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StartseiteKommentare und Themen der WocheGreensill-Pleite trifft Arbeitnehmer und Steuerzahler13.03.2021

Schattenbanken im FinanzsystemGreensill-Pleite trifft Arbeitnehmer und Steuerzahler

Die Greensill-Bank hat sich mit Instrumenten Kapital beschafft, die auch schon die Finanzkrise 2008 ausgelöst haben, kommentiert Brigitte Scholtes. Für das skrupellose Gebaren der Schattenbank unter dem Radar der Finanzaufsicht müssten nun mal wieder Arbeitnehmer und Steuerzahler in Europa einspringen.

Ein Kommentar von Brigitte Scholtes

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Ein Schild mit dem Firmennamen Greensill Ban hängt am Eingang der Bremer Privatbank (picture alliance/dpa/Sina Schuldt)
Die Regulatoren müssen stärker gegen Schattenbank vorgehen, fordert Brigitte Scholtes (picture alliance/dpa/Sina Schuldt)
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Das Desaster um Greensill zieht immer größere Kreise. Hatte man zu Beginn noch geglaubt, die Schieflage der kleinen Bremer Bank werde allenfalls ein paar Privatanleger betreffen, so ist inzwischen klar: Es trifft auch Arbeitnehmer und Steuerzahler.

Denn erst nach und nach wird deutlich, welches Rad der australische Geschäftsmann Lex Greensill drehte. Seine Idee ist eigentlich alt und in Finanzkreisen als "Reverse Factoring" bekannt: Er finanzierte mit seiner Kapitalgesellschaft Lieferanten. Denn die müssten ansonsten längere Zeit darauf warten, dass ihre Kunden ihnen die Rechnungen bezahlen. Für diesen Service kassiert die Kapitalgesellschaft Gebühren vom Lieferanten.

Türschild der privaten Greensill Bank in Bremen (imago /Eckhard Stengel) (imago /Eckhard Stengel)Greensill-Pleite - "Die Kämmerer müssen zu ihrer Verantwortung stehen"
Von der Pleite der Bremer Greensill Bank sind zahlreiche Städte und Kommunen betroffen. Nicht ohne eigene Schuld, sagte Finanzexperte und Grünen-Politiker Gerhard Schick im Dlf. Kämmerer seien bei der Geldanlage ein zu hohes Risiko eingegangen. Schick kritisiert aber auch die Finanzaufsicht Bafin.

Instrumente, die auch die Finanzkrise 2008 auslösten

Nur: Das nötige Kapital, das er verlieh, musste sich Greensill ja auch beschaffen. Das geschah auf zweierlei Weise: Zum einen gab Greensill Capital Anleihen aus, die von Investoren gekauft wurden. Das waren also verbriefte Verbindlichkeiten, - genau solche Instrumente, die auch die Finanzkrise 2008 auslösten. Verbindlichkeiten, die in diesem Fall von Versicherungen für gutgeheißen wurden. Als die erste dieser Versicherungen nicht mehr mitspielte, ging es abwärts mit Greensill Capital. Zum anderen sammelte die Bremer Banktochter in Deutschland Einlagen von Privatanlegern und Kommunen und bot ihnen dafür einen kleinen positiven Zins.

Die Rolle von Stahlmagnat Sanjeev Gupta

Lex Greensill dürfte heute bereuen, dass er eine so intensive Geschäftsbeziehung mit dem britisch-indischen Stahlmagnaten Sanjeev Gupta einging. Denn der wurde Greensills größter Kunde, ein Mann, dem ein Konglomerat von Stahlfirmen weltweit gehört und der bekannt ist für seine intransparente Buchführung.

Liberty Steel zum Beispiel gehört zu Guptas Imperium, das Unternehmen also, das im vergangenen Jahr fast die Stahlsparte von ThyssenKrupp übernommen hätte.

Beide, Greensill und Gupta, haben mit hohem Einsatz gespielt – und nun verloren. Das Bittere: Sie reißen viele Unschuldige mit sich und provozieren Arbeitslose. Denn die Insolvenz von Greensill Capital und wahrscheinlich die der Bremer Banktochter trifft nicht nur einige Mitarbeiter der Finanzgesellschaft. Sie trifft sicherlich auch einige von Guptas Stahlunternehmen. In Großbritannien, wo der Manager als Retter des britischen Stahls gefeiert wurde. Und in Frankreich, wo die Regierung den betroffenen Stahlarbeitern von Firmen wie Ascoval bereits Unterstützung in Aussicht stellt.

Kommunen waren unvorsichtig

Es sind damit mal wieder die Arbeitnehmer und die Steuerzahler, die für ein solch skrupelloses Gebaren einspringen müssen – in Frankreich und wohl auch in Deutschland. Denn hier sind es vor allem die Kommunen, die gebeutelt sind. Anders als die Privatanleger sind sie nicht durch die Einlagensicherung der Banken geschützt. Das wussten die Kämmerer. Jeder Gemeinderat muss sich also fragen, warum die Verwaltung trotzdem zum Teil Millionen Euro als Festgeld bei der Bremer Greensill Bank deponiert hat, einer so kleinen Bank, dass deren Namen bis vor kurzem nur wenigen Finanzspezialisten geläufig gewesen sein dürfte.

Eine Unvorsichtigkeit, die ihre Einwohner viel Geld kosten wird. Nur mit Glück werden sie einen Teil wiedersehen, wenn denn nach einer wahrscheinlichen Insolvenz der Bank noch etwas übrigbleiben sollte. Die Kämmerer müssen sich nun fragen lassen, warum sie ein solches Risiko eingegangen sind - für 0,3 Prozent Zins, die sie dafür einstrichen? Denn es ist ein veritables Risiko in Zeiten, in denen man für Einlagen in Millionenhöhe bei seriösen Banken auf jeden Fall Negativzinsen zahlen muss.

Erschreckende Parallelen zu Wirecard

Und auch die Aufseher hätten rascher hinsehen müssen. Jetzt versucht die schon durch Wirecard in die Schlagzeilen geratene Finanzaufsicht Bafin zu retten, was zu retten ist. Die Parallelen sind erschreckend: Auch bei Wirecard stand nur eine kleine Bank unter Aufsicht, während das Konglomerat im Hintergrund weitgehend unbehelligt seine Geschäfte treiben konnte. Greensill Capital muss man aber als eine Schattenbank ansehen, die unter dem Radar der Aufsicht agiert. Schattenbanken erweisen sich immer mehr als das eigentliche Großrisiko des Finanzsystems.

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Nach Wirecard und nun Greensill sollten die Regulatoren mindestens europaweit zügig Konsequenzen ziehen. Die Überschuldung und wahrscheinliche Insolvenz einer kleinen Bank sind sicher nur die Spitze des Eisbergs. Weitere Fälle aber darf es einfach nicht mehr geben.

Brigitte Scholtes (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Brigitte Scholtes (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Brigitte Scholtes, Jahrgang 1958, studierte Wirtschaftsgeschichte und Anglistik in Aachen und Bonn mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. Sie arbeitete zunächst für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die damals auch Hörfunksendungen für das Privatradio RPR produzierte, wechselte dann zur Nachrichtenagentur Bloomberg Business News. Seit 1992 Partnerin im Redaktionsbüro Business Report, das 1998 die Wirtschaftskorrespondenz aus Frankfurt für Deutschlandradio übernommen hat. 

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