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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Bestimmte Stoffgruppen müssen komplett verboten werden"07.10.2020

Schadstoffe in Verpackungen und Geschirr"Bestimmte Stoffgruppen müssen komplett verboten werden"

Die geltenden rechtlichen Regelungen reichen nicht aus, um sicherzustellen, dass Lebensmittelverpackungen und Geschirr gesundheitlich unbedenklich sind, sagte Anne Markwardt vom Verbraucherzentrale Bundesverband im Dlf. Dringend notwendig sei unter anderem ein europäisches Zulassungsverfahren.

Anne Markwardt im Gespräch mit Jule Reimer

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Foliertes Gemüse in einem Supermarkt (imago/Sven Simon)
Nicht jede Verpackung ist frei von Schadstoffen und gesundheitlich unbedenklich (imago/Sven Simon)
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Doch es gibt offenbar weiter Schadstoffe, die in Verpackungen oder Gebrauchsgegenständen in unsere Haushalte gelangen. Probleme sehen die Verbraucherzentralen konkret bei Weichmachern in Trinkflaschen, Mineralöl in Schokolade oder Formaldehyd in Kaffeebechern. Im Gespräch mit dem Dlf erläutert Anne Markwardt vom Verbraucherzentrale Bundesverband, warum aus Sicht der Verbraucherzentralen ein umfassendes Verbot für Schadstoffe in Lebensmittelverpackungen sowie in Ess- und Kochgeschirr notwendig ist und welche weiteren Schritte notwendig wären.

Aktuelle gesetzliche Regulierungen sind ungeeignet

Jule Reimer: Anne Markwardt, ihr Verband sagt jetzt, es gibt noch mehr, was nicht in Lebensmittelverpackungen und Geschirr gehört. Welche Stoffe meinen Sie?

Anne Markwardt: Wir haben leider eine ganze Reihe von Produkten, die gesundheitlich nicht unbedenklich sind. Die "Stiftung Warentest" hat vor einer ganzen Weile "Coffee to Go"-Becher getestet, die aus Kunststoff-Bambus-Gemischen bestanden. Da ist zum Beispiel Formaldehyd in das Lebensmittel übergegangen, weil die gar nicht geeignet sind für einen Kontakt mit heißen Getränken. Wir haben Verbote von sogenannten Weichmachern in Textilien, die aber in Trinkflaschen erlaubt sind. Wir haben auch Pfannenwender oder andere Küchengeschirr-Geräte, die wir alle täglich verwenden, die zum Beispiel nicht länger als ein paar Sekunden in Kontakt mit heißen Lebensmitteln kommen dürfen; sonst geben auch die Schadstoffe ab.

Insgesamt haben wir uns die gesetzliche Regulierung angeguckt und stellen fest: Die eignet sich hinten und vorne nicht dafür, tatsächlich für gesundheitlich unbedenkliche Lebensmittelverpackungen und Geschirr zu sorgen, und das muss sich ganz, ganz dringend ändern.

Europäisches Zulassungsverfahren notwendig

Reimer: Wie läuft denn dann die Zulassung? Wir haben immer wieder auch von "Umwelt und Verbraucher" nachgefragt, zum Beispiel beim Bundesinstitut für Risikobewertung, und im Bereich Weichmacher oder Bisphenol A kam dann in der Regel die Antwort zurück: Die Beweislage ist nicht ausreichend zu sagen, dass diese Stoffe wirklich gefährlich sind, beziehungsweise man muss gucken, in bestimmten Bereichen werden sie dann doch nicht so stark angewandt. Wie sehen Sie das?

Markwardt: Gerade Bisphenole sind hoch umstritten. Da gibt es einfach auch andere Bewertungen. Wir haben jetzt vom Europäischen Parlament auch einige Aufforderungen in Richtung Europäische Kommission gehabt, aber auch im Bundestag Initiativen, die gesagt haben, wir müssen Bisphenole als gesamte Stoffgruppe regulieren und verbieten.

Wir haben ja – das gehört auch zur Wahrheit: Es gibt natürlich dafür auch Ersatz. Das ist natürlich für die Industrie dann etwas aufwendiger, die einzubringen, neue Produkte zu entwickeln. Aber da kann man seine Innovationskraft ja mal hineininvestieren. Und wir haben in Europa ein Vorsorgeprinzip und das besagt, wenn wir den Verdacht haben, dass Dinge schädlich sind, dass wir das aus Vorsorgegründen verbieten, auch wenn es vielleicht nicht immer bis ins letzte schon belegt ist, gerade wenn es auch Ersatz gibt.

Aus unserer Sicht brauchen wir ein Zulassungsverfahren, denn das gibt es im Moment nicht, auf europäischer Ebene, und dann brauchen wir auch viel mehr Daten, die dann von einer Behörde auch ausgewertet und überprüft werden. Und dann müssen bestimmte Produkte, Stoffgruppen einfach komplett verboten werden.

Forderung nach besser ausgestatteten Überwachungsbehörden

Reimer: Wer ist denn im Augenblick in der Beweispflicht?

Markwardt: Im Moment ist es so, dass die Hersteller belegen müssen, dass ihre Produkte sicher und nicht gesundheitsschädlich sind.

Reimer: Die machen die Tests?

Markwardt: Genau! – Die müssen auch die Daten darlegen. Das Problem ist, dass das praktisch natürlich nicht funktioniert, insbesondere nicht bei nicht ausreichend ausgestatteten Behörden und bei diesem Mangel an Daten, den wir vielfach haben. Die kommen ja überhaupt nicht hinterher. Wir haben tausende von Stoffen, die da im Umlauf sind, und die Behörden kriegen ab und zu was aus dem Verkehr gezogen, aber ja lange nicht alles. Deswegen muss es aus unserer Sicht einerseits diese Negativlisten geben, was ist alles nicht erlaubt. Es muss Positivlisten geben, was kann verwendet werden. Und dann muss es natürlich deutlich besser ausgestattete Überwachungsbehörden geben, die das dann auch kontrollieren.

"Bundesregierung kann jetzt schon handeln"

Reimer: Es ist vermutlich kein Zufall, dass Sie mit Ihrer Forderung jetzt kommen, weil die Europäische Kommission nächste Woche ihre Chemikalien-Strategie vorstellen wird. Ist das der zentrale Bestandteil, neue Zulassungsverfahren?

Markwardt: Ja, die Chemikalien-Strategie soll nächste Woche vorgestellt werden. Die EU-Kommission muss da einen Vorschlag vorlegen, der die Gesundheit von Verbrauchern schützt. Aber auch die Bundesregierung kann natürlich jetzt schon handeln, denn eine Verordnung zur Regulierung von Mineralöl-Rückständen liegt seit langem in der Schublade und die muss jetzt rausgeholt werden und umgesetzt werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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