus Planen und Holzresten notdürftig zusammengeflickt sind. Rose de Jong versucht, das Chaos zu lindern - sie ist die hauptverantwortliche UNHCR-Flüchtlingshelferin auf der Insel:
    "Die Temperaturen sind in den letzten Wochen extrem gefallen: der krasseste Winter seit Langem in Griechenland. Besonders Familien, verletzte Menschen, Schwangere sind überhaupt nicht in der Lage, unter diesen Bedingungen klar zu kommen."
    Vor elf Tagen erst ist Saleuklah Hatak aus Afghanistan mit seinem Bruder und einem Freund hier angekommen. 1.100 Euro hat das Schleuser-Ticket für die 1,5 Kilometer lange Schlauchbootfahrt von der Türkei hierher gekostet. Und seitdem: Kälte, erst Schnee, dann Nässe.
    "Wir leben hier oben in dem Zelt: Total schwer, das irgendwie zu ertragen, aber wir haben keine Chance. Wir brauchen Geduld."
    Das Zelt für die drei steht auf einer nassen Betonplatte, seitlich Pfützen, die Decken innendrin - feucht:
    "Meistens bleiben wir unter dem Vordach vor der Ärztebarracke. Nachts schlafen kann man da zwar nicht, aber es ist wenigstens trocken bei dem vielen Regen draußen."
    500 Bewohner leben in Zelten oder unter Planen
    500 der Bewohner im Hotspot-Camp auf Samos müssen es ähnlich nass und kalt in Zelten oder notdürftig mit Planen geschützten Plätzen aushalten. Aus einem Labyrinth von nassen Planen, doppelt gelegten Decken und Leinen-Gewirr ist immer wieder auch Kindergeschrei zu hören. Nicht allen Familien konnten die Helfer eine festere Unterkunft auf der Insel vermitteln, sagt Flüchtlingshelferin de Jong vom UNHCR:
    "Manche Flüchtlinge sind in einem psychisch sehr schwierigen Zustand. Sie stehen nach ihrer Irrreise hierher innerlich unter Druck. Manche haben ihr Zuhause erst vor kurzem Verlassen müssen. Und dann solche Lebensbedingungen wie hier aushalten zu müssen, das erzeugt Frust und enormen Psycho-Druck."
    Offizielle Auskünfte von den Verantwortlichen im Flüchtlingscamp auf Samos gibt es nur nach mehrtägiger Wartezeit. Journalisten sind auch bei der Polizei im Camp allenfalls toleriert. Die Türen zum Lager stehen zwar inzwischen Besuchern offen. Doch es sind vor allem Freiwillige und Angestellte der Hilfsteams, die versuchen, den Menschen zu erklären, dass es Monate dauern kann, bis sie wissen, ob ihr Asylverfahren Erfolg hat:
    "Vielleicht nach Frankreich oder nach Italien." Wo er hin will, kann der junge Mann aus dem Irak nicht sagen. Er hat von einem holländischen Arzt vier große Tabletten gegen seine Knieschmerzen bekommen und steht auf Krücken auf einer steilen Schotterpiste. Er hat - wie die allermeisten der etwa 1.400 Camp-Bewohner - keine Ahnung, wie viele Wochen oder Monate er hier noch aushalten muss.
    Und Rose de Jong vom UNHCR klappt wieder ihren Laptop auf, um weiter zu organisieren, damit wenigstens viele der Kinder bald auf Samos ein festes Dach über den Kopf bekommen.
    Jede Woche kommen trotz Wind und Winterwetter weiterhin ein paar Dutzend neue Flüchtlinge auf die Insel.
    "Etwa ein Viertel der Leute im Camp sind Kinder. Und das kann nicht sein. Für Kinder sind diese Lebensbedingungen wirklich nicht zu akzeptieren", empört sich UNHCR-Helferin de Jong.