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StartseiteForschung aktuellSatelliten steuern ohne Joystick21.10.2011

Satelliten steuern ohne Joystick

Aus dem Alltag eines Satelliten-Controllers

Raumfahrt. - Still und ungestört kreisen Satelliten durch luftleeren Raum um die Erde. Diese Vorstellung ist vielleicht romantisch, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Vielmehr werden sie ständig von Technikern überwacht und mit Steuerungskommandos gefüttert.

Von Karl Urban

Einer der europäischen Wettersatelliten Met OP-A (Esa)
Einer der europäischen Wettersatelliten Met OP-A (Esa)

Schon das Gebäude sieht aus wie ein Satellit: Ein hantelförmiger Bürotrakt, mit einem Turm in der Mitte, gekrönt von einem Antennenmast. Es steht am Rand von Darmstadt-West und ist die Zentrale von Eumetsat, dem Betreiber aller wichtigen Wettersatelliten Europas. Zu seinem Kontrollraum gelangt Nico Feldmann durch die lichtdurchflutete Eingangshalle.

"Studiert habe ich, im Prinzip angefangen mit Maschinenbau bis zum Vordiplom,"

der 29-jährige kreuzt den kleinen Bach, der sich durch die Halle schlängelt. Darüber zeigt eine Videoleinwand gerade ein wanderndes Sturmtief, aus Satellitenperspektive,

"und bin dann im Hauptstudium eingestiegen in die Luft- und Raumfahrttechnik mit Schwerpunkt auf Raumfahrttechnik."

Der Ingenieur mit dem schwarzen Pferdeschwanz öffnet mit seiner Chipkarte mehrere schwere Stahltüren und steht schließlich an seinem Arbeitsplatz. Seit drei Jahren arbeitet er hier im Schichtbetrieb.

"Controller ist ein guter Einstiegsjob, direkt für Studenten, die direkt von der Uni kommen, die irgendetwas im technischen Bereich studiert haben. Nicht unbedingt raumfahrttechnisch, sondern auch allgemein naturwissenschaftlich. Wir haben auch viele Physiker bei uns oder Informatikstudenten."

Auf der Länge einer Sporthalle hängen 40 Monitore und Telefone, in zwei Reihen übereinander. Grüne Kästchen stehen auf den meisten Schirmen, überwiegend die Vitalfunktionen eines einzelnen Satelliten, des Meteorological Operational Satellite, kurz MetOp. Jedes grüne Feld auf den Schirmen steht für Lagerregelung, Antrieb, Bordcomputer und die 13 Messinstrumente an Bord. Springt irgendwo ein Kästchen auf rot, fokussiert Nico Feldmann sofort seine Aufmerksamkeit auf diesen Bildschirm. Denn die Wetterdaten von MetOp müssen zuverlässig zur Erde gelangen,

"weil wir unseren Endnutzern gegenüber eine Verpflichtung haben, die in maximal zwei Stunden auch aufbereitet an die auszuliefern."

Messungen der Wolkenbedeckung, des Ozongehalts am Boden oder der Lufttemperatur: Nicht nur der Deutsche Wetterdienst berechnet seine 5-Tages-Vorhersage aus den ausgelieferten Daten des MetOp-Satelliten. Feldmann:

"Das muss eingehalten werden. Und um das zu gewährleisten – auch nachts und am Wochenende – muss eben auch dieser Satellit und auch die Bodenstation überwacht werden, jeweils von einem Controller."

Mindestens 100 solcher Befehle sendet der Ingenieur im Neunzig-Minutentakt gen Himmel, ohne die der Satellit bald nicht mehr funktionieren würde. Dann nämlich bewegt sich MetOp über eine der Bodenstationen in den Polregionen und ist auch in der Lage, Steuerungskommandos aus Darmstadt zu empfangen, von denen Nico Feldmann die wichtigsten immer im Kopf haben muss. Drei Monate lang lernte er deshalb 19 Ordner mit Befehlen auswendig. Den Rest schlägt er in mannshohen runden Aktenschränken direkt im Kontrollraum nach.

"Stressig wird es eher dann, wenn irgendetwas schief läuft, wenn wirklich ein Notfall eintritt. Dann kann es stressig werden und man sollte auch weiterhin in der Lage sein, die Ruhe zu bewahren. Das ist auf jeden Fall eine Voraussetzung für den Job."

Und besonders in brenzligen Situationen ist das eine Herausforderung, etwa wenn sich dem Satelliten ein Stück Weltraumschrott nähert. Dann müssen die Techniker ein Ausweichmanöver einprogrammieren, das der Bordcomputer später völlig ohne ihr Zutun ausführt.

"Das heißt, man muss auf diesen ersten Überflug danach warten, um dann zu gucken, ist der Satellit überhaupt noch da? Und wenn er da ist: Ist er überhaupt noch in Ordnung, hat er vielleicht etwas abgekriegt? Und da ist dann die Spannung groß, also wirklich beim Überflug nach dem vorausberechneten Zusammentreffen. Das ist der Moment, wo man dann so ein leichtes Kribbeln kriegt."

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