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Sandra Newman: "Ice Cream Star"Afrocalypse Now

Ein zerstörtes Amerika, in dem nur Kinder leben, denn ein Virus rafft alle älteren Menschen hinweg: Sandra Newman schickt in ihrem neuesten Roman eine mutige, 15-jährige afroamerikanische Heldin auf die Suche nach einem Impfstoff. Eine Dysopie, die vor allem von einem geprägt ist: ihrer eigenen Sprache.

Von Johannes Kaiser

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Die amerikanische Flagge vor den Trümmern eines Hauses, das von einem Tornado zerstört wurde. (dpa/picture-alliance/Mike Stone)
Die Zukunft des verwüsteten Amerikas liegt in den Händen der Kinder (dpa/picture-alliance/Mike Stone)
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Aller Anfang ist schwer. Sandra Newman weiß das und macht ihren Lesern dennoch keine Zugeständnisse. Sie hat für ihren jüngsten Roman "Ice Cream Star" eine neue Sprache erfunden - und die ist selbst in der durchaus gelungenen deutschen Übersetzung ausgesprochen gewöhnungsbedürftig und anstrengend. Es dauert mindestens zwei Dutzend Seiten, bis man sich eingelesen hat, und noch einige Dutzend Seiten mehr, bis man Poesie in ihr entdeckt. Mancher gibt vorher auf:

"Ich bin Ice Cream Fünfzehn Star. Mein Bruder ist Driver Achtzehn Star und mein Geisterbruder is Mo-Jaques Fünf Star, tot, als ich selber erst Sechs war. Immer noch is mein Herz Regen für ihn, mein Bruder, der klein an Posies gestorben ist…Unsere Leute sind ne teerige Nachtart, lang und dünn. Wir fliegen wie Libellen überm Wasser, wir kämpfen wie zehn Knarren und sehn prächtig aus."

Sandra Newman im Gespräch: "Das Buch ist in einer Art von erfundenem Patois geschrieben. Ich stelle mir vor, die Menschen in Amerika könnten zukünftig so sprechen. Es basiert auf afroamerika-nischem Englisch und ist das Ergebnis der Tatsache, dass das afroamerikanische Englisch weltweit den größten Einfluss auf das gesprochene Englisch hat, vor allem in Amerika, aber es beeinflusst auch das britische Englisch. Dieses afroamerikanische Englisch ist etwas unglaublich Vitales und Kreatives und oftmals Wunderschönes und der Slang, der daraus entsteht, verbreitet sich sehr rasch wie ein Virus. Wenn Sie also darüber nachdenken, wie das Englische in 100 Jahren aussehen wird, dann, glaube ich, ist die Antwort, dass es diesem afroamerikanischem Englisch sehr ähnlich sein wird."

An dieser Stelle gebührt der Übersetzerin Milena Adam aller Respekt, denn ihr Versuch, diesen Rap-ähnlichen Fantasieslang  ins Deutsche zu übertragen, ist gelungen. Sie hat eine verknappte, Buchstaben und Silben schluckende Sprache erfunden, die einen nach anfänglichem Befremden schließlich in den Roman reißt.

Newmans Sprache deutet es schon an: Es sind dunkelhäutige Abkömmlinge der Afroamerikaner, die in ihrer Dystopie die USA bevölkern. Die weißen Amerikaner sind allesamt einem tödlichen Virus zum Opfer gefallen. Überlebt haben nur die Schwarzen, aber auch sie werden letztlich ein Opfer der Posies genannten Krankheit. Mit spätestens 20 bricht sie bei ihnen aus und bringt sie um.

Vagabundierende Überlebende

In achtzig Jahren, so Newmans Vision, besteht Amerikas Gesellschaft nur noch aus dunkelhäutigen Jugendlichen. Die Heldin ihres Romans ist die fünfzehnjährige Ice Cream Star. Ihr achtzehnjähriger Bruder Driver ist bereits erkrankt. Um ihn zu retten, einen Impfstoff zu finden, bricht sie mit ihrem Clan, den Sengles aus den Wäldern Massachusetts auf. In Quantico, dem ehemaligen Washington, soll es das Antidot gegen die Kankheit geben.  Auf dem Weg dorthin treffen die Sengles auf ganz unterschiedliche Gruppen von jugendlichen Überlebenden: einen gewalttägigen Clan, der Frauen versklavt, streng gläubige Christen, sesshafte ordnungsliebe Siedler und Bauern, schwer bewaffnete Soldatengemeinschaften. Sandra Newman:

"Ich empfand es als schöne Aufgabe, all diese unterschiedlichen gesellschaftlichen gruppen mit ihren verschiedenen Mentalitäten zu erfinden. Es ist insgeheim ein politisches Buch. All diese Gemeinschaften entspringen meiner Vorstellung, wie eine Gesellschaft damit umgeht, dass man so jung stirbt, und dass es nur einen kurzen Zeitabschnitt gibt, in dem sie erwachsen sind und verantwortungsvolle Arbeit leisten. Das größte Vergnügen war für mich, all diese unterschiedlichen Gesellschaften zu kreieren."

