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StartseiteTag für TagWas will die Islamische Weltliga? 15.08.2019

Saudi-ArabienWas will die Islamische Weltliga?

Die Islamische Weltliga galt lange als ultra-konservativ. Ihr wurde vorgeworfen, Europa islamisieren zu wollen. Inzwischen kündigt sie an, dass in Saudi-Arabien Kirchen gebaut werden sollen, und rückt ab von einer Schleier-Pflicht für Musliminnen. Echter Wandel oder politische Taktik?

Von Christian Röther

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Auf einem Minarett der Moschee der Türkisch-islamischen Union Ditib steht am 06.06.2017 in Köln (Nordrhein-Westfalen) ein goldener Halbmond.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Blau trifft Gold: Nicht nur auf der Europaflagge, sondern hier auch über der Zentralmoschee in Köln (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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"Es ist ja nicht so, als ob es einen einheitlichen Islam gäbe, der uns bedrängt. Allerdings muss eines gesagt werden, dass seit den 70er-Jahren die Weltislamkonferenz sich immer wieder Europa als Zentrum der Islamisierung aufs Programm gesetzt hat. Europa muss muslimisch werden."

Notker Wolf, langjähriger Abtprimas der benediktinischen Konföderation, in einem .

"Nicht Islamismus in dem Sinn, aber echt muslimisch werden. Mich hat immer gewundert, dass es nie realisiert wurde. Erst jetzt kommen solche Fragen hoch."

Notker Wolf beim Kongress filmtonart - Tag der Filmmusik zum Auftakt des 32. Filmfests München beim Bayerischen Rundfunk. München, 27.06.2014  (imago / D. Bedrosian)Notker Wolf, ehemaliger Abtprimas der benediktinischen Konföderation (imago / D. Bedrosian)

Ein muslimisches Europa. Darauf hoffen nicht wenige Islamisten – und viele Menschen fürchten sich davor. Doch wie berechtigt sind solche Ängste? Auf Islamisierungsfantasien unter Muslimen weisen auch Menschen hin, die mit dem Islam in einem wohlwollenden Dialog stehen – wie Notker Wolf. Der Benediktiner ist weltweit unterwegs – als Christ, als Missionar, dabei immer betonend, dass es ihm um interreligiösen Dialog gehe. Nach dem anfangs zitierten Interview im Deutschlandfunk meldete sich ein Hörer bei der Redaktion und hinterfragte Wolfs Aussage:

"Eine ‚Weltislamkonferenz‘ kannte ich bisher noch nicht. Wenn die Behauptung stimmt, dann sollte diesem Umstand deutlich mehr mediale Aufmerksamkeit zuteilwerden. Wenn sie nicht stimmt, dann sollte ihr fundiert widersprochen werden, beziehungsweise eventuelle Missverständnisse sollten mit der notwendigen Differenzierung angegangen werden. Können Sie die betreffenden Äußerungen von Herrn Wolf klären?"

"So etwas passt nicht in den Charakter der Weltliga"

Was hat es also auf sich mit dieser "Weltislamkonferenz" – und was hat sie vor? Eine Nachfrage bei Notker Wolf ergibt: Er meinte die "Konferenz der Islamischen Weltliga". Die Islamische Weltliga wird von Saudi-Arabien finanziert und gesteuert. Auch wenn ihr Name etwas anderes ausdrücken soll: Die Islamische Weltliga spricht keineswegs für den Islam oder alle Muslime. Aber strebt sie an, Europa zu islamisieren?

"Also, ich kenne die Publikationen, auch interne Debatten der Weltliga recht gut. Und aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen, dass so eine Zielsetzung von der Weltliga nur belächelt oder bespöttelt worden wäre", sagt Reinhard Schulze. Er ist Islamwissenschaftler und Direktor des "Forums Islam und Naher Osten" der Universität Bern.

"So etwas passt überhaupt auch nicht in den Charakter der Weltliga, die ja eher ausgerichtet war, die islamische Identität zu stärken unter den Muslimen und nicht so sehr eine Missionsbewegung darstellen wollte, um Christen, Juden oder Atheisten zum Islam zu führen."

"Der Missionsanspruch ist relativ klar"

Schulze, prominenter deutsch-schweizerischer Islamwissenschaftler, widerspricht also der Einschätzung des prominenten bayerischen Benediktiners Notker Wolf. Zustimmung kommt von Susanne Schröter. Die Ethnologin leitet das "Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam". Sie sagt, neben Afrika habe die Islamische Weltliga in ihrer Anfangszeit auch Europa zum Missionsgebiet erklärt:

"Der Missionsanspruch, bei dem eben Afrika und Europa genannt worden sind, der ist relativ klar. Mission bedeutete dann, den Export des Islam, der in Saudi-Arabien als der herrschende Islam sich durchgesetzt hatte. Und wenn wir uns anschauen, was in Europa in den 60er-, 70er-Jahren passiert ist, welche Art des Islam sich mehr oder weniger unbeobachtet von der Öffentlichkeit hier begann zu etablieren, dann war das natürlich ein äußerst konservativer Islam."

"Die Botschaft des Islams moderat umsetzen"

Was sagt die Islamische Weltliga selbst zu dieser Einschätzung? In Deutschland unterhält sie keine offizielle Vertretung. Eine Interview-Anfrage bei ihrem Zentrum in Wien bleibt unbeantwortet. Und auch von der Presseabteilung der Islamischen Weltliga in Mekka erhält der Deutschlandfunk keine Antwort. Im Internet gibt sich die Weltliga weltoffen – mit Videos wie diesem:

"Ziel der Islamischen Weltliga ist es, die wahre Botschaft und die toleranten Prinzipien des Islams zu vermitteln. Sie leistet humanitäre Hilfe und baut Brücken des Dialogs. Sie fördert positiven und ausgewogenen Kontakt zwischen allen Kulturen und Zivilisationen. Sie will die Botschaft des Islams moderat umsetzen. Die Islamische Weltliga tritt Extremismus, Gewalt und Ausgrenzung entgegen, damit auf der Welt Frieden, Gerechtigkeit und Koexistenz herrschen."

Das Video ist mit englischen Untertiteln unterlegt. Im Bild sind Vertreter der Weltliga zu sehen, wie sie Repräsentanten anderer Religionen treffen.

Prof. Reinhard Schulze vom Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie der Universität Bern  (imago / Reiner Zensen )Reinhard Schulze kennt die Diskurse der Weltliga (imago / Reiner Zensen )

"Bis vor drei, vier Jahren war eigentlich nicht von Offenheit die Rede. Da war die Liga eher darauf ausgerichtet, ihr Renommee zu wahren unter den Muslimen selbst. Gegenüber der westlichen Öffentlichkeit war es ihnen eigentlich völlig egal, welche Art von Image sie dort verbreiteten", erklärt der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. Er beobachtet die Entwicklungen in der Islamischen Weltliga bereits seit mehreren Jahrzehnten:

"Die westliche Öffentlichkeit ist aufgefordert, die Liga zu sehen, auch kritisch sich mit ihr auseinanderzusetzen. Es gibt natürlich noch immer no-nos. Also Bereiche, die nicht kritisiert werden dürfen. Und das ist die enge Partnerschaft, die die Liga zum Königshaus pflegt. Man kann also nicht in den Diskussionen deutlich machen, dass das Königshaus selbst eigentlich eine sehr undemokratische, teilweise sogar eine sehr autoritäre Institution im Lande darstellt. Und dass die Liga sich dieser Autorität einfach unterwirft, könnte man ja doch kritisch sehen."

Die Weltliga wird von Saudi-Arabien gesteuert

Die Islamische Weltliga ist offiziell eine NGO, also eine Nichtregierungsorganisation. Sie wird allerdings auch als GONGO bezeichnet, als "regierungsgesteuerte Nichtregierungsorganisation".

"Es ist eine kulturpolitische Einrichtung Saudi-Arabiens, deren Ausrichtung immer davon abhängig ist, welche Kulturpolitik das Königreich selbst betreibt."

Gegründet wurde die Islamische Weltliga mitten im Kalten Krieg, 1962 in Mekka, der heiligsten Stadt des Islams. Damals formiert sich in der arabischen Welt ein pro-sowjetischer Block, und die Islamische Weltliga soll ihm etwas entgegensetzen. Als Einrichtung Saudi-Arabiens soll sie den Einfluss der arabischen Königshäuser stärken.

"Das war ursprünglich ein sehr wichtiger Gedanke, eine innere Mission durchzuführen. Also nicht unbedingt eine Mission gegenüber nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen, sondern vor allen Dingen innerhalb der muslimischen Welt dafür zu werben, dass die saudische Interpretation des Islam als die maßgebliche anerkannt würde, und dass auch die ganze Lebenswelt, die sich dann mit dem Islam verbunden sieht, auf die Ordnungen ausgerichtet wurde, wie sie in Saudi-Arabien bestanden."

Wie groß ist der Einfluss der Organisation?

Dafür setzte die Islamische Weltliga teils auf Missionsstrategien, wie sie auch von christlichen Organisationen genutzt werden. Sie wandte sich ärmeren Bevölkerungsgruppen zu, mit Entwicklungshilfe und Bildungsangeboten, erklärt die Ethnologin Susanne Schröter:

"Gerade in der außereuropäischen Welt hat das gut geklappt, weil dort die Menschen arm sind, und wenn man ihnen eine Moschee hinstellt, auch noch ein islamisches Internat, die Prediger auch zur Verfügung stellt, Schulungsmaterial, Stipendien und so weiter und so fort, dann hat das einen Impact. Und das ist auch so. Von daher ist die Islamische Weltliga nicht irgendein kleiner Player, sondern sie ist wahrscheinlich der größte Player."

Susanne Schröter ist Leiterin des "Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam" (dpa/ picture alliance/ Boris Roessler)Susanne Schröter warnt davor, die Islamische Weltliga zu unterschätzen (dpa/ picture alliance/ Boris Roessler)

Reinhard Schulze schätzt den Einfluss der Islamischen Weltliga geringer ein als andere Beobachter. Nach eigenen Angaben unterhält die Liga weltweit 18 Kulturzentren und 27 Büros.

"Es ist zwar eine weltweit operierende Organisation, aber faktisch ist der Handlungsrahmen, den die Liga hat, relativ gering, sodass man nicht davon ausgehen kann, dass es sich hierbei tatsächlich um eine sehr machtvolle, sehr einflussreiche Organisation handelt."

"Es gibt keine klare Grenze zum Salafismus"

In den vergangenen Jahren sind in der Islamischen Weltliga allerdings einige Veränderungen zu beobachten. Sie hängen zusammen mit Veränderungen in der Politik Saudi-Arabiens. Unter Mohammed bin Salman geht Saudi-Arabien auf den Westen zu. Der Kronprinz scheint das Land reformieren zu wollen, zumindest ansatzweise. Viele Kritiker sehen darin nur Symbolpolitik ohne echte Veränderungen – dennoch scheint die neue politische Strategie Saudi-Arabiens auch Auswirkungen zu haben auf die Islamische Weltliga.

"Es wird ein Kampf gegen den Antisemitismus geführt. Man solle eine Allianz mit jüdischen Partnern suchen, Allianzen auch mit christlichen Partnern suchen. Und wenn dann die Liga noch hingeht und die europäischen Länder auffordert heute, radikaler gegen Radikalismus vorzugehen und Hassprediger auszuweisen, so bekommt man den Eindruck, dass die Liga versucht, so etwas wie ein Instrument einer Anti-Radikalismus-Politik in Europa zu werden."

Plakete in Riad, Saudi Arabien mit: König Salman bin Abdulazziz, Kronzprinz Mohammed bin Salman, und dem Gründer des Königsreichs Abdulazziz al-Saudm am 18. Oktober 2018 (AFP / Fayez Nureldine)Wie ernsthaft betreibt Saudi-Arabien seine politischen Reformen unter Kronprinz bin Salman (oben links) – und welche Auswirkungen hat das auf die Islamische Weltliga? (AFP / Fayez Nureldine)

Ob die Islamische Weltliga solchen Ankündigungen allerdings auch Taten folgen lässt, da bleibt Susanne Schröter skeptisch:

"Sie steht immer noch für einen sehr, sehr konservativen Islam. Es gibt keine klare Grenze auch zum Salafismus. Vielfach ist der Weltliga auch vorgeworfen worden, dass sie Organisationen wie Al Qaida unterstützt hat."

Reformbestrebungen sind mehr als nur Rhetorik

Auch Reinhard Schulze geht davon aus, dass die Weltliga nach wie vor – zumindest indirekt – Verbindungen zu islamistischen oder auch terroristischen Organisationen unterhält:

"Ob die inzwischen schon alle aus dem politischen Feld der Liga ausgeschlossen worden sind, so wie sich das der Generalsekretär vorstellt, ist wohl noch nicht ganz sicher. Aber man bekommt schon den Eindruck, dass nicht alles Rhetorik ist, was heute gesagt wird von der Liga, sondern einiges tatsächlich zu einer Reformpolitik beiträgt, deren Erfolg allerdings davon abhängig ist, wie auch in Saudi-Arabien selbst die alt-wahhabitische Tradition an Macht verliert."

"Europa muss muslimisch werden. Nicht Islamismus in dem Sinn, aber echt muslimisch werden."

Inwieweit trifft diese Einschätzung des Benediktiners Notker Wolf also zu für die Islamische Weltliga? Abschließend beantworten lässt sich diese Frage nicht. Klar ist aber: Selbst wenn die Weltliga Europa islamisieren wollte – die Realität sieht anders aus. Die Liga hat offenbar alle Hände voll damit zu tun, ihren innerislamischen Einfluss zu sichern und den Strategiewechsel in der saudischen Politik zu unterstützen.

Dieser Beitrag ist in seiner Langfassung als Feature erstmals am 27.03.2019 in der Reihe "Aus Religion und Gesellschaft" erschienen.

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