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StartseiteKommentare und Themen der WocheRobert Habeck macht einen Fehler07.01.2019

Schluss mit Twitter und FacebookRobert Habeck macht einen Fehler

Ein Schriftsteller und Politiker wie Grünen-Chef Robert Habeck müsse in der Lage sein, mit Worten richtig und verantwortungsvoll umzugehen - auch bei Twitter und Facebook, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern. Sich von den sozialen Netzwerken abzumelden, sei trotz nachvollziehbarer Gründe eine Überreaktion.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Grünen-Chef Robert Habeck (imago )
Sozialen Medien seien aus der politischen Kommunikation nicht mehr wegzudenken, meint Barbara Schmidt-Mattern (imago )
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Alles war so schön geplant: Mit symbolträchtigen Bildern und frisch von der Weihnachtspause erholten Spitzenpolitikern wollten die Grünen das neue Wahl-Jahr einläuten. Als Tagungs-Ort für ihre Bundes-Vorstandsklausur wählten sie Frankfurt an der Oder, die Europa-Stadt schlechthin, und auch noch in Ostdeutschland gelegen – geradezu perfekt also, um ein Zeichen zu setzen.

Denn gleich mehrere entscheidende Abstimmungen werfen ihre Schatten voraus: Erst im Mai die Europawahl, bei der die Grünen für mehr Klimaschutz, die Stärkung des Rechtsstaats und für mehr soziale Gerechtigkeit werben wollen. Dann im Herbst die Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen. Ein Lackmustest für die im Osten traditionell schwache Ökopartei.

Die Parteispitze um Annalena Baerbock und Robert Habeck ist sich dessen schon lange bewusst - auch deshalb warnten beide selbst nach den fulminanten Wahlsiegen in Hessen und Bayern kürzlich vor allzu viel Hurra-Gefühl.

So gesehen ist es abenteuerlich, dass nun ausgerechnet dem Parteichef selbst ein Riesen-Fauxpas bei Twitter unterläuft, und das schon zum zweiten Mal: Erst unterstellte der gebürtige Schleswig-Holsteiner den Bayern ein Demokratie-Defizit, jetzt den Thüringern – ein Land, in dem die Grünen selbst mitregieren. "Wie dumm muss man sein, einen Fehler zweimal zu begehen?", fragt Habeck jetzt selbstkritisch.

Recht hat er. Seine Motive – fehlende Konzentration, der raue polarisierende Tonfall bei Twitter – spielen am Tag nach den verbalen Ausrutschern kaum noch eine Rolle, die Konsequenzen aber schon.

Entscheidung persönlich durchaus nachvollziehbar

Mit der Ankündigung, sein Twitter- und sein Facebook-Konto zu löschen, löst der Parteichef gleich eine neue Welle der Kritik aus. Dabei ist seine Entscheidung persönlich durchaus nachvollziehbar: Die gesamte Familie Habeck zählt zu den Opfern des jüngsten groß angelegten Datendiebstahls. Ihre Nachrichten und Fotos wurden veröffentlicht.

Ein solch gravierender Angriff auf die Privatsphäre dürfte wohl die meisten der betroffenen Politiker, Journalisten und Künstler des Datendiebstahls zum Nachdenken bringen, zumal bisher nicht konkret bekannt ist, mit welchen Maßnahmen die Bundesbehörden die Cybersicherheit verbessern wollen.

Dass aber Robert Habeck derart drastisch reagiert und sich aus den sozialen Netzwerken ganz verabschiedet, ist ein Fehler. Ein Schriftsteller und Politiker muss in der Lage sein, mit Worten richtig und verantwortungsvoll umzugehen. Auch bei Twitter und Facebook.

So sehr diese Netzwerke manchmal nerven mit ihren aggressiven, nervösen oder auch albernen Inhalten – sie sind Bestandteil der politischen Kommunikation geworden. Manche Wähler sind fast nur noch dort überhaupt zu erreichen.

Twitter und Co. nicht Trump und den Rechten überlassen

Hinzu kommt, dass man Twitter und Co. nicht allein Figuren wie Donald Trump und der Rechten in Europa überlassen darf. Anstatt also auszusteigen, sollten Habecks missratene Tweets eher Anlass sein, das gesprochene und geschriebene Wort in Zukunft besser und sorgfältiger zu überprüfen.

Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, geboren in Kiel, studierte Anglistik, Theater- und Literaturwissenschaft in Erlangen, Dublin und Köln. Im Anschluss beendete sie 2002 ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und schrieb zunächst u. a. für die "Süddeutsche Zeitung". 2003-2010 war Schmidt-Mattern als Redakteurin im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunk für die Europa- und Außenpolitik zuständig. Danach folgten fünf Jahre als Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen. Seit 2015 berichtet sie aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima und Grüne.

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