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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchlüssellochperspektive auf das Ende der SED07.11.2013

Schlüssellochperspektive auf das Ende der SED

Soziologe präsentiert Forschungsarbeit in einem Theaterstück

Das Buch "Das Ende der SED" ist ein Verkaufsschlager unter den Fachbüchern zur Zeitgeschichte. Es basiert auf den Tonbandaufzeichnungen der letzten Sitzungen des Zentralkomitees der SED. Herausgeber Hans-Hermann Hertle hat das Material nun mit der Gruppe "theater 89" auf die Bühne gebracht.

Von Katja Hanke

DDR-Bürger demonstrierten am 4. November 1989 gegen ihren Staat auf dem Alexanderplatz in Berlin. (AP)
DDR-Bürger demonstrierten am 4. November 1989 gegen ihren Staat auf dem Alexanderplatz in Berlin. (AP)
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"Um es so drastisch auszudrücken, wie es die Lage erfordert: Die Massen - ja, ich nenne eine halbe Million oder eine ganze Million Menschen, die auf unseren Straßen sind, die Massen, - die Massen machen uns Beine und wir reden von unserer führenden Rolle dabei - noch eine grandiose Augenwischerei!"

So wie der Schriftsteller Hermann Kant sprechen einige Mitglieder des Zentralkomitees der SED auf der Tagung im November 1989 zum ersten Mal offen über die Krise. Bis dahin war das Gremium der Spitzenfunktionäre lediglich eine schweigende Menge, die sich die geschönten Reden der Führung anhörte und brav abnickte. Im November wird endlich diskutiert. Das belegen Tonbandmitschnitte der letzten Tagungen des ZK. Die Gesprächsprotokolle erschienen schon vor einiger Zeit unter dem Titel "Das Ende der SED" als Buch, das mittlerweile ein Klassiker für Zeithistoriker ist. Veröffentlicht hat es der Sozialwissenschaftler Dr. Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

"Die Protokolle gewähren sozusagen eine Schlüssellochperspektive auf die Art und Weise, wie die SED intern und abgeschottet von der Öffentlichkeit auf das reagierte, was sich auf den Straßen ereignete, auf den Demonstrationen."

Gerade weil die Protokolle nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren, seien sie ein einzigartiges Zeugnis über den Untergang der SED, so Hertle.

Von ihm stammt auch die Idee zum Theaterstück, das auf den Protokollen basiert. Die Aufführungen sind unregelmäßig, meist an geschichtsträchtigen Orten. Die allererste fand zum Beispiel im Europasaal des Auswärtigen Amtes in Berlin statt, genau dort, wo das ZK bis 1989 tagte. Letzte Woche wurde das Stück im überdachten Innenhof der Leibniz-Gemeinschaft gezeigt, die mit hinter dem Projekt steckt.

"Der Speicherschaltkreis 256 kbit, das ist der, der jetzt groß angekündigt in die Produktion gegangen ist, der kostet bei uns, reine Kosten, 534 Mark. Der Weltmarktpreis beträgt gegenwärtig vier bis fünf Valuta-Mark, vier bis fünf Valuta-Mark, Genossen. Milliarden über Milliarden sind falsch eingesetzt worden."

Zerfall der monolithischen Strukturen

Rund 200 Personen sitzen im Publikum, ungefähr so viele, wie es Mitglieder im Zentralkomitee gab. Vor ihnen sitzen die Schauspieler an einem langen Tisch: acht Männer und Frauen, bleich geschminkt und in aschgrauen Anzügen. Einige treten ans Rednerpult, werden aber immer wieder von Zurufen aus der Menge unterbrochen. Gerade diese Zwischenrufe, diesen ersten Widerstand, fand Hans-Hermann Hertle besonders spannend.

"Und das ist das Interessante, zu sehen, wie die monolithischen Strukturen dieser Partei, diese zentralistischen Strukturen, die ganz streng von oben nach unten durchgestellt wurden, wie diese inneren Strukturen, auf denen die Macht der SED mit beruhte, zerfallen. Das ist aufregend im Buch anhand der Protokolle zu verfolgen und es ist emotional noch viel stärker, wenn wir es im Theater erleben."

Inszeniert hat das Stück "theater89", eine freie Gruppe, die sich im Frühjahr 1989 gegründet und sich seitdem viel mit der Wende beschäftigt hat. Hans-Hermann Hertle hat das Projekt wissenschaftlich begleitet. Die Idee, die Protokolle als Theaterstück zu präsentieren, lag für ihn nahe.

