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StartseiteSchmitz' Blog - Tagebuch aus VenedigEin Wiedersehen mit vergessenen deutschen Cineasten28.08.2014

Schmitz' Blog aus Venedig, 28. August 2014Ein Wiedersehen mit vergessenen deutschen Cineasten

Im Flughafen Marco Polo begrüßt uns von der Leuchtreklame herab der Zeichentrickjunge mit den Fliegenden Fischen im Hintergrund. Die 71. Filmbiennale hat begonnen. Ein kleiner Mann auf einem Fels winkt über den Ozean. Leute aus aller Welt sind ihm gefolgt. Im Vaporetto Richtung San Marco sitzen Leute aus aller Welt, Chinesen, Japaner, Portugiesen, Engländer und der Journalist aus Deutschland.

Porträt von DLF-Kulturredakteur Christoph Schmitz bei den Filmfestspielen in Venedig
Auch der DLF kann "Selfies". Christoph Schmitz in Venedig, fotografiert von Christoph Schmitz. Alle Bildrechte, na, Sie wissen schon...

Die Überfahrt dauert ewig. Bei der Ankunft am Markusplatz ist es schon dunkel. Immer noch viele Leute auf den Uferpromenaden. Afrikaner verkaufen Taschen, Inder neonleuchtende Flugobjekte, die sie mit Gummischleudern in den Himmel katapultieren. Es ist sehr schwül, fast tropisch. Die Nacht wird einen kräftigen Wind bringen und die Lagune am Morgen recht herbstlich aussehen lassen. Um Benito Mussolinis Filmpaläste auf dem Lido ist es ruhig. Das Wetter ist prächtig. Die roten Teppiche sind ausgerollt und Rot signalisiert Bedeutung.

Die 71. Filmbiennale bietet viele Werke von Migranten 

Die meisten Cineasten sitzen schon in den Kinosälen, in denen in diesem Jahr auffallend viele Filme von Migranten gezeigt werden. Überall auf der Welt sind Menschen aus anderen Kontinenten gestrandet auf der Suche nach einem neuen Leben. Die Eltern des deutschen Filmregisseurs Fatih Akin stammen aus der Türkei. Akins Wettbewerbsfilm "The Cut" erzählt von der Verfolgung und Ermordung der Armenier in der Türkei 1915. Der Amerikaner Ramin Bahrani hat persische Wurzeln und zeigt in seinem Wettbewerbsfilm "99 Homes" die Armut in den USA heute.

Plötzlich taucht die Weimarer Republik am Lido auf

Mich wirft der erste Film weit zurück in die Vergangenheit, in die deutsche Vergangenheit am Beispiel des Kinos in der Weimarer Republik. "Von Caligari zu Hitler" heißt die essayistische Dokumentation meines Kollegen Rüdiger Suchsland, der regelmäßig in unserer Sendung "Kultur heute" im Deutschlandfunk als Filmkritiker auftritt. Suchsland gehört zu den wenigen deutschen Gästen bei dieser Biennale, obwohl die nationale Zugehörigkeit angesichts der migrantischen Filmproduktion und der vielen internationalen Koproduktionen keine besonders wichtige Größe mehr ist. Suchsland erzählt in seiner Doku von der Blüte des deutschen Films in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Fantastisches Material hat er aus den Archiven der Murnau-Stiftung zusammengestellt. Er zeigt eine extrem moderne, progressive und einflußreiche Filmkultur.

Viele vergessene Verfolgte - die doch sehr einflussreich waren

Viele Schauspieler und Regisseure sind heute vollkommen vergessen, und doch hatten sie allesamt einen großen Einfluss auf das Weltkino, so etwa auf den Hollywoodfilm. Nach Amerika sind in den dreißiger Jahren viele Protagonisten dieser Avantgarde geflüchtet. Suchsland versucht die These des Philosophen und Essayisten Siegfried Kracauer zu widerlegen, dass die düstere Seite des Weimarer Kinos auf den Nationalsozialismus zugesteuert sei. Robert Siodmaks Klassiker "Menschen am Sonntag" zeige dagegen eine ganz andere deutsche Kultur, eine entspannte, eine dem Tag zugewandte.

Das Kino war immer schon global

Aber auch in Suchslands Film zeigt sich, trotz seines filmhistorischen Themas: Das Kino war schon in seiner Frühzeit global. So wie die Filme auch heute, wie die Filmszene am Lido. Darum lohnt es sich unter anderem auch, die Zeugnisse der Vergangenheit zu bewahren. Alle Filmausschnitte in "Von Caligari zu Hitler" stammen aus digitalisierten und teils restaurierten Filmen der Murnau-Stiftung. Ihr Chef, Ernst Szebedits, begleitet Suchsland und berichtet mir in der Vorhalle des Palazzo del Cassinò, wie sehr das Filmerbe in Deutschland nach wie vor bedroht sei. Die Stadt Wiesbaden, das Land Hessen und das Kulturstaatsministerium in Berlin finanziere zwar immer wieder, aber eine stetige, langfristige finanzielle Unterstützung fehlt.

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