Donnerstag, 13.12.2018
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop
StartseiteKultur heute Schillers unechter Schädel04.05.2008

Schillers unechter Schädel

Schiller-Experte Norbert Oellers erklärt den Forscherdrang

Schillers Schädel ist nicht Schillers Schädel. Ein Expertenteam hat im Auftrag der Weimarer Klassikstiftung und des Mitteldeutschen Rundfunks zwei Jahre lang geforscht. Die Stiftungssprecherin sagt, die DNA-Analyse hat zweifelsfrei geklärt, dass es sich nicht um den Schädel des Dichters handelt. Norbert Oellers, Schiller-Philologe und Herausgeber, erklärt warum überhaupt so hartnäckig über Schillers Schädel geforscht wurde.

Moderation: Michael Köhler

Friedrich Schiller  (AP)
Friedrich Schiller (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Weimar ist kopflos

Michael Köhler: Seit gestern wissen wir es genau. Schillers Schädel ist nicht Schillers Schädel. In Weimar liegen die unechten Gebeine in der echten Fürstengruft des deutschen Klassikers. Ein Expertenteam an Anthropologen, Rechtsmedizinern, hat im Auftrag der Weimarer Klassikstiftung und des Mitteldeutschen Rundfunks zwei Jahre lang geforscht. Die Stiftungssprecherin sagt, die DNA-Analyse hat zweifelsfrei geklärt, dass es sich nicht um den Schädel des Dichters handelt. Das Erbgut von Schillers Schädel war mit der DNA der engsten Verwandten des Dichters nämlich verglichen worden, und dazu hatte man so allerlei der Verwandten geöffnet. Lange, 180 Jahre lang, haben Besucher vor den falschen Gebeinen am richtigen Sarkophag gestanden. Und demnächst stehen sie wahrscheinlich vor einem leeren Sarkophag, denn der Chef der Klassikstiftung Weimar wird den Sarg räumen lassen. Rasch zur Geschichte. 20 Jahre nach dem Tod, 1826, steigen der Bürgermeister, der Leibmedikus und der Stadtdirektor ins Weimarer Kassengewölbe und erklären kurzerhand den größten Schädel, den sie finden, zu Schillers Totenschädel. Goethe lässt sich den Kopf dann nach Hause kommen, bettet ihn auf Samt unter Glas, sagt es aber nur Humboldt. Es soll ja geheim bleiben. Und dann dichtet er eines seiner schönsten weltanschaulichen Altersgedichte, nämlich auf Schillers Schädel. Frage nun an den bedeutenden Schiller-Philologen, Herausgeber Norbert Oellers aus Bonn, lange Jahre Vorsitzender der Schiller-Gesellschaft. Alles nur eine Chimäre, oder sind wir um einen literaturgeschichtlichen Mythos reicher?

Norbert Oellers: Chimäre war es sicherlich nicht. Gestern in der Sendung, die vom Mitteldeutschen Rundfunk gezeigt wurde, hieß es fälschlich, Goethe sei überzeugt gewesen, Schillers Schädel vor sich zu haben. Nein, man muss sagen, Goethe hat sich gedacht, es könne Schillers Schädel sein. Und angesichts dieser Vorstellung von der Möglichkeit, Schillers Schädel vor sich zu haben, sind eben diese, wie Sie angedeutet haben, wunderbaren Tertinen gelungen. Dass diese Argumentation von mir und anderen Germanisten, hoffe ich, nicht sehr weit führen wird, werden wir erleben. Ich glaube schon, dass nun von vielen gesagt wird, damit ist dieses Gedicht, sind diese Tertinen, in Anführungsstrichen, "unwahr" und beruhen auf völlig falschen Voraussetzungen. Was einfach nicht stimmt, sie beruhen auf der Voraussetzung, die zum Dichten notwendig ist, einer unbändigen Fantasie in diesem Falle, die Goethe veranlasst hat, in diesem Schädel Schiller wiederzuerkennen.

Köhler: Hätte Schiller es gerne gesehen, dieser Art von hartnäckiger Aufklärungsarbeit, dieser hartnäckige Aufklärungswahn, sage ich geradezu schon, dass da jetzt Anthropologen, Molekularbiologen 200 Jahre nach seinem Tod am Werk sind? Oder etwas anspruchsvoller gefragt, macht es Sinn, dass wir alles so sehr verwissenschaftlichen?

Oellers: Ich glaube nicht. Um bei Ihrer ersten Frage zu bleiben, ich glaube, Schiller hat nicht im Traum daran gedacht, dass mit seinen Gebeinen ein Reliquienkult getrieben würde, mit Sicherheit nicht. Er selbst hat ja den Wunsch geäußert, in diesem Kassengewölbe bestattet zu werden, wo hohe Standspersonen unterkamen. Allerdings auf eine Weise, dass man erwarten konnte, nach einigen Jahrzehnten ist von diesen Skeletten und auch dem Schädel nichts mehr da. Zeitgenosse aller Zeiten wollte er bleiben, nicht durch seine Knochen.

Köhler: Warum ist über diesen Schädel so hartnäckig nachgedacht worden, so hartnäckig gesucht worden? Ist das so erheblich gewesen, dass eine ganze Philologie sich drum gekümmert hat, warum diese Obsession?

Oellers: Ja, das liegt im 19. Jahrhundert. Das 19. Jahrhundert hat einen Schillerkult, kann man sagen, kreiert und gepflegt, wie er mit keinem anderen deutschen Autor oder Dichter gepflegt worden ist. Denn Schiller war eben der Mann Nation, der Mann der Frauen, der Mann der Juden übrigens auch und, und, und, Dichter der Juden. Und spätestens seit seinem Tod und seit der Mitteilung an die Öffentlichkeit, dass Schiller eigentlich seit Jahren schon hätte nicht mehr leben dürfen können, nachdem dieses Sektionsprotokoll des Leibmedikus Huschke veröffentlicht worden war, und man dachte, hier ist etwas mit unrechten Dingen geschehen. Denn er hat ja jahrelang schon so schlecht gelebt, aber er hat gelebt und hat geschrieben, noch und noch und noch, jedes Jahr ein Drama geschrieben. Und auf einmal stirbt er, wie kann das sein. Und da kam schon, übrigens 1805, der Verdacht auf, das sei mit unrechten Dingen geschehen, und Schiller sei ermordet worden. Und da hat natürlich Goethe seine Pfoten im Spiel, denn Schiller war sein Hauptkonkurrent, und da fing das eigentlich an und hat sich fortgesetzt. Und die Idee, das Schiller eines nichtnatürlichen Todes gestorben ist, hat dazu geführt, auch jetzt dazu geführt, dass man sagt, man muss irgendetwas von Schiller finden, weil mit den heutigen Mitteln man die Todesursache feststellen kann. Nun hat man sie nicht. Und das wird ein Grund sein, weiter zu spekulieren. Man hat nichts von Schiller, weil nämlich alles im Kassengewölbe, glaube ich, eingeebnet worden ist. Und nun ist dieser wirkliche Schädel nach meiner Ansicht, der ist nicht gestohlen worden, wie heute schon wieder spekuliert wird. Sondern der ist Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Jakobsfriedhof mit dem Kassengewölbe eingeebnet worden ist, für die Ewigkeit dahingegangen.

Köhler: Ist für Norbert Oellers der, ich sag es mal kriminalistisch in der Sprache der Kinoindustrie vielleicht, der Friedrich-Schiller-Code geknackt?

Oellers: Nein.

Köhler: Klare Antwort. Keine Grabräuber und auch kein geknackter Code.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk