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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Ringen um die Zukunft hat gerade erst begonnen 16.05.2021

Schottland und die EUDas Ringen um die Zukunft hat gerade erst begonnen

Boris Johnson sagt Nein zu einem neuen Referendum über die Zukunft Schottlands. Gleichzeitig öffnet er die Geldschleusen für die schottische Verkehrsinfrastruktur. Wenn das alles ist, was ihm einfällt, wird es nicht reichen, kommentiert Christine Heuer. Dafür sind die Schotten zu weltoffen und zu wütend.

Ein Kommentar von Christine Heuer

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Zwei Personen halten die Flaggen Großbritanniens und Schottlands. ( picture alliance / empics | David Cheskin)
„Downing Street müsste mehr anbieten: mehr Rechte für Schottland, mehr Zuständigkeiten, mehr Teilhabe an nationalen Entscheidungen. Kurzum mehr Föderalismus.“ ( picture alliance / empics | David Cheskin)
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Schotten und Engländer: Das ist wie Hund und Katze. Die beiden verstehen sich einfach nicht. Oder nicht mehr. 300 Jahre nach ihrem Zusammenschluss wollen viele Schotten nur noch weg von England. Raus aus Großbritannien und wieder rein in die Europäische Union. Schuld ist der Brexit, schuld ist Premier Boris Johnson, der ihn wie kein zweiter verkörpert, schuld sind die in London dauerregierenden Tories. Im sozialdemokratisch gestimmten Schottland haben die Konservativen seit 66 Jahren keinen Fuß mehr auf den Boden gekriegt. Es herrscht ein politischer Kampf der Kulturen.

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In dieser Woche, nur wenige Tage nach der Schottland-Wahl, war in Glasgow zu besichtigen, was das bedeutet. Da rückten britische Beamte an, um zwei indische Männer abzuschieben. Die beiden leben seit zehn Jahren in Großbritannien. Nun sollen sie verschwinden. Nach dem Brexit wird nicht mehr lange gefackelt. Die Innenministerin hat Abschiebungen wann immer möglich verfügt. Selbst in Westminster gilt Priti Patel als Hardlinerin, mit der man sich besser nicht anlegt. Aber in Glasgow gingen sie auf die Barrikaden. Hunderte Schotten belagerten den Wagen, in dem die beiden Inder abtransportiert werden sollten. Stundenlang. Bis die Beamten nachgeben und die Männer freilassen mussten.

Schotten feiern sich für ihren Widerstand

Schottlands Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon beschwerte sich anschließend in Westminster über die Aktion, die sei in der Pandemie gefährlich gewesen. Und verbat sich dergleichen für die Zukunft. In den sozialen Medien feiern sich die weltoffenen Schotten jetzt für ihren erfolgreichen Widerstand gegen das verhasste London. Aber wollen sie wirklich raus aus dem Vereinigten Königreich?

In den Umfragen steht es fifty-fifty. Das ist besser für die Nationalisten als vor sieben Jahren, beim letzten Referendum über die Unabhängigkeit des Landes. Aber es ist nicht genug für eine sichere Mehrheit bei einem von ihnen herbeigesehnten zweiten Referendum. Schottlands regierende Nationalpartei hat die Wahl klar gewonnen, aber ihr wichtigstes Ziel, die absolute Mehrheit, hat die SNP knapp verfehlt. Gordon Brown – Schotte, Labour-Politiker, ehemaliger britischer Premierminister – rückte das Augenmerk danach auf das, was er "Middle Scotland" nennt: die Mitte der Gesellschaft, Bürgerinnen und Bürger, die sich noch nicht endgültig für oder gegen die Unabhängigkeit entschieden haben. Die erschöpft sind von Corona und dem Brexit-Streit der letzten Jahre. Die gerade überhaupt keine Lust auf ein neues Abenteuer haben und Zeit zum Nachdenken brauchen. Das sind die Schotten, die bei einer neuen Abstimmung den Ausschlag für oder gegen die Unabhängigkeit geben dürften. Diejenigen, um die London wie Edinburgh kämpfen müssen im zähen Ringen um Schottlands Zukunft, das nach der Wahl vor einer Woche jetzt erst so richtig losgeht.

Die Wut auf London

Wird Boris Johnson diese Ausgangslage nutzen, um das Königreich, das er regiert, zusammenzuhalten? Noch sieht es nicht danach aus. Der Premier versucht es erst einmal mit Zuckerbrot und Peitsche. Er sagt klar Nein zu einem neuen Referendum. Gleichzeitig öffnet er Londons Geldschleusen für die schottische Verkehrsinfrastruktur. Wenn das alles ist, was Boris Johnson einfällt, wird es nicht reichen. Dafür sind die Schotten zu weltoffen, zu liberal, zu eigensinnig – und zu wütend auf London. Downing Street müsste mehr anbieten: mehr Rechte für Schottland, mehr Zuständigkeiten, mehr Teilhabe an nationalen Entscheidungen. Kurzum mehr Föderalismus.

Genau das, was die Engländer auf keinen Fall wollen. Und England: Das ist nun einmal Boris Johnsons Machtbasis. Eine schwierige Lage, die einen klugen, umsichtigen, vorausschauenden Staatsmann bräuchte. Das genaue Gegenteil also von Johnson. Wer nicht möchte, dass die Schotten gehen, nach ihnen auch die Nordiren und eines Tages vielleicht sogar die Waliser, der muss jetzt auf Berater in Downing Street hoffen, die mitbringen, worüber dieser Premierminister nicht verfügt. Und darauf, dass er ihnen auch zuhört.

Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) Christine Heuer, geboren 1967 in Bonn, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Anglistik. Sie war für den Deutschlandfunk freie Korrespondenten im Bonner und Berliner Hauptstadtstudio, Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen und in der Kölner Chefredaktion Chefin vom Dienst. Heuer war zuletzt Redakteurin in der Abteilung Aktuelles und moderierte viele Jahre lang die Sendung "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Seit 2020 berichtet sie als Korrespondentin aus Großbritannien und Irland.   

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