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StartseiteEuropa heuteNiederländische Unternehmen haben Angst vor Gegenmaßnahmen 04.08.2014

Sanktionen gegen RusslandNiederländische Unternehmen haben Angst vor Gegenmaßnahmen

78 Prozent der Niederländer begrüßen die Sanktionen aus Brüssel, manche finden sie nicht hart genug. Bei den niederländischen Unternehmern dagegen steigt die Angst vor möglichen Gegenmaßnahmen der Russen - ein Boykott über niederländische Produkte würde die Handelsnation empfindlich treffen.

Von Kerstin Schweighöfer

Rote Tulpen (Jan-Martin Altgeld)
Unter einem russischen Boykott von Produkten aus Holland würden auch die niederländischen Blumenzüchter leiden. (Jan-Martin Altgeld)
Weiterführende Information

Sanktionen - Strafmaßnahmen gegen Russland
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Chrysanthemen, so weit das Auge reicht - ein einziges großes Blumenmeer, auf 30.000 Quadratmeter, ganz in weiß. Denn weiß ist die Blumenlieblingsfarbe der Russen, weiß Chrysanthemenzüchter Laurens van der Lans. Stolz präsentiert der 43-jährige Niederländer sein Treibhaus in s'Gravenzande westlich von Delft:

"Die Russen sind verrückt nach meinen Chrysanthemen, deshalb haben sie auch einen russischen Namen bekommen: Zembla. Ich züchte ausschließlich diese Sorte. Für den osteuropäischen Markt, die ehemalige Sowjetunion. 60 Prozent gehen nach Russland, bis nach Novosibirsk oder Almatiiii. Und natürlich auch nach Moskau, das liegt auf halbem Wege."

Von den Sanktionen, die Brüssel bislang gegen Russland verhängt hat, ist Blumenzüchter van der Lans zwar nicht betroffen. Aber was ist, wenn Putin im Gegenzug einen Boykott über niederländische Produkte verhängt?

"Dann habe ich ein großes Problem. Und nicht nur ich! Dann hat ganz Holland ein Problem. Und die Russen. Die verdienen auch an unseren Blumen!"

Sieben Milliarden Euro pro Jahr durch niederländischen Export nach Russland

Denn dick mit den Russen ins Geschäft gekommen sind nicht nur die ganz Großen hinter den Deichen: Unilever, Shell, Philips, Heineken. Sondern auch kleine oder mittelständische Unternehmen wie das von Laurens van der Lans. Seit Wladimir Putin 2000 erstmals Präsident wurde, hat sich der Export nach Russland vervierfacht – auf rund sieben Milliarden Euro pro Jahr.

Dabei geht es vor allem um Landbauprodukte und Landbaumaschinen: Blumen, Gemüse, Obst. Traktoren und Melkroboter. Die Russen wiederum exportieren in der Hauptsache Öl und Gas nach Holland, das im Rotterdamer Hafen umgeschlagen wird.

Ein Handelsboykott für Agrarprodukte würde die Niederlande also ganz besonders empfindlich treffen. Polen wurde bereits mit einem solchen Boykott gestraft und darf nicht länger Obst und Gemüse nach Russland exportieren. Als Folge landet es nun auf dem deutschen Markt – zum Leidwesen holländischer Züchter, die dort ihre eigenen Gurken und Tomaten an den Verbraucher bringen wollen. "Die haben es ohnehin schon schwer", weiß van der Lans. "Das wird viele die Existenz kosten", prophezeit er:

"Handelskrieg ist der verkehrte Weg"

"Ich verstehe ja, dass wir ein Zeichen setzen müssen, auch ich finde es ganz furchtbar, was passiert ist. Aber ein Handelskrieg ist der verkehrte Weg, da gibt es nur Verlierer."

Die Unternehmervereinigung EVO, die die Interessen von 20.000 niederländischen Firmen vertritt, hat einen speziellen Helpdesk eingerichtet. "Handel mit Russland" heißt er. Die Sanktionen aus Brüssel betreffen vorläufig zwar vor allem den Energie- und Militärsektor. In- und Ausfuhr von Waffen sind verboten, von Geräten und Technologien zur Öl- und Schiefergasgewinnung. Dennoch sei die allgemeine Verunsicherung groß, weiß EVO-Direktor Joost Sitskoorn:

"Zum einen wollen unsere Mitglieder wissen, woran sie sind. Fensterglas zum Beispiel kann sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden, für Nachtgläser. Fällt das nun unter das Exportverbot oder nicht? Zum anderen ist die Angst vor Gegenmaßnahmen der Russen groß. Die würden uns momentan viel empfindlicher treffen als die Brüssler Sanktionen."

Russlandjahr wurde zum Desaster

Wobei ein Zudrehen des Gashahns die Niederländer ziemlich kalt lassen würde: Sie sind der größte Gasproduzent der EU - mit großen eigenen Gasvorräten und ebenso großen Plänen. Zur Gasdrehscheibe Europas wollen sie werden, zu einem Umschlagplatz, wo Gas gespeichert und in alle Welt weiterverkauft werden kann.

Der britisch-niederländische Konzern Shell arbeitet seit Langem eng mit russischen Energieunternehmen wie Gazprom zusammen und wollte auch mit den Russen im nördlichen Eismeer nach Öl und Gas suchen. Shell-Vorstandschef Ben van Beurden traf sich deshalb im letzten Jahr mit Putin; dieser hatte kurz zuvor mit Premierminister Mark Rutte einen Vorvertrag geschlossen – als Auftakt zum Russlandjahr, mit dem 400 Jahre freundschaftlicher Beziehungen gefeiert werden sollten.

Das Jahr wurde zu einem Desaster, überschattet von Skandalen und Affären. Die größte war die Gefangennahme von Greenpeace-Aktivisten auf der Arctic Sunrise, die gegen die Öl- und Gasgewinnung im Nordpolarmeer protestiert hatten. Diese Pläne kann Shell wegen der Brüssler Sanktionen vorerst auf Eis legen. Auch das bilaterale Verhältnis ist so frostig geworden, dass die Temperaturen des Nordpolarmeers dagegen fast mediterran anmuten dürften.

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