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StartseiteBüchermarktSchrecken des Krieges15.08.2004

Schrecken des Krieges

Nicholson Baker: "Chekpoint"

Mai 2004, in einem Hotelzimmer in Washington D.C., aus dessen Fenstern man beinahe das Weiße Haus sehen kann. Hier hat sich momentan Jay einquartiert. Gerade ist, nach einer mehrstündigen Autofahrt, sein alter Freund Ben angekommen, den Jay kurzfristig und mit dem Hinweis, es sei wichtig und dringend, zu sich gerufen hat. Sehr viel Persönliches erfährt man im Folgenden nicht über die beiden Männer. Offenbar sind sie alte Freunde. Sie haben gemeinsame Erinnerungen an ihre Jugendzeit während des Vietnamkrieges; folglich dürften Sie die Vierzig deutlich überschritten

Von Burkhard Spinnen

US-Soldaten in Bagdad (AP)
US-Soldaten in Bagdad (AP)

haben. Außerdem haben beide einen intellektuellen Hintergrund.

Ben scheint ein wenig Karriere gemacht zu haben. Er unterrichtet Geschichte, wahrscheinlich an einer Universität. Und er forscht. Sein letztes Buchprojekt über Zensurmaßnahmen in den USA hat er allerdings aufgegeben; neuerdings interessiert er sich für den Zusammenhang von Zivilverteidigung und Städteplanung in der Nachkriegszeit. Es scheint ein wenig, als sei er in die Mühle seines Jobs geraten; er beschwert sich lebhaft über die Arbeit, die ihm seine Seminare machen. - Jay hingegen ist deutlich abgerutscht. Früher hat er auch einmal unterrichtet, aber zuletzt
ist er auf einem Krabbenkutter gefahren. Er lebt von seiner Frau und seinen drei Kindern getrennt, ein Richter entscheidet über die Besuchszeiten. Es gibt da auch finanzielle und gewisse mentale Probleme. Leicht vorstellbar also, dass Ben den Kontakt zu seinem Freund Jay in den letzten Jahren nicht unbedingt gesucht hat.

Aber jetzt, in diesem Hotel in Washington, kommen die beiden sehr schnell ins Gespräch. Schnell und heftig. Denn Jay teilt Ben mit, dass er vorhat, den Präsidenten der Vereinigten Staaten, mit Namen: George W. Bush, in Kürze umzubringen. Vorher will er aber zu Protokoll geben, warum er es tun will. Deshalb läuft auch ein Aufnahmegerät, das Ben mitgebracht hat. Als es eingeschaltet wird, beginnt Jay gleich zu erzählen, was ihm das Wichtigste ist: Vor etwa einem Jahr hat er davon gehört, wie amerikanische Soldaten eine irakische Familie an einem Checkpoint unter Feuer genommen haben. Die Mutter der Familie habe berichtet, wie die Köpfe ihrer beiden kleinen Mädchen weggeschossen worden seien. Darüber, sagt Jay, komme er einfach nicht hinweg. Wer das zu verantworten habe, der müsse sterben. Eben der Präsident.

Checkpoint heißt Nicholson Bakers neuer Roman, dessen deutsche Übersetzung soeben zeitgleich mit dem amerikanischen Original erschienen ist. Schon einmal hat Baker einen Roman als Dialog geschrieben, das war sein bislang beim Publikum erfolgreichstes Buch Vox von 1992. Dort führten Jim und Abby ein mehrere Stunden dauerndes Telefonsex-Gespräch; allerdings wollte der Roman weniger eine irgendwie realistische Version dieser zeitgenössischen Form von Beziehung ausmalen. Es ging in Vox vielmehr um Bakers zentrales Thema aller seiner Bücher - es ging um das Zur-Sprache-Bringen des Unsagbaren, besser: des Unsäglichen in der
Wahrnehmungs- und Gedankenwelt von ziemlich durchschnittlichen Zeitgenossen.

Checkpoint knüpft hier nicht nur strukturell, sondern auch thematisch an. Es geht, könnte man sagen, um die Krise des politischen Alltagsbewusstseins in Amerika. Gut, es mag sein, dass dieser Roman in den USA einen Skandal auslösen wird. Den Republikanern wird natürlich die Richtung nicht sehr gefallen. Und forciert politisch korrekt denkende Menschen werden Checkpoint heftig ablehnen, allein schon weil es darin um den Mord an einem Präsidenten namens Bush geht und weil man böse Gedanken und Wörter weder bei Tisch noch sonst wo aussprechen darf. Mag sein, dass auch hierzulande Empörungspotential aus dem Text geschlagen wird, um damit das publizistische Sommerloch zu stopfen.

