Montag, 23. Mai 2022

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Schalom schlaue Studenten!

Seit langem gibt mit dem Evangelische Studienwerk Villigst und der katholischen Cusanus-Stiftung Begabtenförderungswerke beider Konfessionen. Die jüdische Begabtenförderung des Berliner Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks hingegen ist noch relativ neu - und stößt auf großes Interesse.

Von Jens Rosbach | 12.05.2010

Susanne Witting hat Jura studiert. Sie ist 30 Jahre alt - und Jüdin.

"Also, das Judentum spielt schon eine sehr wichtige Rolle für mich. Ich bin aber keine fleißige Synagogengängerin. Das Judentum ist ja nicht nur eine Religion. Gehört ja auch Literatur, Musik und sehr vieles dazu. Und ich liebe Israel. Ich fahre immer nach Israel in den Urlaub. Ja, das ist es eher in meinem Leben."

Zu Wittings Leben gehört auch, dass sie sich seit Jahren in der jüdischen Gemeinde engagiert. Und dass sie gerade eine Doktorarbeit schreibt. So war es für die gebürtige Kölnerin naheliegend, sich beim neuen jüdischen Studienwerk zu bewerben - für eine Promotionsförderung. Und tatsächlich wurde sie in das Stipendienprogramm aufgenommen. Die Rechtswissenschaftlerin freut sich nun über das monatliche Geldgeschenk: 1050 Euro plus 100 Euro Büchergeld. Zudem ist sie neugierig auf die anderen Stipendiaten.

"In meiner Schulzeit gab es eigentlich außer mir so gut wie keine anderen jüdischen Mitschüler. Und das hat mir immer schon so ein bisschen gefehlt, Menschen zu treffen, mit denen man irgendwie gewisse Sachen teilt so auch. Und deswegen freue ich mich darüber, dass ich halt jüdische Menschen treffe, die halt promovieren, studieren - was auch immer."

Die jüdische Doktorandin wird beim Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk viele russischsprachige Juden treffen. Denn die Masse der Stipendiaten hat, wie die meisten Juden in Deutschland, osteuropäische Wurzeln. So wie Oleg Tartakowski. Der 25-Jährige stammt aus der Ukraine. Als seine Familie vor 14 Jahren nach Deutschland emigrierte, fand Oleg im Jugendzentrum seiner jüdischen Gemeinde ein neues Zuhause.

"Das war ein Magnet für mich damals. Das heißt, da waren ganz viele Kinder und Jugendliche, die grad neu waren in Deutschland und das hat so ein Gefühl von Zugehörigkeit vermittelt. Und das war sehr wichtig. Und das ist immer noch so."

Heute leitet der Migrant selbst das Jugendzentrum - ehrenamtlich. Da bleibt nur wenig Zeit für seine Ausbildung: sein Medizinstudium an der Universität Duisburg-Essen.

Dennoch kann Oleg Tartakowski sehr gute Noten vorweisen. So erhält er nun vom jüdischen Begabtenförderwerk ein Stipendium für sein Studium. Tartakowski geht es aber nicht nur ums Geld. Sondern auch um die "ideelle Förderung". Sprich: die Sommerakademie, die das Studienwerk jedes Jahr in Berlin veranstaltet.

"In Berlin gibt es ja ne sehr große jüdische Gemeinde. Das gibt's auch sehr viel deutsch-jüdische Geschichte. Und ich denke oder ich hoffe, dass wir da auch ein bisschen Jüdischkeit beigebracht bekommen, im Zusammenhang mit Deutschland. Dass wir vielleicht in den Reichstag gehen und mit ein paar Politikern sprechen, die möglicherweise für die Integration zuständig sind oder für Religion - solche Fragen."

Bemerkenswert: Die jüdische Begabtenförderung unterstützt nicht nur Juden. Fünf bis zehn Prozent der Stipendiaten dürfen einer anderen oder keiner Religionsgemeinschaft angehören. Allerdings müssen diese irgendeinen Bezug zum Judentum haben. Wie Lina-Mareike Dedert. Die 28-Jährige hat in Potsdam Judaistik studiert und schreibt derzeit eine Promotion über die Geschichte einer arisierten jüdischen Familie. Das Interesse der Protestantin hat einen speziellen familiären Grund.

"Mein Großvater war in der Waffen-SS und das war so ein gewisses offenes Geheimnis. Keiner konnte fragen und wollte ihn auch nicht fragen. Und so ist so ein bisschen der erste Angriffspunkt entstanden, dass ich mehr wissen wollte. Dann habe ich begonnen, Geschichte zu studieren. Habe dann noch Judaistik dazu genommen. Hab dann mich mit dem ganzen Hintergrund beschäftigt, weil ich einfach verstehen wollte, was dahinter steht."

Ob Juden oder Nichtjuden, ob Studierende oder Doktoranden - die ersten 32 Stipendiaten des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Vereins mussten - wie bei Begabtenförderwerken üblich - zahlreiche Nachweise ihrer Abitur- und Studienleistungen einreichen. Studienwerks-Chef und Rabbiner Walter Homolka legt außerdem viel Wert auf den Nachweis einer sozialen Arbeit.

"Zum Beispiel ob jemand bei Amnesty International mitgearbeitet hat. Also das muss nicht immer nur ein ganz enges jüdisches Gemeindeengagement sein, aber wir möchten sehen, dass wir Menschen gewinnen, die ein hohes Engagement für unsere Gesellschaft entwickeln."

Weitere Informationen finden Sie unter Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES)