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StartseiteSonntagsspaziergangTrend und Tradition18.03.2018

Schafe auf IslandTrend und Tradition

Ob Socken, Mützen oder Schals - Wolle liegt voll im Trend. In Island gehören Schafe und Wolle schon immer zum Alltag. Jedes Jahr im Herbst ist das ganze Land deshalb in Bewegung: Die Tiere werden von den Bergen ins Tal getrieben - und auch Fremde dürfen bei diesem traditionellen Ereignis dabei sein.

Von Melanie Ballbach

Schafe beim traditionellen Almabtrieb im Süden Islands (Picture Alliance / dpa / Epa / Birgir Thor Hardarson)
Beim Almabtrieb werden die Schafe von den Bergen wieder in die Ställe zurückgetrieben (Picture Alliance / dpa / Epa / Birgir Thor Hardarson)
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Auf Karólinas Hof hoch oben in den Bergen zwischen Saudarkrokur und Blönduós versammeln sich an einem Samstagmorgen im September die Helfer für den Schafabtrieb. Mit dabei sind mehrere Bauern aus der Gegend und einige Freiwillige. Jedes Jahr läuft es weitgehend gleich ab. Die Schafe, die den Sommer über in den Bergen weiden, werden zu Fuß oder per Pferd eingesammelt und ins Tal getrieben. Der Winter steht bevor und dann müssen alle Tiere zuhause in ihren Ställen sein.

Wieder Begeisterung für Naturfarben wecken

Karólina wohnt alleine in ihrem 25 Quadratmeter Holzhäuschen und kümmert sich um ihre Schafe, Islandpferde und Bordercollie Baugur. Eigentlich heißt sie Caroline Kerstin Mende und stammt ursprünglich aus Schleswig-Holstein. Über Köln und Kaiserslautern kam sie dann vor sieben Jahren nach Island und blieb. Ihre Leidenschaft sind die Schafe, die sonst niemand züchten will, die Braunen, die Grauen und die Gescheckten. Sie steht auf die Farben der Natur, wie sie selbst sagt, und will auch andere dafür begeistern. Anfang September sind vier Wollliebhaber aus Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein für eine Woche bei Karólina, um etwas über die Islandschafe und ihre Besonderheiten zu lernen. Und natürlich ist der Schafabtrieb eines der Highlights.

Fremde sind beim Schafabtrieb willkommen

Nach dem Abtrieb folgt das sogenannte Schafe ziehen. Die Tiere werden von ihren jeweiligen Besitzern sortiert. Das Ganze passiert in ein einem großen Pferch, der von einer Mauer umgeben ist. Sternförmig gehen davon weitere Pferche ab. Jedem Bauer werden einer oder mehrere zugeordnet. Karólina und ihre Gruppe machen auch mit. Sie helfen Bauer Sigursteinn, seine Tiere zu finden. Fremde sind beim Schafabtrieb genauso willkommen wie Alteingessessene. Karolina und ihre Gruppe haben sich gut vorbereitet. Das ist an diesem Tag auch dringend notwendig. Nicht nur, dass sich alle Helfer etwas polstern müssen, um nicht mit allzu vielen blauen Flecken heimzugehen, es ist recht kühl und der Wind pfeift allen eisig um die Ohren. Ohne dicke Jacke, Mütze und Handschuhe ist fast niemand unterwegs. Selbstverständlich tragen aber auch einige die traditionellen Islandpullis mit der gemusterten Rundpasse. Was bei den Schafen gegen Wind und Wetter hilft, funktioniert auch beim Menschen.

Tradition und soziales Leben

Sigursteinn Bjarnason ist einer von rund 70 Bauern, die heute zum sogenannten Réttir gekommen sind. Er hat etwa 800 Böcke, Auen und Lämmer, die er heraussortieren muss. Die Lämmer landen beim Schlachter, alle anderen Schafe kommen in den Stall, um sie vor dem harten isländischen Winter zu schützen. Ein Überleben in den Bergen ist zwar möglich, aber das Risiko ist zu groß. Außerdem, sagt Bauer Bjarnason, sei es eine jahrhundertealte Tradition.

Es geht beim Abtrieb aber nicht nur um die Tiere, sondern auch gesellschaftlich ist es ein wichtiges Ereignis. Karólina erzählt, dass sie im Pferch immer Menschen trifft, die sie sonst nicht sieht. So kommt es vor, dass mitten im Pferch zwischen den Schafen auch das ein oder andere Schwätzchen gehalten wird.