Aber natürlich ist der Roman kein Aufruf zum Mord, ja, er ist sogar kaum als Beitrag zur sachbezogenen politischen Diskussion um den Sinn des Irak-Kriegs oder die Fehler der Bush-Administration zu lesen. Checkpoint versucht vielmehr zur Sprache zu bringen, was alles nicht in
die gängigen publizistischen Raster des Widerspruchs und der Empörung passt. Es geht nicht um Kritik, wie sie in der Zeitung stehen könnte, oder um Kritiker, die im Fernsehen auftreten können. Ben und Jay verkörpern vielmehr die zwei Stimmen, die heute sehr viele Menschen, ob sie
Intellektuelle sind oder nicht, Amerikaner oder nicht, ständig im Kopf haben.

Zwei Stimmen, die dauernd heftig und regellos miteinander streiten und dabei den Kopf, in dem sie hausen, unauffällig und lautlos ruinieren. Ich beginne mit Jay: Das ist die Stimme des kompromisslosen "Schluss damit!", des "Aufhören mit dem Töten!", des "Raus aus einem Land, in dem man nichts zu suchen hat!" Dabei ist Jay allerdings kein politisch denkender Pazifist. Er legt den Regierenden keineswegs andere Mittel zur Konfliktlösung nahe. Niemals während des Gesprächs mit Ben redet er von der Unerträglichkeit oder von den Hintergründen des internationalen Terrorismus', niemals davon, wie man ihn richtig und wirkungsvoll zu bekämpfen habe. Nie spricht er von Weltordnungen oder globalen ökonomischen Interessen. Seine moralische Entrüstung gibt sich vielmehr ganz unmittelbar und kontextlos, folgerichtig ist sie nur auf die eine Person des Verantwortlichen gerichtet.

Jay hat sein Weltbild radikal aufgeräumt, für ihn zählt nur noch dies: Amerikanische Soldaten haben in ein Auto geschossen, in dem eine Familie saß, die auf der Flucht war. Der Großvater hatte sich vorher einen Nadelstreifenanzug angezogen, um amerikanischer zu wirken. Und dann sind plötzlich die Köpfe der beiden kleinen Mädchen nicht mehr da. Das war nur eine Nachricht, im Fernsehen oder im Internet, aber Jays Alltags-Mechanismus, sich solche Nachrichten einigermaßen vom Hals und vom Hirn zu halten, hat nicht mehr funktioniert. Zwar hat er seine eigenen Kinder verlassen, aber das schützt ihn offenbar nicht davor, sich vorstellen zu müssen, wie es ist, wenn Kinderköpfe weggeschossen werden.

Seine Reaktion ist jetzt die eines Technikers, der nach gefährlichem Überhitzen diverser Anlagenteile keine intelligente Lösung mehr kennt. Schließlich legt er den Hauptschalter um. Schluss, egal welchen Schaden das anrichtet. Strom aus. Jay will den Präsidenten ermorden. Ben ist die andere Stimme. Im Grunde teilt er Jays Einschätzungen. Er hegt keinerlei Sympathien für die Bush-Administration, er verteidigt keine ihrer Maßnahmen; im Gegenteil: wie ein Großteil der amerikanischen Intellektuellen verachtet er den Präsidenten aus tiefstem Herzen.

Doch schon die Möglichkeit, durch seine Anwesenheit in dem Hotelzimmer in ein Mordkomplott verwickelt zu werden, versetzt ihn in Panik. Dabei ist sein erster und mehrfach wiederholter Schreckensruf der: "Ich habe einen Job." Das ist verständlich, auch wenn es peinlich klingt. Ben hat nicht eben viel, aber was er hat möchte er nicht verlieren. Und er will sich auch weder von George W. noch von seiner eigenen Verachtung permanent den Tag und die Laune verderben lassen. Ben hat sich kürzlich eine Kamera gekauft. Damit streunt er durch den Park, auf der Suche nach besonders ruhigen, besonders kontemplativen Motiven. Am liebsten fotografiert er Bäume. Jay bietet er an, ihm die Kamera zu leihen. Das würde ihn beruhigen.

