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StartseiteHintergrundAufbruchsstimmung als Imagepolitur04.12.2019

Saudi-ArabienAufbruchsstimmung als Imagepolitur

Saudi-Arabien fördert heute Tourismus und Entertainment. Beides war vor wenigen Jahren noch aus religiösen Gründen verboten. Die Herrscherfamilie will damit neue Jobs schaffen und die Privatwirtschaft stärken - um junge Saudis an sich zu binden, trotz ihrer restriktiver Politik.

Anne Françoise Weber

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Ein Künstler steht mit einer Nachbildung einer alten Filmkarena während Besucher das King Abdullah Financial District Theater betreten, vor der ersten öffentlichen Vorführung eines kommerziellen Kinofilms seit Mitte der 80er Jahre in Saudi-Arabien. (dpa-Bildfunk / AP / Amr Nabil)
Kino in Saudi-Arabien: Der jungen Generation möchte das Königreich mehr Entertainment bieten (dpa-Bildfunk / AP / Amr Nabil)
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Fort Masmak, eine Festung aus dem 19. Jahrhundert in der saudischen Hauptstadt Riad. In der Bastion erinnert ein Museum an ein Gründungsdatum des jungen saudischen Königreichs: Im Jahr 1902 nahm König Abdel Aziz das Fort ein und besiegelte damit die Herrschaft der Familie Al Saud über diesen Landesteil. Das Museum gibt es schon seit über 20 Jahren - neu ist, was drum herum geschieht: Abends werden Lichtprojektionen auf die schlichten Mauern der Festung geworfen, aus Lautsprechern ertönt Musik, vor dem Fort sind Sitzbänke aufgebaut. Das Ganze ist Teil der Riad Season, eines großen Unterhaltungsfestivals, das seit Oktober erstmalig in der Hauptstadt stattfindet. Auf einer der Bänke sitzen Rawan und Bahar und genießen die Stimmung, die für sie gar nicht selbstverständlich ist. Rawan, die einen Gesichtsschleier trägt, erklärt:

"Wir haben jetzt einen Ort, an dem sich Familien oder Jungs und Mädchen treffen können. Hier ist man draußen, wir können uns hinsetzen, die frische Luft genießen. Hier gibt es Cafés und Restaurants, Musik. Das schafft ein wenig Harmonie für uns."

Zwar gab es auch bislang schon Cafés und Restaurants in Saudi-Arabien, doch sie waren meist aufgeteilt in zwei Sektionen: eine für Männer und eine für Familien. Das nimmt immer mehr ab. Und endlich sind Cafés, Restaurants und die großen Einkaufszentren auch nicht mehr die einzigen Möglichkeiten, auszugehen. Kinos haben eröffnet, Konzerte und Festivals finden statt. Rawans Kollegin Bahar erklärt: 

"Früher haben wir gesagt: Wir müssen ins Ausland reisen, um dies oder jenes zu tun. Jetzt gibt es alles hier: Restaurants, Konzerte und Spiele."

Als Bankangestellte wissen die beiden, dass es der Regierung nicht nur darum geht, die Bevölkerung zu unterhalten:

"Dazu kommen noch die spürbaren wirtschaftlichen Auswirkungen. Die Leute kommen zu uns, das kurbelt die Wirtschaft an. Das Geld geht nicht mehr ins Ausland, sondern kommt hierher - und wir können es reinvestieren."

Und dann kommen die beiden ins Schwärmen.

"Toll war das Winter-Wunderland, der Vergnügungspark."

"Es ist wirklich perfekt. Man spürt die Bemühungen dahinter."

Noch vor wenigen Jahren war das verboten

Bahar meint die Bemühungen, das Land zu öffnen und gerade den jungen Saudis Unterhaltung und damit verbunden auch Jobs zu bieten. Noch vor wenigen Jahren galten all solche Vergnügungen den ultrakonservativen Religionsgelehrten des Landes als Teufelszeug – jetzt treten sogar internationale Stars wie Janet Jackson oder 50 Cent im Königreich auf.

Die bislang geltende strengreligiöse Ideologie des Wahhabismus wird mit leisem Spott zurückgedrängt, zum Beispiel von Energieminister Abdulaziz bin Salman, einem Halbbruder des Kronprinzen. Er sagte bei einer Konferenz während des Festivals in Riad:

"In diesen wenigen Tagen ist diese Stadt ein Ort der Freude geworden. Die Menschen sind in Feierlaune. Sie gehen gern aus. Familien nehmen ihre Kinder mit. Es gab keinen Hokuspokus, keine Unfälle, die Decke ist nicht eingestürzt, der Boden hat sich nicht aufgetan. Himmel und Hölle haben wir noch nicht gesehen."

Riesige Fotowände beim Festival Riad Season zeigen Bilder vom Süden des Landes (Anne Françoise Weber / Deutschlandfunk)Riesige Fotowände beim Festival Riad Season zeigen Bilder vom Süden des Landes (Anne Françoise Weber / Deutschlandfunk)

Noch bevor das Festival in Riad endet, begann schon das nächste in Diriyya, dem nicht weit entfernten Stammsitz der Königsfamilie. Die Saudi Seasons genannte Festivalreihe soll das Königreich zu einer der wichtigsten touristischen Destinationen der Welt machen, so das ehrgeizige Ziel. Und die Konzerte, Lichtinstallationen, Freiluftkinos und Vergnügungsparks im öffentlichen Raum sind nur ein kleiner Teil eines großen Plans, Vision 2030 genannt. Kronprinz Mohammed bin Salman stellte das Dokument im April 2016 vor. Der ehrgeizige Thronfolger will internationale Investoren anziehen und Saudi-Arabien zu einem zentralen Umschlagplatz zwischen Asien, Afrika und Europa machen. Dahinter stehen handfeste politische Überlegungen, wie der französische Nahostexperte Gilles Kepel erläutert:

"Der Kronprinz muss der jungen aufsteigenden Mittelklasse etwas bieten, wenn er ihre Unterstützung will. Bis jetzt hat er die konservativen Milieus bewusst vergrault. Aber durch seine autoritäre Politik läuft er Gefahr, auch die Unterstützung der urbanen gebildeten Jugend zu verlieren. Er muss jetzt Arbeitsplätze und Ressourcen bieten – das ist auch ein Grund für den Börsengang eines kleinen Teils des Kapitals von Aramco."

In den vergangenen Jahrzehnten machte der staatliche Ölkonzern Aramco die immensen Erdölvorkommen Saudi-Arabiens zu Staatsgeld. Davon profitierte auch die Bevölkerung: Subventionen für Benzin und Lebensmittel, kostenlose, zum Teil exzellente Bildungseinrichtungen und eine weitreichende Gesundheitsversorgung gehörten dazu.

Saudi-Arabien will sich unabhängiger vom Öl machen

Doch der schwankende Ölpreis brachte 2015 ein Haushaltdefizit von knapp 100 Milliarden US Dollar mit sich. Die Erhöhung der Preise für Strom und Wasser sowie die Einführung einer Umsatzsteuer sollen die Staatseinnahmen langfristig verbessern und vom Ölpreis unabhängiger machen.

Doch die Bevölkerung muss in der Lage sein, diese Kosten zu tragen – dafür braucht es gut bezahlte Arbeitsplätze. Noch besser lässt es sich leben, wenn in einer Familie beide Elternteile erwerbstätig sind. Darum bemüht sich Saudi-Arabien in letzter Zeit verstärkt darum, Frauen in die Erwerbsarbeit zu bringen. Die Aufhebung des Fahrverbots im Sommer 2018 soll ihnen das einfacher machen. Bei all diesen Maßnahmen geht es auch darum, eine alte Einstellung zu überwinden, sagt Gilles Kepel:

"Die Erdölrente hat wie überall eine Art soziale Krankheit mit sich gebracht. Sie zerstört Gesellschaften, verhindert Arbeit und begünstigt autoritäre Regime. Langfristig macht sie Gesellschaften unfähig, sich weiterzuentwickeln und sich zu verteidigen. Das steckt hinter diesen Überlegungen. Man will nicht das Erdöl abschaffen - es bleibt überlebenswichtig für das Regime -, aber man will nicht mehr nur mit diesen Einnahmen funktionieren. Über diese Diagnose habe ich mit dem Kronprinzen selbst gesprochen: Wenn man sich nicht bewegt, stirbt man."

Über einen Mangel an Bewegung können die Saudis im Moment nicht klagen – zumindest nicht, was Wirtschaft und Gesellschaft angeht. Viele teilen die Aufbruchsstimmung und sehen sich als Teil der Vision 2030, so wie diese saudische Marketing-Studentin:

"Ich habe großes Glück, genau zu diesem Studienjahrgang zu gehören. Wir haben 2016 begonnen, als die Vision 2030 vorgestellt wurde. Und jetzt machen wir unseren Abschluss, während das Nationale Transformationsprogramm abgeschlossen wird. Wir gehen also in die Welt auf 2030 zu."

Anteil der Privatwirtschaft soll erhöht werden

Eines der zahlreichen Ziele des Transformationsprogramms ist es, den Anteil der Privatwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt bis 2020 von 40 auf 65 Prozent zu steigern. Doch die Entwicklungen brauchen Zeit, und manche Zahlen wurden schon nach unten korrigiert: So sollte der Frauenanteil unter den Erwerbstätigen ursprünglich von 17 auf 28 Prozent steigen – jetzt sind doch nur 24 Prozent vorgesehen.

In jedem Fall aber wandelt sich die Arbeitswelt in Saudi-Arabien grundlegend. Lange Zeit arbeiteten die saudischen Staatsbürger vor allem im aufgeblähten öffentlichen Sektor, rund zehn Millionen ausländische Arbeitsmigranten erledigten niedrig- ebenso wie hochqualifizierte Jobs. Das soll sich jetzt ändern. Es ist kein Zufall, dass eine Stiftung des Kronprinzen im November eine große Konferenz zum Thema neue Arbeitswelten ausrichtete.

Während des Festivals Riad Season schmücken Lichtinstallationen das Fort Masmak (Anne Françoise Weber / Deutschlandfunk)Während des Festivals Riad Season schmücken Lichtinstallationen das Fort Masmak (Anne Françoise Weber / Deutschlandfunk)

Zwei Tage lang diskutieren hier Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus 120 Ländern in parallel laufenden Workshops Themen wie die ideale Gestaltung von Arbeitsräumen, Umgang mit Diversität im Team oder Arbeit mit künstlicher Intelligenz. Nebenbei läuft noch ein Start-up-Wettbewerb. Immer wieder geben Topmanager wie der Vorstandsvorsitzende des französischen Erdölkonzerns Total, Patrick Pouyanné, auf der Hauptbühne Ratschläge für die große Karriere:

"Wenn ihr einen Fehler macht, wiederholt ihn nicht. Wenn ihr das im Kopf behaltet, werdet ihr vorankommen." 

Unter den vorwiegend jungen Leuten ist auch ein Angestellter eines internationalen Konzerns, der gerade erst nach neun Jahren aus dem Ausland zurückgekehrt ist und den Wandel der saudischen Gesellschaft jetzt besonders deutlich sieht:

"Ich stamme nicht aus Riad. 2009 kam ich zum ersten Mal hierher in die Hauptstadt – es war eine sehr konservative Gesellschaft. Damals waren 99,9 Prozent der Frauen völlig verschleiert, an den meisten Aktivitäten nahmen sie nicht teil. Und leider schauten die Männer auf sie herab. Heute bekommen sie mehr Chancen – darüber bin ich wirklich sehr glücklich. Es ist nur…. Nein, das sage ich nicht. So ist gut."

