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StartseiteBücher für junge LeserTod, Verlust - und Surfen18.01.2020

Sandra Hoffmann: „Das Leben spielt hier“Tod, Verlust - und Surfen

Ona ist noch sehr jung, als ihre Mutter stirbt. Ihr bester Freund Pe verliert seinen Bruder bei einem Autounfall: In Sandra Hoffmanns sensiblen Jugendbuch-Debüt geht es um den Tod, den Verlust geliebter Menschen - und vor allem darum, was beides für die Zurückbleibenden bedeutet.

Von Ursula Nowak

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Ein Kind mit Surfbrett läuft im Abendlicht in die Wellen am Strand von St Peter-Ording, Nordfriesland, Schleswig-Holstein. (picture alliance / Imagebroker)
Surfen und die Beobachtungen des Meeres spielen im Buch eine große Rolle - Sandra Hoffmann ist selbst Surferin (picture alliance / Imagebroker)

Die 17-jährige Ona weiß es sofort: Dieser stille Junge mit der Narbe am Kopf ist anders als die übrigen Surfer-Typen am Strand. Ein Blick von ihm trifft sie mitten ins Herz, und sie ist Hals über Kopf verliebt. Doch dann dauert es ein Jahr, bis Ona und Pe ein Paar werden. Pe, mit richtigem Namen Peer, ist leidenschaftlicher Surfer. Mehrere Sommer war er mit seinem älteren Bruder in einem Surfer Camp. Pe hat einen Autounfall schwer verletzt überlebt, sein Bruder ist dabei tödlich verunglückt. Pe kann sich Ona anvertrauen, sie hat viel Empathie für seinen Schmerz, da sie ihre Mutter verloren hat. Doch es ist für Pe nicht leicht, sich zu öffnen. Zum Glück lernt Pe Kriedel kennen, den älteren Buchhändler. Er wird zum Freund und Vermittler zwischen Pe und Ona: "Das Leben spielt hier" ist das erste Jugendbuch von Sandra Hoffmann.

"Das war nicht wirklich eine Entscheidung, sondern es gab zwei Figuren, die sich aufgedrängt haben, nämlich Pe und Kriedel waren plötzlich da. Und ich weiß bis heute nicht, woher die kamen."

Bedrückende Stille im Elternhaus

Pe kann mit Kriedel über alles reden, und er wundert sich darüber, weil der Buchhändler im Alter seiner Eltern ist. In Pes Elternhaus herrscht eine bedrückende Stille. Der verstorbene Bruder war das Lieblingskind der Mutter, und Pe fühlt sich schuldig, weil er nicht verhindert hat, dass sein bekiffter Bruder mit dem Auto losfuhr. Außerdem fragt er sich, warum der Bruder und nicht er selbst gestorben ist. Mit Ona spricht Pe zunächst nicht über seinen Schmerz. Erst nach einem Vierteljahr traut er sich:

"Jetzt erzähl ich's! Dann hat er ihr die Sache mit Dani erzählt. Und danach war nichts mehr einfach. Nicht das Sprechen und nicht das Sich-Angucken, und nicht das Zusammensitzen und nicht das Zusammenstehen, und nicht das Aufräumen von Tellern und Tassen und Gläsern, und nicht, dass die Musik schön war, die Ona laufen ließ. Im Gegenteil, die schöne Musik war zu schön.
Weil Ona gesagt hat: Warum bist du nicht wütend auf deinen Bruder?
Und Pe hat gesagt: Warum bist du nicht wütend auf deine Mutter?
Weil man das nicht vergleichen kann, hat Ona gesagt, weil Mama ist doch nicht mit Absicht gestorben.
Dani ist auch nicht mit Absicht gestorben, hat Pe gesagt.
Aber er hätte dich fast umgebracht. Hat Ona dann gesagt, und dann ist sie auf der Toilette verschwunden. Und Pe hat es nicht mehr ausgehalten. Da. In Onas Wohnung."

Thema Kommunikation: "Sprechen hilft bei allem"

Pe flüchtet zu Kriedel. Als Ona ihren Freund einige Zeit später bei dem Buchhändler aufspürt, ermuntert Kriedel die beiden, über ihre Sorgen zu sprechen. Zum ersten Mal berichtet Pe detailliert von dem Unfall mit seinem Bruder, stellt sich den Fragen von Ona und kann in Kriedels Armen auch weinen. Im kleinen Raum der Buchhandlung und dem Zeitfenster einer Nacht hat das Gespräch den Charakter eines Kammerspiels. Gemeinsam denken die drei über Schuld und Versöhnung nach. In einer Rückblende reflektiert auch Ona den plötzlichen Herztod ihrer Mutter und das Gefühl der Ohnmacht für die Zurückbleibenden. Kriedel lässt beide erzählen und beobachtet, wie sie sich dabei immer enger aneinander schmiegen.

"Vielleicht ist das immer schon mein großes Thema. Sprechen hilft bei allem. Sprechen ist überhaupt die allergrößte Möglichkeit, die wir als Menschen haben. Kommunikation, um uns zu entwickeln. Und das ist für mich schon ein großes Thema, auch in diesem Buch."

"Ich war mal kurz wütend auf Mama. Sagte Ona.
Warum? Pe rutschte ein wenig höher, sodass Ona den Arm von seinem Kopf nehmen musste. So konnte er besser ihre Augen sehen, die ihn jetzt anschauten, ohne dass darin etwas lag, was ihn erschreckte. Ona hatte die schönsten braunen Augen, die er kannte.
Weil sie uns alleine gelassen hat. Sagte Ona. Ganz einfach.
Aber dafür kann sie ja nichts.
Wieder zuckte Ona mit den Achseln. Jein.
Warum? Sagte Pe.
Weil, hätte sie es etwas genauer genommen mit ihrer Gesundheit, hätte sie vielleicht etwas bemerken können.
Vielleicht, sagt Pe."

Überzeugend starke Mädchenfigur

Großartig gelingt es Sandra Hoffmann in ihrem ersten Jugendbuch "Das Leben spielt hier", aus den Perspektiven von Pe und Ona zu erzählen. Immer wieder zieht Ona sich in ihre imaginierte Glaskugel zurück, um ganz bei sich zu sein. Sie dreht und wendet das Geschehen von allen Seiten und diskutiert tiefgründig. Mit Ona hat Sandra Hoffmann eine überzeugende, starke Mädchenfigur geschaffen. Die Dialoge von Ona und Pe erinnern an kurze Textnachrichten. Das ist gewöhnungsbedürftig und irritiert zunächst, weil im Text die Satzzeichen fehlen oder anders als üblich gesetzt sind.

"Die Figuren mit ihrer Sprache waren da und haben mich irgendwie gelenkt, und ich habe in Momenten gedacht: Ist das jetzt zu merkwürdig? Aber das war so richtig für diese Figuren. Diese Sprache ist natürlich in manchem auch eine gut zugehörte Sprache, weil, wenn man Menschen zuhört beim Sprechen, funktioniert das ja nicht immer linear."

Die Autorin Sandra Hoffmann und ihr Roman "Das Leben spielt hier" (Buchcover Hanser Verlag / Autorenportrait: (c) Martin Fengel)Sprechen - die größte Möglichkeit, die wir Menschen haben, sagt Sandra Hoffmann (Buchcover Hanser Verlag / Autorenportrait: (c) Martin Fengel)

ie Jugendlichen sprechen mit Anglizismen wie "nice" oder kurzen Formulierungen wie "für nichts" anders als der etwa 50-jährige Kriedel. Erst in der zweiten Hälfte des Buches erfährt man mehr über das Leben des Buchhändlers, als Pe, Ona und Kriedel mit dessen altem VW Käfer nach Nordspanien fahren, um Kriedels große Liebe aufzusuchen. Die Geschichte nimmt Fahrt auf und wird zu einer Art Road Movie. Die jungen Leute sind erstaunt, dass ihnen ein Erwachsener im Alter ihrer Eltern von seinem Liebeskummer erzählt. Jetzt wendet sich das Blatt. Ona und Pe stellen Fragen, sie ermutigen Kriedel, nicht aufzugeben und seinem Herzen zu folgen.

"Kriedel tat nichts, saß ohne ein Buch in der Sofaecke im grünen Zimmer und sagte: Ich habe nachgedacht.
Worüber?, hat Pe gefragt.
Dass ihr mutiger seid als ich.
Ona war mutig, hat Pe gesagt. Ich bin doch abgehauen.
Ich auch, hat Kriedel gesagt, vor allem. Ich war zu wenig mutig in meinem Leben. Glaube ich. Und er hat Ona lange angeschaut, die sich gar nicht für mutig hielt, nur für eine, die den Dingen ins Auge schaute.
Das denke ich, seit du dich getraut hast, zu uns zu kommen, in der Nacht. Hat Kriedel zu Ona gesagt.
Deshalb will ich zu ihr."

Mit dem Blick der Surferin geschrieben

Geschickt kehrt Sandra Hoffmann in ihrem ersten Jugendbuch "Das Leben spielt hier" die Rollen um. Kriedel erzählt von seinen Verlusten und seinem Traum, surfen zu können, und er lässt sich von Pe überreden, das Surfen einmal auszuprobieren. Als Kriedel zum ersten Mal auf einem Surfbrett steht, beobachten Pe und Ona seine Begeisterung mit großer Freude. Ausführlich widmet sich Sandra Hoffmann, selbst eine leidenschaftliche Surferin, den Beobachtungen des Meeres. Und sie erläutert im Anhang des Buches mit einem Glossar die Fachbegriffe des Surfens.

"Der Surferblick muss ja ein sehr beobachtender sein. Man muss sehr genau verstehen, was das Meer macht, damit man zur richtigen Zeit eine Welle anpaddeln kann und man muss sich in natürliche Gegebenheiten einschmiegen. Anders ist es nicht möglich. Man muss sich eigentlich in Demut üben, um vom Meer nicht überwältigt zu werden, und all dies spielt durchaus in diesem Text auch eine Rolle. Man kann ja nicht alles bestimmen im Leben."

Sandra Hoffmann hat über ein heikles Thema geschrieben. Es geht um Tod und Verlust und vor allem darum, was beides für die Zurückbleibenden bedeutet. Mit sensiblem Blick beschreibt Sandra Hoffmann die unterschiedlichen Seelenzustände von Menschen, die eine tiefe Verletzung in sich tragen.

Sandra Hoffmann: "Das Leben spielt hier"
Hanser Verlag, München. 160 Seiten, 20 Euro, ab 15 Jahren.

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