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StartseiteWissenschaft im BrennpunktVorübergehend unbewohnbar für Meerestiere12.05.2019

Sauerstoffmangel-ZonenVorübergehend unbewohnbar für Meerestiere

Weltweit gibt es etwa 400 sogenannte Todeszonen in küstennahen Gebieten, sogenannte Sauerstoffmangel-Zonen – auch in der Ostsee. Schuld sind Nährstoffeinträge, etwa von Stickstoffdünger aus der Landwirtschaft oder Phosphaten aus Waschmittelresten.

Von Volker Mrasek

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"Ja, hier ist die Elisabeth Mann-Borgese."

"Ja, hallo Uwe! Hier ist Michael Naumann aus dem Institut."

"Hallo Micha!"

"Ich habe ja gesehen, Ihr seid gerade im Bornholmsgatt unterwegs, und ich hätte gerne mal so die aktuelle Situation aus dem Arkonabecken."

Elisabeth Mann-Borgese - das ist das Forschungsschiff des IOW, des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung in Warnemünde:

"Ist momentan gerade auf einer Expedition, die dazu dient, den Umweltzustand der Ostsee zu erfassen. Da fahren wir alle unsere deutschen Staatsgewässer Bucht für Bucht ab, bis in die zentralen Gewässer hinein rund um Gotland."

Michael Naumann koordiniert die Umweltüberwachung am IOW. Der Geograph ist zwar nicht selbst mit an Bord. Es gibt aber eine Satellitentelefon-Verbindung zum Forschungsschiff. Und zu Siegfried Krüger:

"So, hallo Michael, ich bin wieder da!"

Der Ingenieur wacht über die Messsensoren, die immer wieder in die Tiefe abgelassen werden:

"Wenn ich mir den Sauerstoffgehalt angucke, dann ist der bis unten hin schon abnehmend."

"Und wie hoch sind die Sauerstoff-Werte? Über zwei Milliliter?"

"Wie hoch die Werte liegen? Die letzte Station war ja die 144. Da hat der Sauerstoffgehalt bis unter 4 abgenommen am Boden."

"Ja, ok."

Vier Milliliter Sauerstoff, das geht noch! An anderen Punkten der Ostsee messen die Forscher schon mal weniger als zwei!

Sauerstoffgehalt zu niedrig für Tiere

"Das sind Zonen im Wasserkörper, wo der Sauerstoffbereich unter ein Limit sinkt, wo höheres Leben, was also quasi atmen muss, nicht mehr lebensfähig ist wie Fische, Krebse. Wo dann halt nur Bakterien, die nicht so auf Sauerstoff angewiesen sind, dann dort noch lebensfähig sind."

Andere sprechen auch von Todeszonen. Der Weltbiodiversitätsrat sieht in ihnen ein wachsendes Problem für das Leben im Ozean. Inzwischen gebe es bereits rund 400 Sauerstoffmangel-Zonen in küstennahen Meeresgebieten. Die Ostsee zählt dazu:

"In der Regel passiert das im Sommer. Und startet auch in der Regel sehr oft von der Kieler Bucht aus, geht dann auch in Fjorde rein - Kieler Förde, Eckernförder Bucht und so weiter. Lübecker Bucht zieht das dann herum. Das kommt also auch vor."

Artenvielfalt durch Sauerstoffmangel gesunken

Michael Zettler, Meeresbiologe und Spezialist für bodenlebende Tiere am IOW. Muscheln, Asseln, Seesternen, Würmern und auch Fischen geht in solchen Fällen förmlich die Luft zum Atmen aus:

"Und dann sehen wir: Jetzt ist hier die Hälfte der Arten verschwunden. Oder vielleicht sogar 75 Prozent. Oder manchmal sind sogar nur noch zwei Arten von hundert übrig. Zum Beispiel haben wir das in der zentralen Mecklenburger Bucht schon beobachtet. Oder auch im Fehmarn-Belt. So weit kann das gehen."

Die Atem raubenden Zonen sind zwar nur vorübergehend unbewohnbar. Bodentiere können nachher wieder einwandern. Doch das Ökosystem bleibt langfristig verändert:

"Zum Beispiel hier diese Island-Muschel. Unser Tier, was am ältesten überhaupt wird bei uns in der Ostsee, vielleicht so 70 Jahre alt. Also, solche Populationen - wenn der Sauerstoffmangel wirklich so stark oder anhaltend war, dass die verschwunden sind - brauchen halt auch wieder 30, 40 Jahre, um solche Populationsstrukturen aufbauen zu können."

Schuld sind Stoffe aus Dünge- oder Waschmitteln

Der Grund für die episodischen Sterbe-Ereignisse in Küstennähe sind zu hohe Nährstoffeinträge, vor allem von Stickstoff-Dünger aus der Landwirtschaft: 

"Die Eutrophierung war das große Problem der Ostsee und ist immer noch das große Problem der Ostsee."

Das Nährstoff-Überangebot lässt das Plankton im Wasser sprießen. Stirbt es später in der Saison ab und wird zersetzt, frisst das große Mengen Sauerstoff. Die Einträge sind zwar gesunken, auch die von Phosphaten aus Waschmitteln. Doch es gibt sie nach wie vor, und enorme Mengen der Nährstoffe stecken weiterhin im Meeresboden. Sie können immer wieder ins Wasser übergehen.

"Hier ist Micha für Brücke. Hörst Du uns?"

Mit dem Forschungsschiff beprobt das IOW mehrmals im Jahr auch die tiefen Becken der zentralen Ostsee. Dort existieren besonders große und dauerhafte Sauerstoffmangel-Zonen. Doch das ist wohl schon für Jahrtausende so und durch die Morphologie der Ostsee bedingt. Nur äußerst selten schafft es salz- und sauerstoffhaltiges Wasser aus der Nordsee nämlich bis ins Bornholm- oder Gotland-Becken. Michael Naumann und seine Kollegen wollen jetzt aber auch die episodischen Todeszonen an der Küste stärker ins Visier nehmen:

"Das geht halt nur über Forschungsprojekte und andere Technologien, dass man da auch Verankerungen setzt und alle zwei Wochen mit einem Schiff dann halt die Fläche exakt vermisst. Das geben die Umweltüberwachungsprogramme bisher nicht her, diesen Aufwand zu betreiben. Ist aber ein Forschungsfeld, dem wir uns gerne widmen möchten."

"Willst Du dran bleiben?"

"Ja, wir bleiben dran."

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