Was der junge Mann auch ohne Nennung seines Namens wohl nicht sagen wollte? Jedenfalls ist es in Saudi-Arabien dieser Tage durchaus häufiger so, dass Menschen nichts Negatives über das Land und die Vision seines Kronprinzen sagen wollen, zumal nicht in ein Mikrofon – zu groß ist die Angst, hierfür abgestraft zu werden.

Viele Saudis betonen lieber die positiven Seiten - aus Angst

Nicht nur der gewaltsame Tod des Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul ist ein mahnendes Beispiel. Erst im November sind nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen neun saudische Autoren und Blogger festgenommen worden - vermutlich, weil sie sich zu kritisch geäußert hatten. Und mehrere Frauenrechtsaktivistinnen, die gegen das Fahrverbot gekämpft hatten, sind weiterhin in Haft.

Also betonen viele Saudis lieber die positiven Seiten des Wandels und finden an jeder Maßnahme etwas Gutes. Auch die so genannte Saudisierung des Arbeitsmarkts findet ein Teilnehmer der Konferenz lobenswert:

"Teil der Saudisierung ist, gegen Arbeitslosigkeit anzukämpfen. Deshalb ist sie nötig. Und wenn man sich mal andere Länder wie die USA anschaut: Da haben Unternehmen auch die Auflage, keine Ausländer einzustellen, wenn sie nicht bewiesen haben, dass kein Amerikaner den Job machen kann. Und der saudische Arbeitsmarkt braucht immer noch Ausländer, für niedrig- und hochqualifizierte Jobs. Wir werden hier immer Leute aus verschiedenen Ländern im Land haben."

Jeddah hat auch schöne Strände am Roten Meer zu bieten (Anne Françoise Weber / Deutschlandfunk)Jeddah hat auch schöne Strände am Roten Meer zu bieten (Anne Françoise Weber / Deutschlandfunk)

Gerade für niedrigqualifizierte Arbeitsmigranten wird allerdings nicht nur die Aufenthaltsgenehmigung immer teurer, auch der Arbeitsmarkt bietet weniger Chancen. Denn Saudis steigen nun auch in Berufe ein, die bislang ganz in ausländischer Hand waren, wie der Architekt Sami Angawi beobachtet:

"Ich war letzte Woche in Riad und war positiv überrascht: Zum ersten Mal sah ich junge Saudis im Hotel das Gepäck tragen und sich um die Gäste kümmern. In Mekka haben wir das schon immer getan, aber jetzt passiert das in Riad. Ich habe die Männer sogar beglückwünscht und umarmt. Ein Arbeitsloser kann doch so eine Arbeit tun, ohne dass man ihn verachtet. Das war lange aus dem Gleichgewicht geraten. Niemand hatte saudischen Bürgern diese Art von Arbeit verboten. Aber in unseren Stammestraditionen und durch die Konkurrenz zwischen den Familien galt solch eine Arbeit als herabwürdigend."

Angawi entstammt einer alten Familie aus Mekka, die ihre Wurzeln bis zu Prophet Mohammed zurückführt. Der renommierte Architekt bewundert die Energie von Kronprinz Mohammed bin Salman und hat dessen Vision 2030 genau studiert. Wichtig ist ihm, eine gewisse Kontinuität zu erhalten:

"Es passiert etwas durch die Vision 2030. Aber wir sollten 2030 plus sagen. Denn wenn man zu schnell fährt, kann ein Unfall passieren. Wenn man mit der richtigen Geschwindigkeit fährt, ist das kein Problem. Ich denke, 2030 sollten wir bereit sein für den nächsten Schritt. Davor sollten wir die Menschen durch Bildung, Wissen und Kommunikation vorbereiten. Die jungen Leute sollten lernen, künstlerisch kreativ zu sein, um sich auf friedliche Art auszudrücken."

