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StartseiteBüchermarktSchizophrene Zeitreise23.10.2020

Sandra Newman: "Himmel"Schizophrene Zeitreise

„Himmel“ spielt im New York der Gegenwart und im elisabethanischen England zur Zeit Shakespeares, der sogar persönlich auftritt. Die Protagonistin Kate ist schizophren: Sie reist in Gedanken hin und her und sie will die Welt retten. Das ist ein schöner Stoff, doch es holpert und stolpert in diesem Genremix.

Von Martin Krumbholz

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Buchcover Sandra Newman und ein Portrait von William Shakespeare (Buchcover Matthes & Seitz Verlag / Portrait Shakespeare picture-alliance / dpa)
Kate sucht Shakespeare und verlässt das New York von 9/11 (Buchcover Matthes & Seitz Verlag / Portrait Shakespeare picture-alliance / dpa)
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Eine Episode in diesem Roman spielt an 9/11, also am 11. September 2001: Leute in New York vor dem Fernsehschirm, auf dem man einen Wolkenkratzer sieht, in dessen Flanke ein Flugzeug stößt; die Protagonistin Kate kommt hinzu und erklärt: "Ich bin gerade erst aufgewacht. Ist etwas Wichtiges passiert?"

Dieser Vorgang ist zwar an sich nicht so ungewöhnlich, doch er passt allzu gut ins Schema: Die liebenswerte Hauptfigur in "Himmel" hat ein gestörtes Verhältnis zur Realität. Sie ist schizophren. In einer Rezension darf man es gleich verraten, im Roman allerdings enthüllt die Autorin den Umstand erst nach und nach. Begonnen hat alles im Jahr 2000 als eine harmlose Liebesgeschichte: Ben und Kate lernen sich auf einer Party in Manhattan kennen. Die liberale Gastgeberin führt ein "rotes Hotel" (rot im Sinn von Links), sie ist betucht, die Floskel von der "reichen Gastgeberin" fällt auf der ersten Seite gleich dreimal. Dann werden die beiden Protagonisten vorgestellt:  

Kate hatte ungarisch-türkisch-persische Wurzeln: drei romantische, aber unpraktisch veranlagte Stämme; drei Völker, die ihre Weltreiche verspielt hatten. Ihre Vorfahren trugen Juwelen im Bart, schwangen im vollen Galopp die Schwerter. Bei ihnen hatte es entweder Opiumhöhlen oder Stalinismus gegeben, nichts dazwischen; das sagte Kate und lachte über sich selbst. – Ben war halb bengalisch, halb jüdisch.

Der publizierte Lyriker und der Sex

Und wie das so ist: Man findet sich sympathisch, betrachtet vom Balkon den Sternenhimmel, kommt sich näher. Schließlich lädt Kate Ben ein, die Nacht mit ihr auf der Dachterrasse zu verbringen. Vielleicht sollte es Ben (und auch die Leser) stutzig machen, dass dies alles viel zu einfach geht, dann aber stolpert man über eine unerwartete Hürde:

"Sie sagte: 'Ich habe dich nicht mit hochgenommen, um Sex zu haben. Ich hoffe, du hast das nicht missverstanden'.
 'Oh, natürlich nicht', log er, 'ich habe nichts dergleichen erwartet.'
'Vielleicht können wir ja nächstes Mal Sex haben.'
'Okay.'
'Ich meine, ich will dich nicht abweisen.'"

Kate ist schizophren

In der Realität wäre die Geschichte an dieser Stelle vielleicht zu Ende, es würde kein "nächstes Mal" geben. In Sandra Newmans Roman jedoch ist alles ein wenig anders – weil Kate eine komplizierte Person ist, um das Mindeste zu sagen. Ben ist Geologe, Lyriker (publizierter Lyriker, wie er betont) und Doktorand, also ein ziemlich normaler Typ. Kate ist schizophren, und damit in hohem Maß schutzbedürftig, was wiederum Bens psychischer Disposition entgegenkommt: Er hat eine seelisch instabile Mutter, die ihn schon früh zu ihrem Vertrauten gemacht hat. Also: Es gibt ein nächstes Mal, Kate und Ben verlieben sich ineinander; gleichzeitig wird er von Sabine, der reichen Gastgeberin, gewarnt:  
 
"'Ich glaube, was ich sagen will, ist Folgendes: Kate lebt nicht in der realen Welt, und ab einem bestimmten Punkt kommen die Leute nicht mehr damit klar und verletzen sie.'
'Also warnst du mich vor ihr?', sagte Ben mit bewusst ungläubigem Tonfall.
'Nein', sagte Sabine. 'Das war nicht meine Absicht. Hört es sich so an? Mein Gott, ich bin so ein Arschloch.'"

