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StartseiteDeutschland heuteSylt-Bahn - ein Problem für Pendler11.02.2019

SchienenverkehrSylt-Bahn - ein Problem für Pendler

Etwa 4.500 Menschen pendeln täglich zur Arbeit auf Sylt, viele davon mit der Bahn. Die Verbindung ist allerdings seit Jahren überlastet, Verspätungen gehören zum Alltag. Nun soll die Strecke zweigleisig ausgebaut werden - doch bleiben viele Fragen zur Zukunft der Marschbahn offen.

Von Johannes Kulms

Ein Zug der Deutschen Bahn (DB) fährt am 17.05.2017 über den Hindenburgdamm zwischen Sylt und Niebüll (Schleswig-Holstein). (picture alliance / Casten Rehder)
Die Bahnverbindung nach Sylt gilt als sehr unzuverlässig - von Geschäften bis zu Pflegeheimen leiden viele Betriebe darunter (picture alliance / Casten Rehder)
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Es ist stockfinster an diesem Morgen als der Zug über den Hindenburgdamm rollt. Hinter den Scheiben liegt die vereiste Nordsee.

"Wenn alles läuft, dann habe ich wirklich einen angenehmen Alltag. Ich fahre mit der Bahn durch es Wattenmeer und nicht von Bottrop nach Castrop-Rauxel. Das kann man schon aushalten."

Achim ist einer von rund 4.500 Pendlern, die jeden Tag vom nordfriesischen Festland nach Sylt pendeln. Die Insel ist ein wirtschaftlicher Magnet in der eher strukturschwachen Region. Es sind Handwerker, Pflegekräfte, Kellner oder Verkäufer, die entweder auf Sylt nicht wohnen wollen. Oder eher nicht wohnen können. Denn die Immobilienpreise auf der Insel haben schon lange schwindelerregende Ausmaße erreicht. Doch im Herbst 2016 nahm auf der Marschbahn – der rund 240 Kilometer langen Strecke von Hamburg nach Westerland – eine denkwürdige Pannenserie ihren Lauf. Ursache waren Probleme mit den Waggons, den Loks, aber auch der maroden Gleisinfrastruktur und Personalengpässen bei der Bahn. Reihenweise fielen Züge aus, zeitweise war jeder zweite verspätet. Darunter leiden die Touristen, vor allem aber Pendler wie Achim.

"Was wirklich den Stress ausmacht ist wirklich die Unzuverlässigkeit von der Bahn. Das man wirklich immer damit rechnen muss, das auch so als latentes Gefühl, er könnte zu spät kommen, ständig Druck auch zu spät zur Arbeit zu kommen. Da habe ich wirklich einen toleranten Arbeitgeber, tolle Kollegen, die das auffangen. Das geht wahrscheinlich vielen von uns Pendlern so. Aber das hängt natürlich alles dann dran."

Der zweigleisige Ausbau soll kommen

Viele Geschäfte öffneten wegen der Züge verspätet, in manchem Pflegeheim konnten die Arbeitszeiten nicht eingehalten werden weil das Personal zur Ablösung zu spät kam. Für die Pendler ist die Bahn das einzige realistische Verkehrsmittel auf die Insel, eine Anbindung per Straße gibt es nicht. Weil zwischen Niebüll und Westerland der Großteil der Strecke nur eingleisig verläuft und Regional- und Intercityzüge sich hier mit den Autozügen abwechseln wird eine Verspätung schnell zum Alptraum auf dem Nadelöhr.

Doch seit einigen Monaten mehren sich die Positivmeldungen von der Marschbahn. Im November kündigte der Bund an, bis spätestens 2030 die Strecke zwischen Westerland und Niebüll durchgängig zweigleisig ausbauen zu wollen. Zudem hat sich die Pünktlichkeit der Züge zuletzt stabilisiert. Im Dezember und Januar betrug sie jeweils knapp 85 Prozent. Im November waren es noch knapp 75 Prozent. Der Vertrag sieht allerdings eine Quote von 93 Prozent vor. Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis gibt sich optimistisch:

"Das ist eine Trendwende, wir haben viel investiert, wir haben zuverlässig auch genug Lokführer, wir haben Werkstattpersonal auch aufgestockt."

Fortschritte ja - Trendwende nein

Rund 20 Millionen Euro investiere die DB in den Regionalverkehr zum Beispiel für mehr Personal. 160 Millionen sollen in die Verbesserung der Infrastruktur fließen. Zum Beispiel für zuverlässigere Gleisschwellen, Bahnübergänge und Weichen. Im Schleswig-Holsteinischen Verkehrsministerium gibt man sich allerdings deutlich zurückhaltender. Auch in Kiel werden die Fortschritte der DB anerkannt, die im Herbst 2016 die Strecke von der Nord-Ostsee-Bahn übernahm. Doch von einer Trendwende will man hier noch nicht sprechen – auch weil der Winter noch nicht vorbei ist.

Auch Achim Bonnichsen bleibt auf dem Teppich. Er ist der Sprecher der Pendler-Initiative und hat in den letzten Monaten viel Druck gemacht um auf die desolate Situation aufmerksam zu machen. Ja, die Lage habe sich verbessert. Doch letztlich sei es wie beim Wetter:

"Also, die Bahn hat so was wie ein Zwischenhoch und dann sagt man, 'Oh, das läuft ja alles!' und danach kommt es knüppeldicke. Also, das ist immer so, es ist immer so gewesen, das zeigen auch unsere Aufzeichnungen, dass danach die auch wieder in ein richtiges Tief fällt und das ganze nicht funktioniert. Und dann muss man wieder von vorne anfangen."

Es bleiben viele Fragen

Nicht nur Pendler wie Achim Bonnichsen brauchen weiterhin einen langen Atem. Letztendlich hinge die ganze Insel am Bahnverkehr und mit ihr auch die Touristen und Insulaner, sagt Sylts Bürgermeister Nikolas Häckel. Mit der Entscheidung des Bundesverkehrsministeriums, den Ausbau der Marschbahn in die höchste Kategorie des Bundesverkehrswegeplans sei zwar ein gewisser Knoten geplatzt meint der parteilose Verwaltungschef. Doch noch blieben viele Fragen rund um den Ausbau offen. Zum Beispiel wann genau die Maßnahmen beginnen und wie sie sich auf den Bahnverkehr auswirken, meint Häckel.

"Also, die Kuh steht weiterhin auf dem Eis. Die Frage ist nur, ob sie jetzt vielleicht ein bisschen näher am Ufer steht und nicht mehr einzubrechen droht."

Nicht allen gefällt die Idee, dass über die Insel bald ein zweites Gleis nach Westerland gebaut werden soll. Zum Beispiel manchen Anrainern. Aber auch jene die sagen, die Insel sei heute schon am Limit und die befürchten, dass noch mehr Touristen kommen. Doch die meisten Pendler dürfte es freuen. Ob sie allerdings noch das zweite Gleis in ihrer aktiven Pendlerzeit erleben werden, ist fraglich.

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