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StartseiteKultur heuteSchätze aus Schuttbergen26.03.2009

Schätze aus Schuttbergen

Die geretteten Archivgüter aus dem Stadtarchiv in Köln

Ein Totalverlust der Kulturgüter ist nach dem Einsturz des Stadtarchivs in Köln offenbar nicht zu befürchten. Die Bergungsarbeiten machen offenbar gute Fortschritte. Und schon jetzt ist klar: Das Historische Archiv der Stadt Köln wird auch künftig eines der wichtigsten Archive in Deutschland bleiben.

Von Lisa Rauschenberger

Restauratoren lagern  im Archivamt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe  in Münster die feuchten Dokumente aus den Trümmern des eingestürzten Kölner Stadtarchivs ein. (AP)
Restauratoren lagern im Archivamt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Münster die feuchten Dokumente aus den Trümmern des eingestürzten Kölner Stadtarchivs ein. (AP)

Schippe für Schippe tragen die Männer vom riesigen Schuttberg ab, der sich hinter ihnen erhebt. Sie arbeiten schweigend, nur das monotone Kratzen der Schaufeln ist zu hören. Der Staub hängt wie ein schwerer Schleier in der Luft und setzt sich erbarmungslos in jeder Pore fest. Jeden Tag wird von der Einsturzstelle in der Severinstraße tonnenweise Schutt zum Sortieren in die Halle einer Recyclingfirma im Kölner Stadtteil Porz gekarrt.

Unter grellem Scheinwerferlicht arbeiten die Bauarbeiter in weißen Schutzanzügen und mit Atemmasken. Akribisch durchforsten sie die Fuhre nach jedem Schnipsel Papier, den sie finden können.

Mit seinem Beruf als Archivar des Stadtarchivs hat der Alltag von Max Plassman nicht mehr viel zu tun. Statt hinter dem Schreibtisch arbeitet er jetzt in der zugigen Erstversorgungshalle, wo er und seine Kollegen zwischen Schnipseln von Comics und Familienfotos nach den Resten der Archivalien suchen. Die Archivare müssen die Papiere Blatt für Blatt in die Hand nehmen, um keinen Fund zu übersehen.

"Hier ist eine Schubkarre mit frisch geborgenem Papier aus dem Schutt. Sie sehen hier Teile von Büchern, wir sehen einzelne Blätter, die sehr zerrissen und zerknickt sind, Papierfetzen. Ich sehe jetzt auf die Schnelle leider nichts aus dem Mittelalter, dass wir hier einen wichtigen Fund machen könnten."

Fast täglich findet die Feuerwehr Archivgut zwischen den Trümmern. Häufig sind die Dokumente in einem besorgniserregenden Zustand. Sie sind zerknüllt, zerrissen und nass. Dann müssen Nadine Thiel und ihre Kollegen erste Hilfe leisten. Sie ist Restauratorin und kümmert sich um die Notversorgung des empfindlichen Materials:

"Teilweise sind die Archivmaterialien durch Regen – weil in den ersten Tagen ja immer noch nicht das Dach gebaut werden konnte – durchnässt und dann auch aufgequollen. Pergament beispielsweise quillt sehr stark auf. Bei nassem Archivgut ist die erste Hilfemaßnahme, dass man sie von dem trockenen Archivgut auf jeden Fall trennt. Akten oder Buchverbünde werden in sogenannte Strech Folie, das ist wie so eine Art Zellophanfolie, gewickelt und werden sofort eingefroren bei minus 22 Grad, um einfach da Mikrobenbefall vorzubeugen."

Es ist ein Kampf gegen die Zeit. Doch immerhin wurden bisher etwa drei Regalkilometer Archivgut aus dem Trümmerkegel geborgen. Zu den wichtigsten Funden gehören eine Originalhandschrift des Philosophen Albertus Magnus und der Nachlass von Konrad Adenauer, der zu großen Teilen intakt ist. Max Plassmann:

"Das Archivgut, das da bisher gerettet werden konnte, ist Archivgut aus den drei obersten Etagen. Wir haben sehr viele mittelalterliche Handschriften retten können, wir haben sehr viele Urkunden retten können, auch die wichtigen Schreinsbücher der Stadt Köln. Das geht dann aber auch weiter, wir haben Nachlässe bergen können, Adenauer ist so ein Stichwort, wir haben moderne Verwaltungsakten bergen können, Akten des 19. Jahrhunderts, Fotos, Videos, Sammlungsbestände. Also im Grunde haben wir einen Querschnitt aus 1000 Jahren Kölner Geschichte bereits jetzt geborgen."

Der stellvertretende Leiter des Stadtarchivs Ulrich Fischer zeigt auf einen wichtigen Fund: eine Urkunde aus dem Jahr 1633, die in vergleichsweise gutem Zustand aus den Trümmern geborgen wurde.

"Das ist ein Rentbuch, also quasi ein Einnahmeregister eines städtischen Armen- und Waisenhauses …"

Max Plassmann ist optimistisch – trotz der Verluste.

"Wir machen hier wirklich eine sinnvolle Arbeit. Das ist nicht nur so wie es in den ersten Stunden nach dem Einsturz befürchtet wurde, dass eh nur einige Fetzen da rauskommen, sondern wir können wirklich mit unserer Arbeit jetzt Kulturgut vom europäischen Rang retten. Ich sehe, dass wir viel retten können, dass das historische Archiv der Stadt Köln auf jeden Fall ein bedeutendes Archiv bleiben wird auch nach der Katastrophe. Auch wenn wir natürlich starke Verluste haben, ist es trotzdem ein Archiv, das auch weiterhin stehen wird als eines der wichtigsten deutschlandweit und das ist ein befriedigendes Gefühl."

Das Historische Archiv der Stadt Köln wird auch weiterhin eines der wichtigsten Archive deutschlandweit sein.

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