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StartseiteHintergrundSchmerzvolle Tradition05.02.2008

Schmerzvolle Tradition

Der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland und Frankreich

Weltweit mussten nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO 170 Millionen Frauen eine Verstümmelung ihrer Genitalien erleiden. Die meisten leben in Afrika, doch nicht in jedem afrikanischen Land ist der archaische Ritus verbreitet. Aktivisten kämpfen auch in Deutschland und Frankreich gegen die weibliche Genitalverstümmelung, wobei die rechtliche Lage in beiden Ländern unterschiedlich ist.

Eine Sendung von Suzanne Krause und Stefan Maas

Ein Opfer kann in Frankreich bis zum 38. Lebensjahr Anzeige erstatten, wenn es als Minderjährige verstümmelt wurde. Auch bei Taten im Ausland. (AP)
Ein Opfer kann in Frankreich bis zum 38. Lebensjahr Anzeige erstatten, wenn es als Minderjährige verstümmelt wurde. Auch bei Taten im Ausland. (AP)

Schatten verfolgen Anissa. Kreisen sie ein. Das Mädchen fällt zu Boden, die Schatten - Frauen - erheben sich drohend, bevor sie sich auf das Mädchen stürzen.

Anissa wird beschnitten. Gegen ihren Willen. Aber so ist es Tradition. Dabei wollte das Mädchen, das heute in Deutschland lebt, nur die Hochzeit ihrer Schwester im Heimatland der Eltern feiern.

Die Szene, die die jungen Frauen in einer Theatergruppe in Frankfurt üben, ist für viele Mädchen weltweit Realität. Auch wenn sie mit ihren Eltern nicht mehr in der alten Heimat leben, bleiben sie von der Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung bedroht.

Die Organisation Terre des Femmes, die sich weltweit unter anderem gegen weibliche Genitalverstümmelung engagiert, schätzt, dass in Deutschland etwa 19.000 betroffene Frauen leben und 4000 bis 5000 Mädchen gefährdet sind. Vorwiegend stammen die Familien aus afrikanischen Ländern.

Mit ihrem Theaterstück wollen die jungen Frauen im Alter zwischen 14 und 19 aufklären. Denn auch in den afrikanischen Gemeinden hierzulande ist das Thema oft noch ein Tabu, auch wenn sich zunehmend Frauen dagegen engagieren. Isabelle Ihring von der Organisation Germany Forward, die mit ihrer Kollegin das Projekt leitet, erklärt, warum sie gerade die Theaterform für eine gute Art der Aufklärung hält.

"Also, was ich schön finde am Theater, ist, dass es die Schwere herausnimmt. Teilweise fand ich auch die Arbeit in Afrika immer deshalb so interessant, weil nämlich die Leute extrem offen mit dem Thema umgegangen sind und da auch nie extreme Traurigkeit oder extreme Schwere mitverbunden war. Ich finde, das ist gerade im Theater ganz gut und auch wie die Mädels damit umgehen."

Die jungen Frauen sind in Deutschland aufgewachsen. Ihre Eltern kommen aus Eritrea. In dem kleinen ostafrikanischen Land am Roten Meer sind nach UNICEF-Angaben 90 Prozent der Frauen betroffen. Erst im vergangenen Jahr wurde ein Gesetz erlassen, das die Tradition verbietet.

Wie haben sie von weiblicher Genitalverstümmelung erfahren? Wird darüber in ihren Familien gesprochen?

Semha: "Anfangs habe ich nur über Bücher, die ich gelesen hatte, mehrere Informationen über dieses Thema bekommen, weil ich vorher nicht so viel wusste, weil es auch kein übliches Thema ist, das man einfach so in der Gruppe anspricht. Ich war anfangs auch sehr schockiert, zumal ich nicht wusste, dass es das überhaupt gibt. Deswegen fand ich es gut, dass wir uns als Gruppe zusammengetan haben, weil man das dann viel aktiver mitbekommt."

Banha: "Im Fernsehen laufen ja auch einige Male Dokumentationen darüber, und wenn man dann halt in der Familie sitzt und es gemeinsam anschaut, da wird es jetzt aber auch schon einmal diskutiert. Die Eltern versuchen zwar, es nicht schönzureden, aber versuchen den Kindern zu erklären, weshalb es so gemacht wird. Aber ich denke nicht, dass es ein Alltagsthema in Familien ist."

Weltweit, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO, sind 170 Millionen Frauen betroffen - die meisten leben in Afrika, aber nicht in jedem afrikanischen Land gibt es weibliche Genitalverstümmelung. Wann die Frauen beschnitten werden, variiert von Region zu Region - manchmal wird der Eingriff bereits im Alter von wenigen Tagen oder Wochen vorgenommen, in anderen Regionen ist er Initiationsritus für den Eintritt ins Erwachsenenleben. Auch die Art der Beschneidung unterscheidet sich regional.

In manchen Gegenden werden den Mädchen die Klitoris und die inneren Schamlippen teilweise oder ganz abgetrennt. Bei der pharaonischen Beschneidung oder Infibulation werden zusätzlich die äußeren Schamlippen entfernt. Anschließend wird das Mädchen zugenäht - alles was bleibt, ist eine winzige Öffnung.

In Deutschland ist das Wissen darüber noch sehr lückenhaft, selbst in den medizinischen Berufen, sagt der Gynäkologe Dr. Christoph Zerm, vom Vorstand des Vereins FIDE - Frauengesundheit in der Entwicklungszusammenarbeit.

Eine Umfrage unter Gynäkologen im Jahr 2005 hatte ergeben, dass sich viele mehr Informationen wünschen - auch über den richtigen Umgang mit einer betroffenen Patientin:

"Man muss sich einfach vorstellen, die Frau trifft in einem anderen Kulturkreis auf einen Professionellen, der dann entweder Empörung äußert oder Vorwurf oder irgendein unangemessenes Überinteresse, was vielleicht sogar dazu führt, dass noch andere Menschen hinzugezogen werden, denen das vorgeführt werden soll. - Alles das ist entwürdigend."

Die Frau verliert sofort das Vertrauen. Aus Angst vor weiterer Demütigung geht sie in Zukunft vielleicht gar nicht mehr zum Arzt. Deshalb hat Christoph Zerm einen Leitfaden für den Umgang mit genitalverstümmelten Frauen geschrieben und fordert, das Thema FGM - kurz für Female Genital Mutilation - weibliche Genitalverstümmelung - zur Pflicht in Studium und Ausbildung zu machen, um angehende Mediziner dafür zu sensibilisieren.

Ihnen kommt aber auch eine entscheidende Rolle zu, wenn es darum geht, Mädchen vor Verstümmelung zu schützen. Die Forderung einiger Politiker, wegen der zunehmenden Zahl öffentlich gewordener Kindesmisshandlungen die Vorsorge-Untersuchungen in den ersten Lebensjahren zur Pflicht zu machen, unterstützt deshalb auch Christoph Zerm. Er plädiert außerdem dafür, bei allen Kindern verpflichtend die Genitalien zu untersuchen, schon, um keine Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht zu stellen, Genitalverstümmelungen aber sofort zu erkennen.

Und zu melden. Sagt Franziska Gruber, Referentin für weibliche Genitalverstümmelung bei Terre des Femmes:

"Wir plädieren insofern für eine Meldepflicht, dass Ärzte und Ärztinnen, die eine bereits vorgenommene Genitalverstümmelung an einem Mädchen feststellen, verpflichtet werden sollen, diese an das Jugendamt zu melden. Dann muss festgestellt werden: Ist die Verstümmelung passiert, bevor die Familie nach Deutschland gekommen ist, oder ist die Verstümmelung passiert in der Zeit, in der die Familie bereits in Deutschland war?"

Für den Laien vielleicht nicht die wichtigste Frage - eine entscheidende aber für die Staatsanwaltschaft. Denn noch gibt es in Deutschland nicht den eigenen Straftatbestand der Genitalverstümmelung, den viele Anti-FGM-Aktivisten fordern. Unter ihnen auch Franziska Gruber von Terre des Femmes:

"Das schafft Rechtsklarheit. Gleichzeitig ist es auch die Voraussetzung dafür, dass eine im Ausland, z.B. in den Ferien im Heimatland der Eltern begangene Genitalverstümmelung von Deutschland aus geahndet werden kann. Dies ist im Moment rechtlich kaum möglich."