Ich glaube, über gewisse Strecken ist Ben ein kritisches Selbstportrait des Autors Nicholson Baker. Dessen Aufmerksamkeit für das kleine Alltagsleben, seine Reflexionen über die Reißgewohnheiten von Schuhbändern und die Kartoffelchipförmigkeit der Schatten von sauber beschnittenen Parkbäumen haben gelegentlich die Kritik evoziert, hier drücke sich einer vor dem
Großen und Gewichtigen, indem er sich kleine Denkidyllen in der Alltags- und in der Warenwelt einrichte. Ich habe -wie viele andere - diese Kritik nie teilen können. Wenn Baker seine nicht eben glamourösen Protagonisten auf gedankliche Reisen durch ihren unaufgeregten Alltag schickte, dann schuf er damit äußerst präzise Bilder jenes Mittleren, vielleicht auch Mittelmäßigen, das unsere Gegenwart wesentlich bestimmt. Bakers Bücher haben in den letzten 15 Jahren aufgesammelt, was auf der literaturabgewandten Seite unseres Lebens gedacht, empfunden und erlebt wird.

Wir hausen in einer Zeit des forcierten Superlativs. Kein Held ist mehr einer, wenn er nicht wenigsten ein Superheld, kein Star einer, wenn er nicht wenigsten ein Superstar ist. Baker aber hat dargestellt, wie unsere Angestelltenkultur, während sie auf die mediale Verfertigung von
Supermännern und Superfrauen konzentriert zu sein scheint, tatsächlich im Mittleren - und in seiner Mittelmäßigkeit weitgehend Unsäglichen - kardanisch aufgehängt ist. Ich kenne Leute, die Bakers Bücher langweilig bis zur Unlesbarkeit finden. Für mich waren sie immer die leicht komischen Botschaften aus einer unheldenhaft humanen Welt.

Jetzt allerdings scheint Baker und mit ihm Ben in der Krise zu stecken. Was an diesem Checkpoint passiert ist, setzt gewissermaßen den Jay im Kopf frei. Und der besitzt weder Beruf noch Familie, die man nicht leichtfertig für ein allzu lautes politisches Bekenntnis, geschweige denn
für einen Tyrannenmord aufs Spiel setzt; und er besitzt auch keine hochwertige Kamera, mit der er ein paar Meditationsfotos schießen könnte. Nein, Jay besitzt nur seine vollkommen selbstgenügsame moralische Entrüstung, dazu noch einen Hammer, obskure fliegende Sägen, die sehr gefährlich sein sollen, sowie ein paar Revolverkugeln, die, wenn man sie zusammen mit dem Bild des potentiellen Opfers verwahrt, später automatisch ihr Ziel finden sollen. Außerdem besitzt Jay eine Waffe. Mit so einem muss Ben jetzt reden.

Und natürlich ist es Bens Ziel, Jay von seiner Tat abzubringen. Dabei verläuft dieses Gespräch, das eine Art nach außen gekehrtes Selbstgespräch ist, für beide Seiten einigermaßen schwierig - und sehr bezeichnend. Die größeren Schwierigkeiten scheint anfangs Jay zu haben.
Denn der Versuch, ein nur aus der eigenen Entrüstung stammendes und nur durch die eigene moralische Empfindung gedecktes Verbrechen gesprächsweise erklären und begründen zu wollen, läuft in allerlei Fallen und Sackgassen. So mündet etwa Jays Versuch, George W. Bush die Schuld an allen amerikanischen Missständen zu geben, in schierer Lächerlichkeit.

Den Präsidenten für die Hässlichkeit der Supermärkte verantwortlich zu machen, gelingt nur auf einer metaphorischen Ebene. Doch wenn Jay seine Gründe, den Präsidenten zu ermorden, "rein" halten, also nur auf seine moralische Verurteilung der Ereignisse an jenem Checkpoint bauen will, dann erweisen sie sich als ebenso obsolet wie er selbst. Auf einer Demonstration vor dem Weißen Haus zu Beginn des Irak-Krieges hatte Jay zwar eine Art Gemeinschaftserlebnis erfahren, als er inmitten der anderen Demonstranten stand, die "weg mit Bush!" schrieen. Aber er weiß längst, dass er mit kaum einem der anderen Bush-Gegner wirklich einer Meinung wird sein können.

