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StartseiteTag für TagSchleiermacher und der Beginn der liberalen Theologie im Protestantismus22.01.2013

Schleiermacher und der Beginn der liberalen Theologie im Protestantismus

Gesprächsreihe zu Stationen des liberalen Protestantismus, Teil 2

Friedrich Schleiermacher (1768-1834) wird als evangelischer Kirchenvater des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Nach seinem neuen Verständnis von Religion als "Sinn und Geschmack für das Unendliche" ist Religion weder ein Wissen noch ein Tun. Er setzt an die Stelle der objektiven kirchlichen Lehrsätze eine moderne Erfahrungstheologie.

Theologieprofessor Matthias Kroeger im Gespräch Rüdiger Achenbach

Das zeitgenössische Porträt zeigt den evangelischen Theologen und Philosophen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834). (picture-alliance/dpa)
Das zeitgenössische Porträt zeigt den evangelischen Theologen und Philosophen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834). (picture-alliance/dpa)
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Rüdiger Achenbach: Herr Kroeger, gegen Ende des 18. Jahrhunderts lehnen immer mehr Bildungsbürger, vor allem Bildungsbürger, die überlieferten kirchlichen Gottesvorstellungen ab. Und ein junger Theologe, ein evangelischer Theologe, Friedrich Schleiermacher versucht nun darauf eine Antwort zu geben, in dem er die Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern herausgibt. Was damals – ja man kann sagen – eine Sensation gewesen ist.

Matthias Kroeger: Das ist auch ein Schritt in dem Aufbruch, der Mensch nimmt seinen Glauben, seine Religion selbst in die Hand und lässt sie sich nicht von der Kirche diktieren. Das ist der Zusammenhang. Und jetzt kommen wir an eine Generation, die ist inzwischen durch Sturm und Drang und durch die entstehende Romantik in Jena und Berlin mit geprägt. Die haben zwei ganz andere Punkte als die bisherigen genannten Personen einen Einstieg. Nämlich, ihr erster Gedanke ist, nur vernünftig zu denken, ist dürr und bringt alles, was lebendiges Leben ist, überhaupt nicht in Gang. Vernunft ist völlig ungenügend, um den Urgrund der Welt, den man auch religiös benennen kann, zu begreifen. Und das zweite ist, Menschen, die nur moralisch und ethisch denken, werden auf die Dauer unerträglich. Und deswegen grenzt sich diese Generation – der Schleiermacher, der Schelling, auch Goethe – ab von der Aufklärung. Und jetzt entsteht das, was man im klassischen Sinne die liberale Theologie nennt. Sie lehnen sich auf vernünftig und moralisch zu sein, das scheint ihnen dürr. Und dieser ganz neue Einsatz, der wird mit diesen Reden im Jahre 1799 durch Schleiermacher in Gang gesetzt und in die Öffentlichkeit gebracht.

Achenbach: Sie bringen jetzt das Gefühl ins Spiel.

Kroeger: Richtig. Jetzt ist es nicht mehr die Vernunft, sondern jetzt ist es das Gefühl als das Organ, mit dem das Göttliche begriffen wird. Beachten Sie: das Göttliche. Der Schleiermacher sagt nicht Gott, sondern das Göttliche. Und was ist das Göttliche? Er sagt, Religion zu haben oder Gefühl zu haben, heißt "Sinn und Geschmack für das Unendliche". Wer ein Gefühl für den Kosmos hat und für das Lebendige, das in jeder Pore dieser Welt zugange ist, der ist beteiligt an der Lebendigkeit des Kosmos und der ist beteiligt an der Lebendigkeit und Ursprünglichkeit des Göttlichen.

Achenbach: Das heißt ja auch: Steht in Einheit mit dem Unendlichen?

Kroeger: In Einheit mit dem Unendlichen, richtig. Und jetzt spielt derselbe Spinoza, der 20 Jahre vorher bei Lessing schon eine Rolle gespielt hat, eine große Rolle in dieser ganzen Generation, das ist bei Herder so, das ist bei Jacobi so, das ist bei Goethe so, das ist bei Schelling so, das ist der Name, in der Natur ist der Urbegriff der Lebendigkeit enthalten. Und religiös zu sein heißt, Sinn und Geschmack für den Kosmos, für die Natur, für das Unendliche in ihr zu haben.

Achenbach: Das heißt, hier ist der Gottesbegriff nicht mehr Kern der Religion, sondern das Gefühl von Gottesbewusstsein und Naturzusammenhang.

Kroeger: Jetzt kann man doppelt formulieren. Man entweder Ihnen zustimmen und sagen, in der Tat, denn das ist ein Schocksatz damals in den Reden von Schelling gewesen, nämlich: Religion kann genauso gut ohne einen Gott als mit einem Gott sein. Denn Gott, das ist nur die Vorstellung einer Gott-Person. Das Göttliche aber geht weit über Gott-Person und Metaphysik hinaus. Es ist der Inbegriff der Lebendigkeit des Kosmos und der Seele. Deswegen muss die Religion als eine eigene Provinz im Gemüte begriffen werden. Sie ist nicht etwas, was von der Vernunft abhängt, auch nicht etwas, was vom Gefühl abhängt, sondern sie ist eine ganz eigene. Und deswegen muss man begreifen, Gott als Person, ist etwas, was man denken kann – er bestreitet es nicht – aber man kann genauso oft und so gut ohne eine Gott-Person denken, denn die Gott-Person ist nur eine untergeordnete Denkform. Und das war ein Schock, indem er damals aussagt, es wird euch sicher irritieren, sagt er zu seinen Lesern, wenn ihr euch dies klar machen müsst. Manchmal ist man ohne Gott religiöser als mit Gott. Und das ist die Erneuerung des Spinoza- und das Lessingschocks von '85, wo diese Schrift veröffentlich worden war.

Achenbach: Sie haben es gerade angesprochen, Sinn und Geschmack für das Unendliche bei Schleiermacher, das bedeutet ja, Schleiermacher versucht klar zu machen, jeder Mensch kann dieses fühlen, jeder Mensch kann sich darauf einlassen. Und wenn er dies tut, dann fühlt er sich auch, wenn er Unendlichkeit und Ewigkeit erkennt, absolut abhängig. Und er hat es in einem weiteren Schritt noch einmal in eine andere Formulierung gebracht: Religion als Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit. Das heißt also auch, Religion als Gefühl der absoluten Abhängigkeit, würde man heute wahrscheinlich sagen.

Kroeger: Ja, darin stecken also, in dem, was Sie gesagt haben, zwei verschiedene Dinge. Das eine ist, völlig richtig zu sagen, Schleiermacher hat einen Religionsbegriff, der den ganzen Kosmos und jeden Menschen einbegreift. Und bevor er darüber spricht, was christliche Religion ist, nämlich in der 5. Rede, entfaltet er in der 2. Rede diesen Begriff der "Allgemeinen Religion". Und das ist auch eine dieser unglaublich bereichernden und erfreuenden, erweiternden Schritte, die die Abklärung oder in diesem Falle die liberale Theologie gemacht hat, einen allgemeinen Religionsbegriff vorauszusetzten, dem sich jeder Mensch zuordnen kann. Da wird nicht gesagt, du oder du bist religiös oder nicht, sondern jeder hat diese Möglichkeit und dieses Potenzial der kosmischen Empfänglichkeit in sich. Und dadurch ist eine ungeheure Erweiterung geschehen. Jeder Mensch kann sich darin zuordnen, darin zu Recht finden und hat seine Möglichkeit, sich dem zuzuordnen. Das ist das eine. Und das zweite ist, das ist dann in einer weiteren Schrift, in der Glaubenslehre, hat Schleiermacher diese Formierung, die Sie eben zitiert haben, von der "schlechthinnigen Abhängigkeit" benutzt. Ich glaube, dass heute verständlicher ist, wenn man diesen Begriff verstehen will, den Begriff zu wählen, den Schleiermacher in der Auslegung dieses Paragraphen 4 in der Glaubenslehre benutzt hat. Er sagt, ja, Frömmigkeit, das ist das Bewusstsein oder das Gefühl der "schlechthinnigen Abhängigkeit". In der Auslegung und im Verständlich-Machen des Paragraphen spricht er nicht von der Abhängigkeit sondern von der "schlechthinnigen Empfänglichkeit". Wir sind alle darauf angewiesen, dass uns etwas geschenkt wird und wir sind empfängliche Wesen, wenn wir uns von der Fülle der Gottheit, das heißt von der Fülle des Kosmos' und auch von der Fülle des seelischen Lebens beschenken lassen. Deswegen steht im Mittelpunkt nicht der Gottesbegriff bei ihm, sondern die Frömmigkeit als der Zentralbegriff. Und dieses, wir sind schlechthin empfängliche Wesen, wir sind darauf angewiesen, dass wir nicht alles moralisch machen können, sondern dass wir beschenkt werden mit Lebendigkeit und Leben und mit der Erfüllung und mit Segen und mit vielem anderen, das ist die Grunderfahrung von Religion.

Achenbach: Wenn wir das nun im Blick auf das Christentum sehen, also seine grundsätzliche Vorstellung von Religion, die jedem zugänglich sein kann, dann müsste die Offenbarung an dieser Stelle ja auch nicht mehr als äußerer Akt verstanden werden.

Kroeger: Nein, nicht als äußerer Akt. Aber das Christentum, sagt er, ist die Religion, in der verstanden wird, "wo alles bezogen wird auf die durch Jesu von Nazareth vollzogene Erlösung". Er sagt nicht, alles andere ist nicht Religion, wie übrigens in der gleichzeitigen Religionsphilosophie Hegels werden andere Religionen auf dem Wege der Gottfindung durchaus völlig anerkannt. Aber er sagt, das Christentum ist die Religion, in der Menschen sich bewusst machen, was die Gestalt Jesu für sie ist – in ihrem Gottesbewusstsein, in ihrer Empfänglichkeit oder in ihrer gebrochenen und unterbrochenen Empfänglichkeit, wo Menschen nämlich auf einmal nicht mehr wissen, dass sie empfängliche Wesen sind und beschenkt werden können und müssen, sondern wo sie auf einmal meinen, sie könnten alles tun und machen. Das ist das eigentlich Sündhafte am Bewusstsein, wenn man vergisst, dass man ein empfangendes Wesen ist. Und dies wird im Christentum dem Menschen zugänglich gemacht, dass Jesus die Gestalt ist, die uns hilft, dies, was allgemeine Offenbarung ist, in uns auch wirklich zu begreifen.