Denn die weibliche Genitalverstümmelung fällt derzeit unter gefährliche Körperverletzung - unter Umständen unter schwere Körperverletzung. Das Problem ist allerdings: Die Körperverletzung, die außerhalb Deutschlands stattgefunden hat, ist nicht mehr Sache der deutschen Staatsanwaltschaft und bleibt daher ungeahndet.

Genitalverstümmelungen, die in Deutschland stattgefunden haben, könnten schon jetzt verfolgt werden. Noch ist es aber in keinem Fall zu einer Verurteilung gekommen. Dabei gaben bei einer bundesweiten Umfrage von Terre des Femmes, UNICEF und dem Berufsverband der Frauenärzte, rund 10 Prozent der befragten Gynäkologen an, von einer in Deutschland vorgenommenen Beschneidung gehört zu haben. Aus Mangel an Beweisen wurden alle Fälle wieder eingestellt. Denn es fanden sich keine Zeugen - auch aus Angst vor Verurteilung.

Ein eigener Straftatbestand hätte deshalb noch einen anderen Vorteil, sagt Dr. Christoph Zerm:

"Das hilft manchmal den Eltern selber. Denn häufig sind es gar nicht die Eltern, die dann da eben was vornehmen lassen wollen, sondern es ist der Druck aus dem Ursprungsland oder von Verwandten auch hierzulande, die dann mehr drängen als die Eltern selber."

Noch aber zögern die Politiker, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, was umso erstaunlicher scheint, weil das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit bei der Unterstützung von Projekten im Ausland sehr engagiert ist.

Diese Zurückhaltung bei der Umsetzung in Deutschland erstreckt sich auch auf andere Kernforderungen der Anti-FGM-Aktivisten: Zum einen: dem Thema "Aufklärung gegen weibliche Genitalverstümmelung" Raum in den Integrationskursen zu geben. Zum anderen die Unterstützung und Finanzierung eines nationalen Referenzzentrums. Eine zentrale Anlaufstelle, an die sich Betroffene wenden können auf der Suche nach Hilfe in ihrer Nähe. Aber auch ein Anlaufpunkt für Mediziner, Pädagogen, Polizei und Justiz, die mehr über den Umgang mit Betroffenen lernen wollen. Zwar gab es dazu im vergangenen September eine Anhörung im Familienausschuss des Bundestages. Politische Konsequenzen sind aber bisher ausgeblieben. Und so richten die deutschen Aktivisten zum morgigen internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung ein wenig neidisch den Blick auf das Nachbarland Frankreich, das im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung Jahre voraus ist:

In der Sprechstunde bei Pierre Foldès klingelt das Telefon sehr häufig. Aus der ganzen Welt rufen ihn Frauen an, denn der Chirurg hat eine Technik entwickelt, um eine verstümmelte Klitoris wiederherzustellen. Sechzig bis achtzig Patientinnen im Monat operiert Pierre Foldès in einer Klinik in Saint-Germain-en-Laye, nahe Paris.

"Die Technik ist im Prinzip ganz einfach, es handelt sich um einen Akt der reparativen Chirurgie. Das verstümmelte Organ, in diesem Fall die Klitoris, existiert noch, es wurde nur verletzt. Die Klitoris ist von einer im allgemeinen sehr dicken Narbe überzogen und sie wurde verschoben. Bei der Operation wird die Klitoris wieder freigelegt, die Narbe entfernt und das Organ so natürlich wie möglich nachgeformt, mit den Nerven, den Blutgefäßen. Und es wird an seinen anatomisch normalen Platz versetzt."

Ein bis eineinhalb Stunden dauert der Eingriff, berichtet Nana Camara aus eigener Erfahrung. Die Enddreißigerin stammt aus Mali. Sie ist ein Baby, als ihre Großmutter sie in Bamako zu einer traditionellen Beschneiderin bringt. Als 13-Jährige kommt sie mit ihren Eltern nach Frankreich. Und versteht bald, dass ihr Körper anders ist als der ihrer neuen, weißen Freundinnen.

"Für mich war diese Entdeckung kein Schock - anders als bei vielen jungen Afrikanerinnen, die im Westen aufwachsen. Denn ich hatte das Glück, mit meinen Eltern offen darüber reden zu können. Sie erklärten mir, dass nicht alle Frauen überall in der Welt beschnitten sind. Aber das dies halt zu unserer Kultur gehöre. Sie sagten, dass nicht alle Menschen derselben Kultur angehören. So war ich meinen Eltern nicht böse, ich fand es normal, es gehörte halt zu meiner Kultur."

25 Jahre später hat Nana Camara ihr Verständnis für diese "kulturelle Eigenheit" verloren. Mittlerweile arbeitet die Malierin in der Jugendberatungsstätte einer Trabantensiedlung nahe Paris. Dort trifft sie häufig auf die Töchter schwarzafrikanischer Einwanderer, die längst nicht so gelassen mit ihrem Schicksal als Verstümmelte umgehen, wie Nana es tut. Heute kämpft Nana gegen die Klitorisverstümmelung und rät allen Betroffenen zur Operation bei Doktor Foldès.

2500 Frauen hat Pierre Foldès nach eigenen Angaben bisher ihre Weiblichkeit zurückgegeben, wie er es nennt. Neben der Operation gehört dazu auch eine psychologische Therapie.

Die Zahl der Kliniken im Land, die diese "operative Reparatur" anbieten, steigt ständig. Ehrenamtlich bildet Foldès andere Ärzte aus, auch Kollegen aus Afrika. Der Mediziner ist von dem Wunsch beseelt, verstümmelten Frauen ein nach westlichen Vorstellungen normales Leben zu ermöglichen. Davon hätte vor neunundzwanzig Jahren noch niemand zu träumen gewagt.

1979 erschüttert der Fall der kleinen Bobo ganz Frankreich: Die Tochter afrikanischer Einwanderer ist nach einer Beschneidung in einem Pariser Vorort verblutet - Bobo war drei Monate alt.

Emmanuelle Piet erinnert sich sehr genau an den Fall. Die feministische Medizinerin arbeitet im Norden der Hauptstadt, in einer Gegend mit hohem Migrantenanteil. Dort unterstehen ihr die Vorsorgeeinrichtungen für Kleinkinder und die Zentren für Familienplanung. Bobos Tod brachte einen Stein ins Rollen, meint Emmanuelle Piet, die heute landesweit als Expertin für die Klitorisverstümmelung gilt.

"Bobos Eltern wussten, dass die Beschneidung verboten ist und aus Angst vor Scherereien zögerten sie lange, ihre Tochter ins Krankenhaus zu bringen. Zu lange. Die Sozialdienste in der Gemeinde haben nach dem Drama sofort Präventionsarbeit gestartet. Zum einen haben Sozialarbeiter afrikanische Einwanderer darüber aufgeklärt, dass die Beschneidung gefährlich ist, dass sie in Frankreich verboten ist. Dass sie schwere gesundheitliche Auswirkungen hat. Zum anderen haben sie auch erwirkt, dass Fälle von Verstümmelung behördlich gemeldet werden."

Maßnahmen, die Emmanuelle Piet sehr schnell in ihrem Département übernimmt und ausweitet. 1982 stehen Bobos Eltern vor Gericht, werden aber freigesprochen. Linda Weil-Curiel ist bei diesem allerersten Prozess dabei: als Anwältin des toten Säuglings. Seither vertritt sie in jedem neuen Verfahren regelmäßig die Opfer.

An die drei Dutzend Prozesse fanden bisher in Frankreich statt - das ist weltweit einmalig.

Die feministische Anwältin kämpft resolut gegen die anfängliche Toleranz ihrer Landsleute gegenüber dieser schwarzafrikanischen Sitte.

Als sich 1982 der Verein Cams gründet, Kommission für die Abschaffung der Verstümmelung, ist die Anwältin mit dabei. Und bis heute aktiv, mit Aufklärungskampagnen, mit Lobbyarbeit, vor Gericht. Dass diese Arbeit nicht umsonst ist, zeigt ein viel beachteter Prozess im Jahr 1999: Erstmals hat ein verstümmeltes Mädchen ihre eigenen Eltern und die Beschneiderin angezeigt.

In der französischen Rechtsprechung gilt die Klitorisverstümmelung mittlerweile als Verbrechen, mit Strafen bis zu zwanzig Jahren Gefängnis.

Beim Gerichtsverfahren, das die junge Mariatou ins Rollen brachte, sitzen nicht nur ihre Eltern und die Beschneiderin Hawa Gréou auf der Anklagebank. Sondern auch 24 weitere Schwarzafrikaner, die ihre Töchter von Gréou verstümmeln ließen. Die gefällten Urteile sind exemplarisch:

Acht Jahre Haft für Hawa Gréou, fünf Jahre auf Bewährung für fast alle Eltern.
Anwältin Weil-Curiel:

"Die Verteidiger setzten auf einen Freispruch mit dem Argument, das einzige Verbrechen der Angeklagten bestünde darin, sich ihren Traditionen unterworfen und vom Verbot in Frankreich nichts gewusst zu haben. Damit sind sie gescheitert. Das ist ein Argument, mit dem man 1999 nicht mehr ankommen kann; die Geschworenen sind ja nicht dumm."

Im Dezember 2005 stimmt Jeanne Cherhal, Shootingstar des französischen Chansons, ihren neuen Song zu den Qualen eines verstümmelten Mädchens vor fachkundigem Publikum an: beim nationalen Kolloquium des Gesundheitsministers. Die Regierung hat der schädlichen Tradition den Kampf angesagt. Mit klaren Maßnahmen:

Ein Opfer kann bis zum 38. Lebensjahr Anzeige erstatten, wenn es als Minderjährige verstümmelt wurde. Strafrechtlich verfolgt wird nun auch, wenn der barbarische Akt im Ausland durchgeführt wurde. Unter Schutz stehen gleichfalls ausländische Mädchen, die in Frankreich leben. Gleichfalls sind Mediziner nun ausdrücklich von der Schweigepflicht entbunden, wenn sie einen Fall von Klitorisverstümmelung aufdecken. Und bei der Ausbildung des medizinischen Personals wird ein Kurs zum Thema Pflicht.

Beim Kolloquium berichtet auch Nassifatou Fall von ihren Erfahrungen. Die Senegalesin arbeitet als interkulturelle Mediatorin im Gesundheitsbereich in der Hafenstadt Le Havre, wo viele schwarzafrikanische Einwanderer eine neue Heimat fanden. Ebenso gehört sie der Gams an, der "Gruppe für die Abschaffung der Klitorisverstümmelung". Ein Verein, der sich 1982 gründete, zur selben Zeit wie die CAMS von Linda Weil-Curiel. Seit über fünfzehn Jahren informiert Nassifatou Fall in Le Havre ihre Landsleute. Mit sichtbarem Erfolg.

"Früher waren alle vierjährigen Mädchen schon beschnitten. Und heute sieht man in Le Havre bis zum Schulbeginn mit sechs Jahren kein Mädchen mehr, das verstümmelt wurde. Denn bis zu diesem Alter wird die Gesundheit aller Kinder in Frankreich bei Pflichtuntersuchungen regelmäßig überwacht. Aber dennoch müssen wir weiterkämpfen. Die Eltern wissen genau, dass die Klitorisverstümmelung gesetzlich verboten ist. Jetzt lassen sie die Mädchen einfach beschneiden, wenn die Töchter älter sind und wenn nicht mehr Gefahr besteht, dass das bei einer ärztlichen Untersuchung auffliegt."

Was Nassifatou Fall aus Le Havre berichtet, gilt für das ganze Land. Als Kleinkinder bleiben die Mädchen nun verschont. Manche trifft es im Teenageralter. Doch viele Migrantentöchter wehren sich heute erfolgreich gegen die drohende Klitorisverstümmelung. Weil Frankreich sie in ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit bestärkt, meint Chirurg Pierre Foldès:

"Man kann nie genug tun gegen die Sitte der Klitorisverstümmelung. Aber Frankreich hat vor vier Jahren einen wesentlichen Schritt getan: Heute trägt die staatliche Krankenversicherung alle Kosten für die Reparatur der Klitoris. Die OP-Technik ist im übrigen nicht teuer. Symbolisch ist die Kostenübernahme sehr wichtig: Damit engagiert sich die französische Gesellschaft tatkräftig. Und dies macht auch den Kampf Frankreichs gegen die Klitorisverstümmelung weltweit kreditwürdig. Vor allem in den afrikanischen Ländern."

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