Will Jay nämlich seine Gründe "rein" halten, das heißt: will er ohne Wenn und Aber und ohne politische oder gesellschaftliche Erwägungen das Töten stoppen, dann - ja dann muss er zum Beispiel mit der gleichen Entschlossenheit jede Abtreibung ablehnen. Da werden ja auch wie am
Checkpoint im Irak unschuldige Kinder getötet! Also ist er tatsächlich vehement gegen die Abtreibung - und hat damit praktisch die gesamte amerikanische Linke und die meisten Bush-Gegner als Erzfeinde. Was bedeutet: schlussendlich kann er mit einer Tat, die ein Höchstmaß an
moralischem Anspruch in sich birgt, das Böse überhaupt nicht aufhalten. Das Töten geht weiter. Wie alle großen Weltverbesserer muss er, um die Menschheit zu verbessern, letzten Endes alle Menschen umbringen. Das ist natürlich Wahnsinn. Und Jay weiß ja auch, dass er wahnsinnig ist, beziehungsweise sich in eine wahnsinnige Konstruktion begeben hat. Die fliegenden kreisenden
Sägen und die Voodoo-Kugeln trägt er wie Wundmale seiner Verwirrung vor sich her. Allerdings passen die Kugeln, mögen sie auch nicht magisch sein, in seine Waffe. Und eine Waffe ist eine Waffe.

Bens Probleme liegen auf der anderen Seite dieses Wahns. Auch seine Verachtung Georg W. Bushs ist längst so groß, dass es für ihn keine aktive Auseinandersetzung mit der Administration mehr gibt. Was immer Jay gegen den Präsidenten vorbringt, Ben ist seiner Meinung; bisweilen scheint es sogar, als sei seine Abneigung noch fundierter, sein Hass noch präziser. Allerdings hat Ben seine Verachtung historisiert und damit kaltgestellt. Seine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Nachkriegsgeschichte lehrt ihn, die amerikanische Politik als einen permanenten Korruptions- und Verschleierungsprozess zu begreifen.

Mittlerweile ist er geradezu ein Connaisseur von Regierungsskandalen geworden, "kleine Sächelchen" und "Leckerbissen" nennt er, was er in Archiven aus freigegebenen Akten erfährt. Sein Fazit lautet: Alles ist korrupt. Gute Präsidenten gibt es nicht; einer ist bloß schlechter als der andere. Doch indem er sie dergestalt zur permanenten Naturkatastrophe erklärt, kann Ben sich eigentlich nicht mehr über die amerikanische Politik empören. Das wäre, als würde man sich in der Wüste über die Hitze beschweren. Und wenn auch Bush der schlimmste von allen Präsidenten ist - er geht ja vorbei. Selbst wenn er wiedergewählt würde, hätte er nur vier Jahre. Um dann einem noch schlimmeren Platz zu machen. Da geht man doch lieber in den Park und fotografiert ein paar Bäume. So ist Bens Abscheu in einen Fatalismus umgeschlagen, aus dem heraus so wenig sinnvolle Politik möglich ist wie aus Jays moralischer Entrüstung.

Die beiden Diskutanten in Checkpoint repräsentieren die beiden Seiten eines in verschiedene Richtungen von der Politik abgefallenen Bewusstseins: Jay ist in die Verzweiflung, Ben in den Fatalismus geglitten. Zusammen sind sie so zerrissen und unbeweglich und unglücklich und ratlos
wie viele Menschen angesichts der Ereignisse in Amerika und im Irak. Jay und Ben sind die Steuerleute eines Schlingerkurses, der zwischen Apathie und Hysterie pendelt und keinerlei Fortkommen mehr ermöglicht. Doch das heißt nicht, dass die beiden auch von allem Amerikanischen
abgefallen sind. Manchmal scheint es zwar so, wenn sie in gemeinsamen Tiraden an nichts Zeitgenössischem ein gutes Haar lassen. Aber insbesondere Ben hält einen totalen Defätismus nicht lange durch, er und Jay bleiben gewissermaßen Patrioten der amerikanischen Alltagskultur.