Achenbach: Also, das würde bedeuten, Jesus als vollkommenes Gottesbewusstsein hilft uns zu unserem Gottesbewusstsein. Und man müsste dann den Sündenbegriff nicht mehr ethisch verstehen, sondern könnte vielleicht sagen: Sünde ist gehemmtes Gottesbewusstsein.

Kroeger: Absolut, so kann man das ohne Einschränkung sagen. Das gehemmte Gottesbewusstsein ist nämlich, wenn wir unsere Empfänglichkeit, die eigentlich unsere Wahrheit ist – ich zweifle manchmal, ob der Begriff "schlechthinnige Abhängigkeit" heute hilfreich ist. Aber Schleiermacher benutzt ihn an der Stelle. Aber er sagt auch immer wieder die Empfänglichkeit ist es. Und wenn man dies begreift, dann versteht man, die Kostbarkeit, wenn das Empfangensbewusstsein unterbrochen und nicht wahrgenommen wird. Und deswegen ist das die eigentliche Sünde, wenn Menschen diese Grundkonstitution ihrer selbst nicht verstehen und begreifen. Und Jesus sagt ja, zum Beispiel im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner – oder da gibt es ja mehrere – vom verlorenen Sohn, das sind ja alles Geschichten, die illustrieren eben die Empfänglichkeit des Menschen als seine Wahrheit. Man könnte geradezu mit einem Satz, den 30 Jahre später Kierkegaard gesprochen hat: "Gottes Bedürfen ist des Menschen höchste Vollkommenheit", kann man genauso für Schleiermacher sagen.

Achenbach: Kann man sagen, dass das dann auch eine Form von Entwicklungsstufen ist. Zuerst erkennt man – sagen wir durch die natürliche Offenbarung die natürliche Religion im Sinn und Geschmack für das Unendliche und dann aus dem Christentum heraus hat man dann ein Offenbarungsverständnis, was im Grunde genommen ja sich dann auch unterscheidet von einem zu Naturalistischem…

Kroeger: Ich glaube, dass man aus Konsequenz von Schleiermachers Denken sagen könnte oder probieren könnte. Nach meiner Kenntnis hat er dieses Gedankenspiel "wie wäre es wenn" nicht vollzogen. Er hat sich mit den Formen früherer Religiosität in der Menschheitsgeschichte nach meiner Kenntnis nicht beschäftigt. Insofern lag ihm die Frage nicht nahe. Aber es läge in der Konsequenz von Schleiermacher, wenn man es so auffassen könnte.

Achenbach: Welche Rolle spielen in dem Zusammenhang dann die heiligen Schriften – die Bibel?

Kroeger: Sie sind alle Hilfen auf diesem Wege. Sie sind Dogmatisierungen dieser und jener Lehre, sondern sie sind erzählte Geschichten, die uns hineinnehmen in die Entfremdung unserer selbst, die uns klar machen, wir sind Menschen mit einem gebrochenen Gottesbewusstsein. Das ist eine Großtat damals gewesen. Lessing hat darüber nicht reflektiert. In dieser religiösen Dimension hat Kant auch nicht, er hat nur moralisch darüber reflektiert. Aber Schleiermacher hat in den Mittelpunkt gerückt: wir sind Menschen, die ein gebrochenes Gottesbewusstsein haben. Und wie finden wir wieder zur Einheit des Empfänglichkeitsbewusstseins? Das ist die Aufgabe, die er uns stellt, und das stellt er in den Mittelpunkt. – in der Tat.

Achenbach: Heißt das, der Glaube wird vorausgesetzt, um die Heilige Schrift verstehen zu können?

Kroeger: Der Glaube ist ein Unterwegssein mit Geschichten, mit Schriften, mit der eigenen Seele, mit der Provinz im eigenen Gemüte. Es ist die individuelle Geschichte und die Traditionsgeschichte, die sich begegnen. Und wenn eine Seele unterwegs auf ihrem Lebenswege eine biblische Geschichte liest, dann vermengen sie die beiden. So wie das Lessing schon gezeigt hat, sie regen sich gegenseitig an.

Achenbach: Man könnte vielleicht sagen, ohne das Bewusstsein der absoluten Abhängigkeit oder der absoluten Empfänglichkeit bleiben auch heilige Schriften irgendwann nur Buchstaben.

Kroeger: Richtig, nur wenn wir unsere eigene Religiosität in die Lektüre dieser Schriften hineinnehmen. Und damit verlieren sie auch völlig ihr Dogmatisches, sondern sie sind Welten, in die wir eintreten und die uns anregen zu begreifen, was der Grund unserer Seele ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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