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StartseiteKultur heuteSchlachthaus Adelsfamilie25.03.2012

Schlachthaus Adelsfamilie

Staffan Valdemar Holm inszeniert Shakespeares "Richard III." als Lehrstunde fürs Morden

Als der Schwede Staffan Valdemar Holm zum neuen Intendanten des Düsseldorfer Schauspielhauses bestimmt wurde, war das eine große Überraschung. Das Publikum gilt als schwierig und seine neueste Shakespeare-Inszenierung Richard III. bleibt unentschieden und mit einem irritierenden Schluss.

Von Karin Fischer

Staffan Valdemar Holm, Intendant Düsseldorfer Schauspielhaus (Sebastian Hoppe)
Staffan Valdemar Holm, Intendant Düsseldorfer Schauspielhaus (Sebastian Hoppe)
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Das ist ein irritierender Abend. Erst ist er irritierend laut und hysterisch. Dann irritierend rational und mathematisch. Zum Schluss irritierend philosophisch und berührend. Er ist irritierend viel. Und das ist vermutlich auch sein Problem.

Dabei haben der Düsseldorfer Intendant Staffan Valdemar Holm und Bühnenbildnerin Bente Lykke Moller, seine Frau, eine anschauliche und optisch einleuchtende Szene erschaffen. Eine dreiseitige, nach oben offene schwarze Schachtel fungiert als Schiefertafel, auf der die weitläufigen Verwandtschaftsverhältnisse der konkurrierenden Familien York und Lancaster in Stammbäumen samt aller Nebenfiguren des Stücks aufgeschrieben sind. Am Anfang sind schon acht Namen durchgestrichen, bis zum Ende kommen noch zwölf weitere dazu. Soviel zum Blutzoll dieses mörderischsten aller Shakespeare-Dramen.

Viele Stühle sind an den Wänden dieser Schachtel aufgereiht, Requisiten sind ein einziges Messer und ein langer Kreidestock, mit dem die Toten ausgestrichen werden. In diesem Probenraum oder Klassenzimmer findet tatsächlich fast nur eines statt: die Hohe Schule des Tötens. Die zehn Schauspieler, von denen einige bis zu acht Rollen übernehmen, liefern auch die Musik.

Zu Beginn summen sie ein Tänzchen, später den Krönungsmarsch, noch später werden sie von Richard qualvoll als ein Orchester von Terrorisierten dirigiert. Rainer Galke spielt einen massigen Herzog von Gloucester als täuschungsbereiten Schausteller und intriganten Schmeichler, er spielt lässig und vor allem schlau auf der Klaviatur von tränenreich bis loyal, von machthungrig bis jähzornig. Er kann in zig verschiedenen Arten lächeln oder grinsen; den hinkenden Gang und die hochgezogene Schulter setzt er dagegen nur manchmal ein, das sind dann seine ehrlicheren Momente; sie sind selten.

Patrizia Wapinska als Lady Anne flucht entschlossen, bevor sie an seine Brust sinkt, Claudia Hübbecker als Königin Elisabeth kotzt vor Angst, wenn sie an Richard als Vormund ihrer Kinder denkt, und Karin Pfammater als Margaret schreit sich fast heiser bei ihrem Fluch über den Herzog von Gloucester, relativiert die Szene dann aber mit ein paar Lockerungsübungen in den Schultern. Loyalität kann Leben kosten, und Töten kann unter Umständen sehr lange dauern, das ist die Botschaft, da hilft auch ein friedfertiges "We shall overcome" der kleiner gewordenen Restfamilie rein gar nichts.

Diese Bühne wird zur unübersichtlichen Todeslandschaft, das Stück zur Todesfuge, zum Schlachtfeld aus Worten, in dem röchelnd, zuckend, minutenlang gestorben wird. Die Lehrstunde übers Morden geht nach der Pause weiter. Lord Hastings wird gefühlte 1'30 lang gewürgt. Richard macht jetzt eher auf Adhoc-Intrige und Spontanlüge, ihm gehen die Mittel aus, bis er kurz vor Schluss in genialischer Gedankenverdrehung um Elisabeths Tochter wirbt.

Es gibt auch eine albern verwitzelte Szene, wenn sich alle demütig auf den Boden werfen, um Richard die Königskrone anzudienen. Später gehört die Bühne wieder den vier Frauen. Ganz zum Schluss, bei seinem berühmtesten Satz "Ein Pferd! Ein Königreich für ein Pferd" wirkt Richard wie ein Animateur vor einer Klasse gelangweilter Seminaristen, die ihn auch noch nachäffen. Dann tun sie, was sie von ihm gelernt haben: Sie ermorden ihn, jeder darf mal. Die Klasse emanzipiert sich von ihrem grausamen Lehrer und schafft mit Richard das Böse aus der Welt. Ein irritierender Schluss in einer Inszenierung, die unentschieden wirkt. Weil sie den ganzen Shakespeare ausspielt, seinen Sinn aber auf ein Schlachtfest reduziert. In der sprechenden Bühne viel Raum für Fantasie lässt, aber zu viel Frontaltext aufsagen lässt. Es bleibt der irritierende Eindruck, dass Shakespeare zu groß für eine Bühne ist.

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