"Sie hat sich daraus entwickelt, dass die erste Sitzung, die auch im Theater gespielt wird, vom 18. Oktober 1989, auf der Erich Honecker seinen Rücktritt erklärt, inszeniert war, wenn sie so wollen eine interne Inszenierung für das Zentralkomitee. Er war gestürzt worden und wurde dann dazu veranlasst, seinen Rücktritt mit gesundheitlichen Gründen zu begründen. Das war zwar auf der einen Seite ein historisches Wortprotokoll, aber schon von Beginn an auch Dokumentartheater."

Hertle hat über die Berliner Mauer promoviert, viele Sachbücher darüber geschrieben und Hörfunkfeatures sowie Filme produziert. Er ist geübt darin, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse unter die Leute zu bringen.

"Es ist natürlich so, dass ich, wenn es gelingt, diese Wortprotokolle auf die Bühne zu bringen und effektiv zu inszenieren, dass ich damit ein viel breiteres Publikum erreichen kann als jetzt das rein fachwissenschaftliche oder nur politisch interessierte Publikum."

20 Stunden Tonmaterial auf 90 Minuten verkürzt

Er findet, dass ein Theaterstück nicht nur sehr gut zu den Protokollen passt, sondern sie auch ergänzt.

"Das Theater geht weiter, weil es prägnanter ist, weil es vereinfacht, weil es auch natürlich den Ablauf der Sitzungen verkürzt."

Aus 20 Stunden Tonmaterial haben er und theater89 rund 90 Minuten ausgewählt - vor allem kritische Redebeiträge der jüngeren ZK-Mitglieder. Aber auch einige Beschwichtigungsversuche der älteren sind dabei. Manche Szenen wirken sogar komisch, wenn zum Beispiel der Kulturminister mitten in der Diskussion über die vielen Ausreisewilligen ans Rednerpult tritt und fragt:

"Lieber Genosse Krenz, wollen wir uns nicht doch einmal überlegen, ob wir nicht nur in Teilen der DDR, sondern überall in der DDR das sowjetische Fernsehen empfangen können?"

Jedes Wort, jeder Zwischenruf ist so wie auf den Tonbändern. Für die Theateraufführung hat der Regisseur Hans-Joachim Frank zusätzlich bekannte DDR-Lieder eingebaut, die ein Chor zwischendurch singt. Außerdem sprechen die Schauspieler natürlich viel emotionaler als es die meisten SED-Kader taten.

"Wir sind uns doch darüber einig, dass Egon die Erklärung des Politbüros hier weiter prinzipiell ausgebaut hat. Das Schlimmste, was uns jetzt passieren kann, sind primitive Antworten auf komplizierte Fragen."

Dass die Originaltöne nüchterner und sachlicher klingen, und die Schauspieler mit ihren Stimmen zusätzlich Dramatik erzeugen, ist dem Regisseur Hans-Joachim Frank bewusst.

"Nicht, dass wir das jetzt vordergründig dramatisieren, sondern es kommt daher, dass sich die Kollegen natürlich damit auseinandersetzen, und dass viel von ihrer eigenen Biografie da einströmt und das lässt einen nicht leidenschaftslos. Mal ganz davon abgesehen, dass man auch zwei Stunden lang monoton sprechende Leute nicht erträgt. Ich glaube schon, dass die Situation an sich hochdramatisch war, auch wenn sie vielleicht in den Tondokumenten nicht ganz so klingt."

Theater kann dokumentarisches Material interessant aufarbeiten

Wissenschaftliche Fakten und Theater, das ist auch für ihn eine gute Kombination.

"Also, wenn ich das Buch so sehe, dann glaube ich nicht, dass es allzu viele Leute gibt, die das freiwillig lesen. Und ich zähle zu diesen Leuten. Aber wenn man das den Leuten auf dem Theater vorführt, dann ist es auch eine gefilterte, sehr verkürzte Variante. Und ich glaube, dass das Theater, da es ein sehr lebendiges Medium ist, dass es durchaus in der Lage ist, Wissenschaft, überhaupt Faktenmaterial, dokumentarisches Material interessant und dramatisch aufzubereiten."

Aber auch die Originaltöne, so dachte Hans-Hermann Hertle, könnten ein größeres Publikum interessieren. Deshalb hat er einige ausgewählt, kommentiert und in den historischen Ablauf eingeordnet und nun die CD "Der Sound des Untergangs" veröffentlicht.

"Die CD bietet praktisch das nüchterne Material für diejenigen, die zeitgeschichtlich interessiert sind und sich für die direkten Akteure interessieren, wer dort in welcher Art und Weise aufgetreten ist."

Für ein Publikum also, das sich nicht auf der Webseite des Bundesarchivs, wo die Originalaufnahmen zu finden sind, durch ellenlange Reden hören möchte, sondern eine Auswahl der interessantesten Beiträge bevorzugt. Komprimiert, aber unverfälscht.

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