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StartseiteForschung aktuellSchiefer Ton, getäuschter Sinn01.07.2013

Schiefer Ton, getäuschter Sinn

Das absolute Gehör scheint gar nicht so absolut zu sein

Etwa einer unter 10.000 Menschen besitzt die Fähigkeit, beim Hören von Musik genau zu bestimmen, welche Noten gespielt werden. Eine Studie im Fachblatt "Psychological Science" legt nun nahe, dass selbst dieses sogenannte absolute Gehör fehleranfällig ist.

Von Thekla Jahn

Selbst das angeblich absolute Gehör ist täuschbar.   (Stock.XCHNG)
Selbst das angeblich absolute Gehör ist täuschbar. (Stock.XCHNG)
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Das Gen für das perfekte Ohr

"Ich habe, was man ein absolutes Gehör nennt. Das heißt, wenn ich eine Note auf dem Klavier spiele, kann ich sie benennen. Es ist ein "gis"."

Stephen Hedger arbeitet am Institut für Psychologie der Universität Chicago und er spielt gern auf dem Keyboard im Institut. Eines Tages legte dabei eine Kollegin ihre Hand auf den Tonregler des Keyboards und senkte – von Stephen unbemerkt - die Frequenz ganz langsam ab – und zwar um ein Drittel eines Halbtones.

"Ein Drittel des Unterschiedes bedeutet von hier" (Ton) "bis hier" (anderer Ton). "Da das im Verlauf des gesamten Stücks passierte, habe ich das nicht bemerkt. Das heißt: Als das Piano wieder zurückgestimmt wurde, klang es für mich eindeutig falsch. Und das hat mich wirklich schockiert."

Ist also das absolute Gehör korrumpierbar? Dieser Frage ging Stephen Hedger dann gemeinsam mit dem Psychologieprofessor Howard Nusbaum an der Universität Chicago nach. Für ihr Experiment suchten sie 27 Menschen mit einem sogenannten absolutem Gehör aus. Ihnen spielten sie die 1. Sinfonie in c-Moll von Johannes Brahms vor.

Während des ersten Satzes, der 15 Minuten dauert, senkten sie die Frequenz um ein Drittel eines Halbtones und das Ende des ersten Satzes hörte sich dann so an: Tonbeispiel.

Diese Version nahmen die Probanden ausnahmslos als richtig wahr, das Original empfanden sie dagegen als "verstimmt".

"Unsere Studie zeigt, dass das, was gerade passiert, unser Hörwissen beeinflusst. Das absolute Gehör ist nicht einfach da. Und diese Bedeutung des unmittelbaren Kontextes, in dem wir hören, ist bislang überhaupt nicht als eine entscheidende Komponente erkannt worden",

sagt Stephen Hedges. Tonnamen sind im Gehirn nicht festen Frequenzen zugeordnet, es gibt kein unveränderliches Referenzsystem. Im Umkehrschluss heißt das, unsere Kultur bestimmt, was als Frequenzstandard gilt. Aber das ist nicht in Stein gemeißelt. Howard Nusbaum:

"Wenn sich das ganze System um einen herum verändert, dann stimmt man sich darauf ein. Und das ergibt in A-capella-Gesangsgruppen durchaus Sinn: Man passt sich an die Veränderungen an, ansonsten würde ein Mensch mit absolutem Gehör zusammen mit anderen ja wie "falsch" singen."

In einem weiteren Experiment wollten die Wissenschaftler der Chicagoer Universität herausfinden, ob Menschen mit absolutem Gehör auch schon bei einem Musikstück mit nur fünf Noten so reagieren, dass sie nicht nur die fünf, sondern gleich ihr gesamtes zwölfnotiges Tonsystem neu kalibrieren.

"Was wir fanden ist, dass sich in der Tat die Veränderung in der Wahrnehmung einzelner Noten auch auf ungehörte Noten ausweitet."

Also ist das gesamte Tonsystem betroffen. Aber – und das überraschte die Wissenschaftler - diese Anpassung des Gehörs bezieht sich nur auf Instrumente, die während der Veränderung tatsächlich auftauchten. Da in der Brahms-Sinfonie beispielsweise kein Klavier vorkommt, hatten die Studienteilnehmer im Bezug auf Klaviertöne ihr absolutes Gehör behalten, während es für alle anderen in der Sinfonie vorkommenden Instrumente verändert war.

"Wir sehen Noten in musiktheoretischer Hinsicht bisher als absolute Einheiten an, die ganz unabhängig vom Instrument sind, das den Ton hervorbringt. Aber durch die Studie ist jetzt klar: Menschen mit absolutem Gehör benennen Noten jeweils instrumentbezogen. Die Erfahrung mit den einzelnen Instrumenten bestimmt das Gehör",

sagt der Psychologe Howard Nusbaum. Und damit ließe sich endlich erklären, warum manche Menschen problemlos jeden Klavierton erkennen, aber bei allen anderen Instrumenten kläglich scheitern. Doch es steckt noch mehr darin:

"In der Psychologie und Neurowissenschaft gehen wir davon aus, dass bestimmte Verhaltensweisen oder Kenntnisse – wenn sie relativ stabil sind – auch im Gehirn gespeichert und manifest sind. Aber wir unterschätzen dabei den Grad der Umwelt. Es sind unsere Erfahrungen mit der Umgebung, welche die Informationsverarbeitung im Gehirn und damit unser Wissen stabil halten."

Und damit gilt für das Gehör und insbesondere für das doch nicht so absolute Gehör, was auch sonst hilft: Training, Training, Training.

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