Tatsächlich hat sich Saudi-Arabien neuerdings auch die Kunstförderung auf die Fahnen geschrieben. Ein neues Kulturministerium wird soeben eingerichtet - noch ist man dort etwas unsicher, selbst der Ministeriumssprecher will lieber nicht ins Mikrofon sagen, was man plant. Unterstützend soll es jedenfalls sein für lokale Talente in Film, bildender Kunst oder Musik.

Kritische Künstler sehen keine Förderung unabhängiger Kunst

Kritische Künstler und ausländische Beobachter fürchten allerdings, es könnte eher um harmlose Spielwiesen, lukrative Vermarktungen und internationale Aushängeschilder gehen als um eine wirkliche Förderung unabhängiger Kunst.

Ein weiteres Ziel der Vision 2030 liegt im religiösen Tourismus: die Zahl der muslimischen Pilger, die die kleine, saisonunabhängige Wallfahrt Umrah nach Mekka machen, soll von acht auf 30 Millionen steigen. Alteingesessene Familien, die sich bisher um die Pilger kümmerten, werden nach und nach von großen Reiseunternehmen verdrängt. Die können dann zur religiösen Komponente auch gleich noch einen touristischen Teil anbieten. Zum Beispiel einen Strandurlaub im gigantischen Luxusressort Red Sea Project, das zurzeit an der Westküste des Landes entsteht. Oder einen Besuch in der Region von Al-Ula. Ihre touristische Erschließung hat Saudi-Arabien mit einem bilateralen Abkommen an eine französische Agentur übertragen. Deren Vorsitzender Gérard Mestrallet ist überzeugt von der Attraktivität des Königreichs:

"Hier gibt es Geschichte und Natur. 7000 Jahre Geschichte, islamisch und besonders vorislamisch – vor allem aus der Zeit der Nabatäer. Da gibt es die antike Stadt Hegra, die mit dem vielbesuchten Petra in Jordanien verwandt ist. Bisher kamen nur sehr wenige Besucher dorthin, weil es keine Touristenvisa gab. Diese Schätze werden bald für Besucher aus aller Welt zugänglich sein. Und es gibt atemberaubende Landschaften, Wüsten, Berge, Felsen, die vom Wind geformt wurden – meiner Meinung nach noch schöner als der Grand Canyon in Arizona. Das sind die beiden Trümpfe, die man jetzt für die Welt enthüllen muss."

Es geht um Jobs und ums Geld

Dass es bei der Einführung von Touristenvisa im September diesen Jahres nicht nur darum geht, dem reisenden Teil der Menschheit die Schönheit Saudi-Arabiens zugänglich zu machen, wird auch in Mestrallets Worten deutlich:

"In allen Bereichen, die zum Tourismus gehören, im Hotel- und Restaurantsektor wird es neue Arbeitsplätze geben – auch sehr anspruchsvolle. Man kann sein eigenes Unternehmen gründen, an der Spitze eines Restaurants steht immer ein Unternehmer. Und es gibt noch Anspruchsvolleres. In der modernen Archäologie beispielsweise kann man antike Stätten oder Gräber in 3D simulieren. So etwas entwickeln oft Start-Ups. Es wird also Arbeitsplätze für sehr viele Menschen geben – allein für die Region Al-Ula rechnen wir mit 35.000."

Eine Kunstgalerie in Jeddah verkauft Stadtansichten (Anne Françoise Weber / Deutschlandfunk)Eine Kunstgalerie in Jeddah verkauft Stadtansichten (Anne Françoise Weber / Deutschlandfunk)

Ein anderes Kleinod, das sich für den Besuch ausländischer Touristen herausputzt, ist die Altstadt von Jeddah. Verwinkelte Gassen mit kleinen Geschäften laden zum Bummeln ein, alte Häuser werden restauriert, manche sind schon zu Cafés umgewandelt.