Mitten in ihrer großen Kontroverse kommen sie einander immer wieder ganz nahe, wenn es darum geht, Kleines und Banales ernst und wichtig zu nehmen. Welche Supermarktkette ist okay? Kann man nicht stolz sein auf die Schaufenster in New York? Wie funktioniert der Trick, ein Steak heutzutage so zu bestellen, dass es genau so durchgebraten ist, wie man es gerne hätte? Immer wieder schweift das Gespräch der zwei vom Präsidentenmord ab und in solche Bereiche. Und dann scheint es sofort, als könnten sich die beiden jetzt und gleich auf eine Art von Leben jenseits des Politischen einigen, auf ein amerikanisches Leben, dass nicht vom Hass auf George W. Bush verseucht ist.

Aber dann muss ja einer wieder mit dem Präsidenten anfangen. Und der Kampf auf der Stelle geht weiter. Im Prinzip kann ein Dialog wie der zwischen Ben und Jay niemals enden; und tatsächlich bedient sich Baker eines kleinen Tricks, um Checkpoint zu beenden. Ben überredet Jay, mit
seinem Hammer auf das Bild des Präsidenten einzuschlagen, das eigentlich als Programmiervorgabe für die intelligenten Kugeln dienen sollte. Damit realisiert er die Voodoo-Angebote in Jays abstrusem Waffenpark. Und als Jay sich nach der symbolischen Ermordung des Präsidenten tatsächlich ein wenig besser fühlt, kann Ben ihn und die Beweisstücke aus dem Hotelzimmer schaffen. Out and over. Klick. Hier bricht die Aufzeichnung ab.

Ich kann dem Kollegen Baker nur große Achtung zollen. Ich denke, mit dem Dialog am Checkpoint hat er sowohl Ausmaß und Qualität als auch die Folgenlosigkeit der allgemeinen Entrüstung über die amerikanische Politik dargestellt. Aber er hat noch mehr getan. Checkpoint spielt
erkennbar im Nachrichten- und Bewusstseins-Umfeld der offiziellen und der inoffiziellen Berichterstattung, vor allem der Netz-Tagebücher, der so genannten Weblogs, in denen Hekatomben von Nachrichtenmaterial über den Interessierten ausgegossen werden. Er habe, sagt Baker in einem Interview, während des Irak-Krieges einen Zettel am Monitor kleben gehabt, auf dem
stand: "Nur Emails." Das heißt: keine Nachrichten.

Früher einmal waren Kriege von chauvinistischer oder verharmlosender Propaganda umgeben. Die bittere Pille im Zuckermantel. Ansonsten blieb alles hinter der Nachrichtensperre. Aber jetzt tobt auch rund um einen Krieg, der (von Amerika aus betrachtet) am anderen Ende der Welt spielt, eine Informationsschlacht, die per Internet in jedes Haus und in jedes Bewusstsein getragen wird. Aber das macht es nicht besser! Denn gerade die detaillierten Gräuel-Meldungen im Netz, die Fakten und Theorien über Korruption und Manipulation, Kriegsverbrechen und Geheimdienst-Desaster
evozieren keine politische Bewegung, sie verstärken vielmehr die beiden Reaktion, die in Checkpoint Ben und Jay heißen: verzweifelte Entrüstung oder professionelles Phlegma. Angesichts der Bilder aus den irakischen Gefängnissen will man abwechselnd wie Jay die Verantwortlichen in einem Hollywood-reifen Showdown zur Strecke bringen oder wie Ben in alte Skandale flüchten, deren Verursacher heute als demente Greise im Altersheim sitzen.
Oder man geht einfach ein paar Fotos schießen.

Checkpoint ist übrigens, dies zum Abschluss, eines von den gerade wegen ihrer sprachlichen Schlichtheit besonders schwer zu übersetzenden Büchern. Vermutlich können amerikanische Leser an Bakers Art der Wiedergabe von Alltagssprache sogar erkennen, wo genau Jay und Ben einmal aufs College gegangen sind. In die deutsche Literatursprache aber sind solch
idiomatische Differenzierungen sicher nur sehr schwer zu übertragen. Auch die in Checkpoint sehr wichtige Anspielungskultur hat kein deutsches Äquivalent. Ich für mein Teil vertraue aber gerne dem Übersetzer Eike Schönfeld, der nicht nur alle Bücher Bakers, sondern unlängst auch
Salingers Fänger im Roggen ganz hervorragend ins Deutsche übersetzt hat.

Burkhard Spinnen
Checkpoint
Rowohlt, EUR 12,90

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