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StartseiteKultur heuteHarold Pinters "Asche zu Asche" 15.02.2020

Schauspiel BochumHarold Pinters "Asche zu Asche"

Das Schauspielhaus Bochum ist zur Zeit sehr erfolgreich. Gerade wurde es zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Doch die neueste Inszenierung des niederländischen Regisseurs Koen Tachelet über eine eigentümliche Mann-Frau-Beziehung bleibt etwas zu rätselhaft.

Von Dorothea Marcus

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Die Schauspielerin Elsie de Brauw steht in einen langen blauen Mantel gekleidet in den Zuschauerreihen im Schauspielhaus Bochum. Ihr Kopf ist gesenkt. (Copyright: Isabel Machado Rios)
Elsie de Brauw in Koen Tachelets Inszenierung: "Asche zu Asche" (Copyright: Isabel Machado Rios)
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In diesem Stück hat jeder Satz einen doppelten Boden. Da ist es folgerichtig, dass Regisseur Koen Tachelet "Asche zu Asche" gleich zweimal hintereinander spielen lässt. Die zweite Zuschauertranche bekommt das Ende des ersten Durchgangs mit. Im Theatersaal können wir sie zwischen den Schauspielern auf der Bühne sehen. Als sie den Raum verlassen, werden wir selbst auf die Bühne geführt: In das Licht einer kalten Neonplatte, die sich von oben senkt oder hebt, auf Stühle oder gemütliche Sessel, wenige Zentimeter von den Schauspielern Elsie de Bouw und Guy Clemens entfernt. Und je nachdem, ob man das Ende schon kennt oder nicht, hören sich danach die Anfangssätze des Stückes völlig anders an.

"Er betete mich an, weißt du? – Er betete dich an? Was soll das heißen? Willst du sagen, er hat keinen Druck auf deine Kehle ausgeübt? – Nein. Er hat ein bisschen Druck auf meine Kehle ausgeübt. So dass sich mein Kopf langsam nach hinten bog. Sanft, aber bestimmt. – Und dein Körper? Wohin bog sich dein Körper? – Mein Körper bog sich nach hinten. Langsam aber bestimmt. – Und deine Beine öffneten sich? – Ja. Ja."

Projektionsflächen der Zuschauerfantasie

Eine Frau und ein Mann, Rebecca und Devlin, stehen und sitzen im Publikum, zum Anfassen nah, in einem Wohnzimmer und unterhalten sich. Er fragt, sie spricht. Er will Zugang zu ihr, sie weicht aus. Sie könnten ein Paar sein, Freunde, oder auch Therapeut und Patientin. Sie könnten über sadomasochistische Sexpraktiken sprechen oder über eine Vergewaltigung. Es könnte ein Rollenspiel sein, eine Fantasie, oder ein traumatisches Erlebnis. Elsie de Bouw und Guy Clemens sind große Schauspieler und niederländische Muttersprachler, das verfremdet und distanziert ihre Sätze. Sie sprechen nüchtern und fast unbeteiligt. Mal öffnet die Frau leicht ihr langes knallblaues Marienkleid, mal zieht der Mann sein helles Jackett aus, mal setzen sie sich zu uns, mal stehen sie hinter den Stühlen: Projektionsflächen der Zuschauerfantasie, genauso wie die Sprachbilder von Harold Pinter, die ständig ihre Bedeutung ändern. Denn was in der ersten Premiere womöglich Luxuslüste eines wohlhabenden Mittelschichtspaares hätten sein können, klingen in dieser Vorstellung, vom Ende her gedacht, wie Kriegs- und Gewalterlebnisse.

"Als ich zum Bahnhof ging, sah ich den Zug und es waren noch andere Menschen sah. Und mein bester Freund. Der Mann dem ich mein Herz geschenkt hatte, von dem ich im ersten Moment der Begegnung wusste, dass er der Mann war, dem ich bestimmt war, beobachtete ich wie er am Bahnsteig entlangging und den schreienden Müttern ihre Babies aus dem Arm riss."

Die Shoah in den Kopf des Betrachters eingepflanzt

Sofort dreht sich alles um: Der Unbekannte wird im Kopf zum SS-Offizier. Doch was ist wahr und was ist falsch? Je mehr die Frau spricht, desto mehr  Widersprüche und Fragen ergeben sich. War ihre Affäre mit dem fremden Reiseführer Notwehr? Kollaboration? Wurde ihr eigenes Kind umgebracht? Wann fand alles statt? Wer hat welche Rolle und Identität, wer dominiert wen? Wer sind die Menschen in der Fabrik, in die er sie mitnimmt – jüdische Zwangsarbeiter? Harold Pinter selbst hatte osteuropäisch jüdische Vorfahren. "Asche zu Asche" ist das erste Stück, in der er die Shoah thematisiert. Und eben doch nicht thematisiert, sondern eher in den Kopf des Betrachters einpflanzt. Das sieht man auch schon an den schwankenden Bedeutungen, die eine Polizeisirene annehmen kann, mal bedrohlich, mal beruhigend:

"Verstehst du, als ich die Sirene leise hörte, wusste ich, dass sie für jemanden immer lauter wurde. – Gibt dir das ein Gefühl der Sicherheit? -Nein, das macht mich schrecklich unsicher.– Macht dir keine Sorgen, es wird immer eine geben. Die nächste ist schon unterwegs zu dir. Du wirst sie bald wieder hören. Das sind schwer beschäftigte Jungs bei der Polizei. Die müssen auf alles ein Auge haben. Es sollte dir doch ein Trost sein? Du wirst nie wieder einsam sein. Du wirst nie ohne Polizeisirene sein, das versprech ich dir."

"Asche zu Asche" ist ein rätselhaftes Stück. Die knapp einstündige Inszenierung von Koen Tachelet ist in ihrem kalten Neonlicht knochentrocken und intensiv zugleich. Eine Versuchsanordnung, die über gewaltige Fragen von Nähe und Distanz, Lüge und Wahrheit, Macht und Ohnmacht reflektieren lässt. Ihr fast unbeteiligter Purismus ist dennoch zuweilen fast quälend langatmig.

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