Auch kleine Kinder helfen mit

Stundenlang wiederholt sich immer wieder dasselbe Ritual. Schafe werden in den zentralen Pferch getrieben, dann heißt es Ohrmarken prüfen, Schaf packen, Tür auf und ab zur eigenen Herde. Katrin Sonnemann, eine der Workshop-Teilnehmerinnen, beschreibt es wie das Stehen in der Brandung. Es sei faszinierend, dass auch kleine Kinder mitmachten. "Die schnappten sich dann die kleineren Schafe und wenn das Tier doch zu groß und zu stark ist, kommt schnell jemand, um zu helfen." Sprachlich sei es auch kein Problem. Mit Englisch sei sie gut zurechtgekommen, der Rest erkläre sich von selbst.

Die zwei Seiten des Islandschafs

Karólinas  bunte Schafe sind tatsächlich eine Besonderheit. In den Pferchen dominieren Weiß und Schwarz. Das sei so gewollt, sagt Karolina. Weiß lasse sich eben leichter färben, deswegen werde keine andersfarbige Wolle abgenommen. Aber ganz unabhängig von der Farbe sind Islandschafe speziell, beziehungsweise ihre Wolle. Das Vlies besteht aus zwei verschiedenen Schichten. Die Deckhaare sind lang, eher grob und leicht gelockt. Sie funktionieren wie ein Regenmantel. Das Wasser läuft einfach an den Seiten ab. Die Unterwolle ist wesentlich weicher und feiner und schützt das Tier vor Wind und Kälte.

Die Schafe werden im Herbst von den Bergen zurück geholt.  (Picture Alliance / dpa / Epa / Birgir Thor Hardarson)Viele Schafe auf wenig Einwohner - Im Herbst geht es für die Schafe von den Bergen zurück in den Stall (Picture Alliance / dpa / Epa / Birgir Thor Hardarson)

Die spezielle Struktur der Wolle haben sich die Isländer schon immer zunutze gemacht. Bereits die Wikinger, die die Insel als erste besiedelt haben, wussten um die guten Eigenschaften. Man sagt, ihre Schiffe seien unter anderem deswegen so schnell gewesen, weil sie Wollsegel hatten.

Wolle muss nicht kratzig sein

Die für uns so typischen Islandpullover gibt es so übrigens erst seit den 30er-Jahren. Damals kamen die kreisförmigen Verzierungen über der Brust auf. Langsam verschwunden sind dagegen die Naturfarben, die Karolina so liebt, sowie Qualität und Vielfalt - trotz der Verbundenheit zur Tradition. Jedem, der schon mal einen echten Islandpullover in der Hand oder anhatte, dem fällt etwas auf: warm, aber kratzig. Früher wurden die beiden Schichten der Wolle noch auseinandersortiert, heute macht man sich die Mühe nicht mehr. Jedenfalls ist das bei Istex so. Istex war jahrelang der einzige Abnehmer für Wolle und auch der einzige Garnproduzent Islands. Inzwischen gibt es aber Konkurrenz. Hulda Brynjólfsdóttir hat in der Nähe von Hella im Süden Islands eine Kleinspinnerei aufgebaut. Bisher war sie Lehrerin und ihre 250 Schafe dienten hauptsächlich der Fleischproduktion. Die Wolle landete wie bei allen anderen auch in der zentralen Sammelstelle. Und das sollte sich ändern.

Neue alte Wege in der Wollproduktion

Hulda spinnt seit fünf Jahren ihr Garn mit der Hand. Sie wollte weg von ihren Lehrerberuf und suchte einen Weg, um mit ihren Schafen Geld zu verdienen. Aber um im größeren Stil gute Wolle zu produzieren, war ein Spinnrad zu wenig. Eine sogenannte Mini Mill musste her. Ihr Mann, der Mechaniker ist, recherchierte eine Weile und beide fanden die Idee, eine Kleinspinnerei aufzubauen, immer besser. "So bekam ich etwas für meine Woll-Leidenschaft und mein Mann etwas für seine Maschinen-Leidenschaft", lacht Hulda, "am 1. Juli 2017 haben wir dann den Startknopf gedrückt."

Finanziert hat sie die großen blauen Maschinen zum Waschen, kämmen, Spinnen und Filzen der Wolle mit Hilfe von sogenanntem Crowdfunding. Viele Menschen haben über eine Seite im Internet Geld für ihr Projekt gegeben und ihr so ihren Traum ermöglicht.

Es läuft gut, sagt Hulda. Sie ist froh, jetzt nicht mehr auf andere Hersteller angewiesen zu sein: "Das ist viel besser. Ich habe die besseren Schafe und die bessere Wolle."

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