An einer Ecke steht eine Gruppe junger Frauen, die meisten von ihnen tragen Gesichtsschleier und einen schwarzen Umhang. Sie lauschen aufmerksam den Ausführungen ihres Reiseleiters. Eine kurze Nachfrage ergibt: Sie lernen das Metier der Stadtführerin, in Erwartung des touristischen Ansturms.

Auch Andrew aus Neuseeland ist in der Altstadt von Jeddah unterwegs. Er arbeitet für Luxushotels in den Vereinigten Arabischen Emiraten und will ausloten, wie sich der Tourismus in Saudi-Arabien entwickeln wird. Er ist begeistert von den alten Gebäuden und dem leicht morbiden Charme der Altstadt. Und:

"Jeddah liegt direkt am Roten Meer – in diesem wunderschönen Meer kann man tauchen, schwimmen, segeln und so weiter. Das sind tolle Möglichkeiten. Und die Stadt erinnert mich ein bisschen an Downtown Havanna auf Kuba. Natürlich ist der Baustil anders, aber manche Gebäude sind genauso verfallen. Denken Sie daran, wie charmant Havanna ist und wie interessant die Leute das finden. Ich finde das faszinierend."

Ob seine Freunde und Familie wohl als Touristen nach Saudi-Arabien kommen würden?

"Sie würden kommen. Aber nach zwei Tagen würden sie ein Glas Wein wollen."

Alkohol auszuschenken, ist allerdings in Saudi-Arabien immer noch verboten – selbst in internationalen Hotels. Auf dieses Problem angesprochen, sagt ein Touristenführer in Jeddah:

"Wir haben Apfelsaft, Traubensaft. Das können sie doch ersetzen. Ich zeige den Touristen nur mein Land, ich weiß nicht, was sich noch ändern wird. Wir haben hier eine Stadt, die mehr als 800 Jahre alt ist. Jeddah war immer der Hafen, ein Durchgangsort nach Mekka. Wir erklären die historischen und religiösen Dinge. Alles andere… wenn es gut ist und den Leuten hilft, kein Problem. Wir heißen alle willkommen."

Im Westen hat Saudi-Arabien ein schlechtes Image

Vieles ist noch ungewiss für den Tourismus in Saudi-Arabien. Im Westen hat das autoritäre Königreich ein schlechtes Image, werden da wirklich so viele ausländische Gäste kommen? Werden sie die zum Teil hochpreisigen Angebote, vor allem im Red Sea Ressort nutzen? Bis zu 1000 Euro soll dort ein Wochenende inklusive vieler Sonderleistungen kosten, hört man. Was wird das Land davon haben, abgesehen von zahlreichen Arbeitsplätzen? Werden die Umweltbelastungen durch den Tourismus wirklich so gut aufgefangen, wie es in den Entwürfen steht? Gérard Mestrallet von der französischen Agentur für Al-Ula jedenfalls ist optimistisch:

"Es ist der Wunsch des Kronprinzen, sein Land zur Welt hin zu öffnen. Tourismus ist ein Hebel des Wandels. Ich lade die Touristen der ganzen Welt ein, ihre früheren Ansichten zu überwinden und dieses Land zu entdecken, das sich wirklich im Umbruch befindet."

Mit dem Umbruch hat Mestrallet recht, so viel ist sicher. Der Tourismus, wie ihn die Vision 2030 vorsieht, bringt den Saudis schon jetzt ein attraktiveres Kulturprogramm, lockerere Umgangsformen und neue Verdienstmöglichkeiten – ähnlich wie römische Kaiser ihr Volk mit Brot und Spielen versorgten.

Dass all diese Veränderungen auch größere Meinungsfreiheit mit sich bringen, scheint dagegen vorerst unwahrscheinlich.

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