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Die Bezüge zur gegenwärtigen amerikanischen Gesellschaft sind nicht zu übersehen, wenn auch genregemäß auf die Spitze betrieben. Auf ihrem Weg durch ein ausgestorbenes, verwüstetes Amerika geraten Ice Cream Star und ihr Clan immer wieder in gefährliche Situationen. Ihre Reise ist abenteuerlich, und der Plot erinnert an dystopische Jugendbücher, in denen die Heldinnen und Helden um ihr Überleben kämpfen. Dies ist die erheblich blutigere und brutalere Erwachsenenversion:

"Als ich Ice Cream Star erfand, habe ich mir überlegt, wie eine echte Heldin in dieser Welt aussehen könnte, welche Qualitäten ein solcher Mensch haben müsste. Sie ist von Grund auf gut, auch wenn sie nicht immer Gutes tut. Sie versucht stets das Richtige zu machen. Sie sieht sich selbst gar nicht als einen guten Menschen an, vielmehr als jemanden, der Probleme zu lösen hat, um ihre Leute zu retten. Das ganze Buch über erleben wir Situationen, die Ice Cream Star korrumpieren könnten. Aber sie schafft irgendwie die Quadratur des Kreises und und lässt sich ihren Charakter nicht verderben.

So stelle ich mir jemanden vor, der aus seinem Instinkt heraus mutig ist. Ice Cream Star ist in einer Kultur aufgewachsen, in der Mut sehr wichtig ist. Sie ist ständig extremen Gefahren ausgesetzt und hat jedes Mal große Angst und dann macht sie doch, was immer notwendig ist. Sie weigert sich feige zu sein, selbst wenn man ihr droht, sie zu töten. Es gibt eine Stelle, an der sie sagt: ‚Der Tod ist für mich kein Argument‘. Um sie zum Handeln zu bringen, braucht es bessere Argumente. Solche Menschen gibt es durchaus, aber sie sind selten."

El Mayor oder Mamadou?

Gewalt meidet Ice Cream Star, wo immer das möglich ist. Die größte Bedrohung geht allerdings von den klassischen Gegenspielern, den Rous aus, einer russischen Invasionsarmee aus grausamen, gewalttätigen, skrupellosen Soldaten. Die sind alle viele älter als die Amerikaner, weil sie offenkundig über den gesuchten Impfstoff  gegen den tödlichen Virus verfügen. Einer von ihnen wird von Ice Cream Stars Clan gefangen genommen. Statt ihn zu töten, wird er auf Geheiß von Ice Cream Star als Gefangener mitgenommen. Zwischen ihr und dem 30jährigen Pascha Rou entsteht eine ungewöhnliche Beziehung:

"Sie hatte nie Eltern gehabt. Für sie ist er eine Art Elternfigur. Sie kämpft mit ihm so, wie ein Teenager sich mit seinen Eltern streiten würde. Seine Beziehung zu ihr, was er ihr gegenüber empfindet, das finden wir nie wirklich heraus. Das ist ambivalent. Er sieht sie in gewisser Weise als Tochter, aber vielleicht ist er auch in sie verliebt. Das wird nie klar."

Es ist nicht zuletzt diese Spannung zwischen den beiden, die Ungewissheit, wer wem trauen kann und darf, die den Roman mit antreibt. Außerdem gibt es noch eine Liebesgeschichte, ein Klassiker in Dystopien. Diesmal allerdings in doppelter Version. Ice Cream Star kann sich nicht entscheiden, wen sie mehr liebt, El Mayor oder Mamadou, zwei junge Männer aus sehr verschiedenen Clans:

"Sie schaut auf eine Welt, in der sie nur noch drei Jahre zu leben hat. In dieser Welt hat jede Fau  sehr jung Kinder zu kriegen. So sieht sie sich sozialem Druck ausgesetzt, einen Mann zu finden und Kinder zu bekommen. Der Plot mit den zwei Männern ist ein klassischer Plot typischer Jugendromane, bei dem zwei wunderbare Männer in die Heldin verliebt sind. Es gibt den Good Guy und den Bad Guy und sie will natürlich den schlimmen Kerl."

Die Elite schwelgt

Die drei Männer begleiten Ice Cream Star  auf dem Weg nach Washington. Doch bevor sie dort ankommen, geraten sie in die Gewalt der Marianos, einer spanisch sprechenden Gemeinschaft. Die hat in den Ruinen New Yorks eine Art Gottesstaat aufgebaut. Eine kleine Elite schwelgt auf Kosten einer bitterarmen, hungernden Arbeiterschicht in Luxus. Sie kürt regelmäßig eine neue Maria und einen neuen Jesus und ihre Wahl fällt jetzt auf Ice Cream Star und Pasche Rou:

"Es ist eine kapitalistische Gesellschaft und und sie wird durch eine Theokratie beherrscht, eine sehr entstellte Form des Katholizismus. Das Buch konzentriert sich auf die religiösen Aspekte, wie die Menschen durch eine Regierung aus religiösen Führern beherrscht werden. Die sehen die Religion vor allem als etwas an, das ihnen Macht verleiht, nicht als etwas, über das man in theologischer Hinsicht nachdenken müsste. Einer von ihnen wird zum Fanatiker und so zum Katalysator einer Revolution durch Ice Cream Star."

Wie sich Ice Cream Star als gottähnlich verehrte Maria bewährt und schließlich zum Kampf gegen die russischen Invasoren aufruft, das zeigt sich in den letzten beiden Kapitel der mit über 650 Seiten volumionösen Dystopie. Auch wenn Sandra Newman es geschickt versteht, Spannung aufzubauen, bisweilen ist sie zu verliebt in Nebenhandlungen und detailierte Kampfszenen. Doch das mindert das Lesevergnügen, wenn man erst mal in den Roman hineingefunden hat,  nur wenig. Auch wenn das Schicksal von Ice Cream Star offen bleibt, so lässt der Roman doch Hoffnung aufkommen, dass es ihr gelingt, Amerikas Menschen zu retten.

Sandra Newman: "Ice Cream Star".
Aus dem Amerikanischen von Milena Adam
Matthes & Seitz Verlag, Berlin, 667 Seiten, 28 €

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