Freitag, 20.09.2019
 
Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Tragik der SPD auf den Punkt gebracht16.08.2019

Scholz-KandidaturDie Tragik der SPD auf den Punkt gebracht

Den SPD-Mitgliedern biete sich inzwischen ein breites Spektrum an Kandidaten, die sich um den SPD-Parteivorsitz bewerben wollten, kommentiert Frank Capellan. Das Verfahren selbst habe sich allerdings längst zum Debakel entwickelt. Das zeige auch die mögliche Kandidatur von Finanzminister Scholz.

Von Frank Capellan

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Pressestatement von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) in Buenos Aires vor Beginn des G20-Gipfels der Finanzminister und Notenbankgouverneure (imago/photothek)
Bundesfinanzminister Olaf Scholz - Jetzt will er vielleicht doch für den SPD-Vorsitz kandidieren (imago/photothek)
Mehr zum Thema

Politologe Jun "Die SPD braucht eine starke Führungspersönlichkeit"

Schwan und Stegner für den SPD-Vorsitz Ein wenig dynamisches Duo

Franz Müntefering "Wir haben auch bei jungen Wählern gute Chancen"

Kandidat für SPD-Parteivorsitz Ahrens: Beabsichtige nicht, auf dem Raumschiff Berlin anzuheuern

Was für ein Drama, was für ein Trauerspiel. Das Chaos bei den Genossen ist kaum noch zu toppen! Wohl wahr: Mit Olaf Scholz will nun ein Schwergewicht ins Rennen gehen, endlich meldet sich mit dem Vizekanzler einer aus der allerersten Reihe. Aber hatte er nicht wortreich schon ganz früh abgewunken? "Zeitlich geht das gar nicht", hatte Scholz betont, Finanzminister und Parteivorsitzender zu sein. Für diesen Satz war er oft belächelt worden. Dem Machtmenschen Scholz ein Job zu viel? War nicht Gerhard Schröder, dem er mal als Generalsekretär diente, sogar fünf Jahre lang Kanzler und Parteichef?

Nein, Olaf Scholz hatte eingesehen, dass er viele in der SPD enttäuscht hat, gerade in der Europapolitik hat er die an ihn geknüpften Erwartungen nicht ansatzweise einlösen können, zudem eckte er mit seiner spröden, bürokratischen Art an, das böse Wort vom "Scholzomat" machte wieder die Runde. Jusos und linken Genossen ist er bis heute nicht mehr vermittelbar. Zu sehr alte SPD, zu sehr GroKo-Befürworter. Aber: Da die Not nun mal so groß ist, will er es versuchen. Scholz, der Retter in der Not: "Ich bin bereit anzutreten, wenn Ihr das wollt!"

Den SPD-Mitgliedern bietet sich ein breites Spektrum

Allein die Partnerin fehlt ihm noch – Katharina Barley hat sich zwar ganz dem neuen Brüsseler Job verschrieben, aber wer weiß, Absagen ja zählen nicht mehr viel, vielleicht lässt sich die Ex-Justizministerin noch überreden: Anders als Scholz gilt sie vielen als Sympathieträgerin. Doch auch Heiko Maas, der Außenminister, hat sich ins Spiel gebracht. "Für jeden Spitzenpolitiker muss der SPD-Vorsitz eine Verlockung sein", hat er betont.

Die traurigste Rolle spielt allerdings Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der noch am Morgen erklärt hatte, erst kurz vor dem ersten September werde entschieden, wer aus seinem Verband ins Rennen geht. Boris Pistorius, der eigene Innenminister, fällt ihm da in den Rücken, indem er seine Kandidatur mit der sächsischen Integrationsministerin Petra Köpping ankündigt. Ausgerechnet die niedersächsische SPD, die den Sturz von Andrea Nahles gemeinsam mit den Nordrhein-Westfalen maßgeblich zu verantworten hat, versagt kläglich, wenn es um die Nachfolge geht.

Immerhin: Den SPD-Mitgliedern aber bietet sich schon jetzt ein breites Spektrum. Das linke Duo Gesine Schwan und Ralf Stegner steht für GroKo-Skepsis, Scholz, Pistorius oder Maas natürlich für den Verbleib in der Koalition mit der Union. Das Verfahren selbst hat sich allerdings längst zum Debakel entwickelt: Viel zu lang ist die Bewerbungsfrist, viel zu lange dauert die Auswahl, viel zu sehr hat die kommissarische Führung alles befrachtet, weil sie sich für ein Team aus Mann und Frau ausgesprochen hat. Der überraschende Coup von Olaf Scholz bringt die ganze Tragik an den Tag!

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk