Montag, 27.01.2020
 
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StartseiteGeneration Einheit ExtrabeiträgeSaskia Schönherr aus Mecklenburg-Vorpommern, geboren am 20.08.199006.09.2010

Saskia Schönherr aus Mecklenburg-Vorpommern, geboren am 20.08.1990

Von ihrer geplanten Reihe "Generation Einheit" habe ich mich anregen lassen, über mein Geburtsjahr nachzudenken.

Wenn man Helmut Kohl den "Kanzler der Einheit" nennt, dann hat er sich das auch verdient. Ich musste für den Titel "Kind der Einheit" einfach nur 1990 zur Welt kommen. Ich wurde am 20. August vor 20 Jahren als jüngstes Familienmitglied im meiner kleinen Stadt in Vorpommern geboren - eine Minute nach meiner zweieiigen Zwillingsschwester Sophia. Im Jahr der Wiedervereinigung, in dem aus zwei grundverschiedenen deutschen Staaten einer wurde, begrüßten meine Eltern ihre grundverschiedenen Zwillinge. Über soviel Symbolträchtigkeit kann ich mich schon ein bisschen freuen.

Es ist jammerschade, ein Jahr des Umbruchs sabbernd und gewindelt im Kinderwagen verbracht zu haben. Derweil besuchten meine älteren Geschwister an der Hand von Mama und Papa das erste Mal McDonalds. Sie durften gemeinsam mit den Erwachsenen über das Neue staunen, während Sophia und ich uns wie selbstverständlich an "Hipp"-Brei satt essen konnten und in federweichen "Pampers" bis zur nächsten Fütterung schliefen. DDR-Bürger waren wir nur auf dem Papier und nur für kurze Zeit.

Wir können also meistens nicht mitreden, sondern nur zuhören, wenn mir mein Großonkel erzählt, auf welchen abenteuerlichen Wegen er Baustoffe für sein Haus organisiert hat, oder mein Vater sich an seine Zeit in der NVA erinnert, oder meine Mutter aus ihrer Pionierzeit plaudert - oder wenn sich der Geschichtslehrer zwar um eine neutrale Betrachtung der Teilung Deutschlands bemühte, sich aber seine Anekdoten nicht verkneifen konnte.

Sie alle verknüpfen Erinnerungen mit einer Zeit, deren Eckdaten Sophia und ich für unser Abitur aus Heftern lernen mussten.

Wenn mich gelegentlich jemand daran erinnert, ich sei "zur Wende" zur Welt gekommen, hört sich das an, als wäre ich knapp etwas entronnen, oder hätte es verfehlt. Irgendwie in der Mitte und weder Fisch noch Fleisch. "Wie Westkinder aufgewachsen", lästern manchmal die Alten und trotzdem sind auch wir gemeint, wenn sie sagen: "Wir Ossis!" Wenn uns unsere Verwandten aus der Nähe von Köln besuchen kommen, dann nenne ich sie nicht "Westbesuch". Sie wohnen auch nicht in den "alten Bundesländern" und wenn sie etwas aus dem Kaufhaus mitbringen, dann ist es auch kein Luxusgut vom anderen Stern.

Mittlerweile bin ich eine wahlberechtigte Bürgerin der Bundesrepublik Deutschland und nehme Gesamtdeutschland trotz der Ostalgie so alltäglich und selbstverständlich hin, wie früher meinen Babybrei. Die DDR ist ein Teil der Vergangenheit meiner Familie. Auch wenn ich selbst kein "Zonen-Kind" war, fühle ich mich durch die Bananenwitze meiner Freundin aus dem Saarland belächelt und in eine Schublade gesteckt, die 20 Jahre nach dem Mauerfall längst überholt sein sollte. In solchen Augenblicken wirkt das vereinigte Deutschland auf mich wie ein ungleiches Zwillingspaar, das noch seine Gemeinsamkeiten entdecken muss.

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