Einmal kurz die Welt retten

Kate lebt in einer Parallelwelt, in der es eine Marslandung und eine grüne Präsidentin namens Chen gibt; damit nicht genug, begibt sie sich in ihren Träumen auf Zeitreisen ins 16. Jahrhundert und will sozusagen rückwirkend den Lauf der Geschichte korrigieren. Kate, könnte man sagen, will die Welt retten – und Ben will Kate retten. Das eine ist unmöglich, das andere mehr als schwierig: So die zwar paradoxe, aber nicht ganz unplausible Konstellation des Romans. Kates Zeitreisen nehmen darin einen breiten Raum ein. Sie heißt in ihren Träumen Emilia, ist die Tochter eines elisabethanischen Höflings und verliebt sich in einen traurigen Mann namens Will:

Er stockte, dann verneigte er sich. "Ich bin William Shakespeare. Es reut mich, dass ich nichts Besseres zu berichten weiß." Dann hielt er inne. Es war das Innehalten eines Schriftstellers, der darauf hoffte, sein Zuhörer würde seinen Namen erkennen.

Dramaturgischer Hokuspokus

Spätestens hier, in der Mitte des Romans, stellt sich ein Unbehagen ein. Nicht allein, dass die Sprache in den Traumpassagen künstlich altert, was in jedem Fall prätentiös und albern klingt; die einzelnen Ebenen sind auch nicht scharf genug voneinander unterschieden. So wird sehr realitätsnah von einem Besuch bei Kates Eltern erzählt, während sich viele Seiten später herausstellt, dass diese Eltern so gar nicht existieren, dass etwa der Vater schon in ihrem zweiten Lebensjahr verschwunden ist.

Das ist dramaturgischer Hokuspokus, man möchte so nicht irregeführt werden, auch wenn sich das Ganze zumindest klappentexttechnisch als "Genremischung" ausgibt. Man möchte einfach wissen, woran man ist, und eine Fantasy-Geschichte aus der Zeit Shakespeares ist etwas anderes als ein zeitgenössischer psychologisch-realistischer Roman aus New York,

Genremix und Kauderwelsch

Den Vorgängerroman "Icecream Star" hat Milena Adam tadellos übersetzt. Diesem Genremix ist sie nicht immer gewachsen. Es unterlaufen gestelzte und unfreiwillig komische Sätze wie: "Was bringt dich zu solcher Grübelung?" Dabei ist Kate als solche eine anziehende Figur; namentlich ihr Utopismus – ein freundlicheres Wort für Weltfremdheit – hat durchaus sympathische Züge:
 
"Eines schlimmen Abends erwähnte er Atomwaffen, und Kate sagte: 'Moment, sie bauen Atomwaffen?', und Ben antwortete: 'Mhm-hm', und Kate sagte, sie kenne sie in der Theorie, aber warum solle man sie bauen, wenn man genau wisse, dass man sie nie würde einsetzen können? Also erklärte Ben ihr Hiroshima und Nagasaki, und Kate sah entsetzt aus und sagte: 'Und sie bauen immer noch welche?'"
 
Über kurz oder lang resigniert Ben, das ist kaum anders zu erwarten; Kate wird schwanger von einem anderen, Ben verlässt sie, kehrt später zurück – der Wendungen sind viele in diesem so ambitionierten Roman. Man ist als Leser ein wenig erleichtert, wenn die Geschichte nicht allzu fatal endet, wenn die Liebenden schließlich wieder zueinander finden, aber, offen gesagt, man ist auch froh, wenn das Buch aus ist.

Sandra Newman: "Himmel"
Matthes & Seitz Verlag, Berlin
296 Seiten, 22 Euro.

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