Dienstag, 19.01.2021
 
Seit 13:56 Uhr Wirtschaftspresseschau
StartseiteKultur heuteSchmauder: Die Krim ist Drehscheibe zwischen Asien und Europa04.07.2013

Schmauder: Die Krim ist Drehscheibe zwischen Asien und Europa

Kurator der Krim-Ausstellung im Bonner Landesmuseum hebt besondere Fundstücke hervor

Ein chinesisches Lack-Kästchen aus dem 1. Jahrhundert nach Christus sei die "absolute Sensation" in der Ausstellung über die Krim im Bonner Landesmuseum, sagt Kurator Michael Schmauder. Denn niemand habe gedacht, dass diese Arbeiten auf die Krim gelangt seien.

Michael Schmauder im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Das Rheinische Landesmuseum in Bonn (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
Das Rheinische Landesmuseum in Bonn (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)

Burkhard Müller-Ullrich: 2000 Kilometer südöstlich von Deutschland liegt die Krim, die Halbinsel im Schwarzen Meer, eine mediterran anmutende Ferienregion heute und auch schon zu Sowjetzeiten; heute gehört die Krim zur Ukraine. - Sie aber, Michael Schmauder, zeigen im Landesmuseum Bonn eine Krim-Ausstellung, die historisch weit ausholt und uns zurückführt bis in welche Zeit?

Michael Schmauder: Ja. Unsere Ausstellung beginnt mit den Griechen im sechsten Jahrhundert vor Christus, mit der Kolonisierung, die dort stattfindet durch die Griechen und die eigentlich die Krim das erste Mal dann auch in den Fokus der historischen Überlieferung bringt.

Müller-Ullrich: Da war in Griechenland schon Thales von Milet zugange, der Mathematiker, der schon eine Sonnenfinsternis vorausgesagt hat. Das heißt, wir haben es mit einer Kulturbegegnung zu tun, mit einer Hochkultur. Wer lebte denn ursprünglich auf der Krim?

Schmauder: Auf der Krim lebten ursprünglich im nördlichen Bereich die Skythen, auch in den Schwarzmeer-Steppenregionen, und dann das indigene Volk der Taurer, also ein Volk, das vor allem in den Gebirgen der Krim gelebt hat. Aber ganz wichtig als politische Größe sind die Skythen, die dann auch bald schon mit den Griechen in Kontakt kommen.

Müller-Ullrich: Von den Taurern weiß man ein bisschen wegen Goethe, wegen Iphigenie auf Taures. Wer waren die Skythen, wer waren die Taurer?

Schmauder: Von den Taurern wissen wir archäologisch relativ wenig. Das ist so ein Volk, das wirklich nach wie vor noch im Dunkeln steht, und wir haben von denen wenige Grabfunde, die ganz schwer anzusprechen sind. Die Skythen kennen wir viel besser. Wir kennen sie aus der historischen Überlieferung durch Herodot, der ja als Erster einen ethnologischen Exkurs schreibt, und den schreibt er genau über die Skythen. Und wir kennen auch sehr viele skytische Grabfunde und das Gold der Skythen ist natürlich sagenhaft, und ein bisschen davon ist auch bei uns im Landesmuseum zu sehen.

Müller-Ullrich: Fokussieren Sie sich denn dabei auf die Antike oder ziehen Sie die Zeitachse bis in spätere Zeiten?

Schmauder: Wir gehen von der Antike bis ins frühe Mittelalter, das heißt bis ungefähr in die Zeit des 6. und 7. siebten Jahrhunderts nach Christus, bis zu den Krim-Goten.

Müller-Ullrich: Wenn wir noch mal zu den Anfängen kurz zurückkehren – da gab es dieses reiternomadische Volk der Skythen, die hatten keinen festen Wohnsitz; es gab andererseits – und die Krim ist ja groß genug, um sozusagen diese Kulturbegegnung zu ermöglichen – schon richtige griechische Städte.

Schmauder: Ja. Es wurden richtige griechische Städte gegründet, richtige Polleys, wie wir die auch aus Griechenland kennen, mit einer Agora, mit einer Akropolis, mit dem Theater, das dazugehört. Also alles, was wir aus Griechenland kennen, findet sich auf der Krim auch. Und wir haben die Skythen, die überwiegend nicht sesshaft leben, sondern mit ihren Herden jahreszeitlich von Weideplatz zu Weideplatz ziehen, die wir uns aber natürlich durchaus nicht als Barbaren vorstellen müssen, sondern als Menschen, die ihre Lebensweise ideal an die naturräumlichen Rahmenbedingungen angepasst haben.

Müller-Ullrich: Man hört ja von diesem ganzen Bereich nicht wahnsinnig viel. Auch von archäologischen Ausgrabungen und so ist nicht so viel wie von anderen Gebieten die Rede. Ist denn dort viel im Gange?

Schmauder: Ja. Vor Ort ist sehr viel im Gange. Es ist einfach so: Wir leben quasi immer noch auf dem Stand der frühen 90er-Jahre, der Raum ist nicht wirklich im Fokus Europas, das muss man einfach sagen, obwohl er ein Zentralraum Europas war über Jahrtausende. Die Krim ist die Drehscheibe zwischen Asien und Europa, kulturell gesehen, und es wird sehr viel ausgegraben. Es kommen wunderbare Funde zum Vorschein und wir sind sehr, sehr froh, dass wir im Landesmuseum viele dieser Neufunde aus den letzten 15, 20 Jahren überhaupt das erste Mal außerhalb der Krim zeigen können.

Müller-Ullrich: Geben Sie mal ein paar Beispiele? Was können Sie zeigen und wie zeigen Sie es?

Schmauder: Wir zeigen es, denke ich, sehr nah am Objekt. Das Objekt steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Und wir versuchen natürlich, die Inhalte sehr gut zu vermitteln. Ich kann nur erwähnen: Wir haben chinesische Lack-Kästchen. Das ist eine absolute Sensation. Es gab die westlichsten Funde bisher aus der Mongolei und aus Afghanistan und niemand hat damit gerechnet, dass tatsächlich diese Arbeiten aus dem ersten Jahrhundert nach Christus über die Seidenstraße bis auf die Krim gelangten. Das sind absolute sensationelle Stücke und wir sind sehr froh, dass wir das Glück hatten, auch einen ganz berühmten Lack-Meister in Bonn begrüßen zu können, den Herrn Kitamura, der in Japan als ein lebender Nationalschatz gilt und der uns gestern eine Replik eines dieser Kästen mitgebracht hat.

Müller-Ullrich: Gab es eigentlich in dieser Frühzeit auch schon Weinbau auf der Krim, weiß man das?

Schmauder: Ja. Die Griechen haben gerade in Chersones – das ist bei Sewastopol; übrigens hat Chersones in der vorletzten Woche den Status des Weltkulturerbes erlangt -, in Chersones gab es richtig große Weinanbaugebiete.

Müller-Ullrich: Michael Schmauder, vielen Dank für die Auskünfte - wir sprachen über die von Ihnen kuratierte Ausstellung "Die Krim – Griechen, Skythen, Goten" im Landesmuseum Bonn.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk