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StartseiteComputer und KommunikationSchreiben unter Pseudonym10.09.2011

Schreiben unter Pseudonym

Ein Wikipedia-Autor erläutert seine Sicht auf die Online-Enzyklopädie

Internet.- "Carbidfisher" ist Student der Mathematik und schreibt regelmäßig für die Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Aber mit seinem Klarnamen will er nicht unter den Artikeln stehen. Zudem rät er, dem digitalen Nachschlagewerk niemals unkritisch zu begegnen.

Von Maximilian Schönherr

Blick auf die Wikipedia-Seite.  (AP)
Blick auf die Wikipedia-Seite. (AP)
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"Also, ich hab bewusst nach einem Pseudonym gesucht, das relativ einzigartig ist. Das heißt, das bin ich, aber es ist nicht dasselbe, als wenn ich unter Klarnamen auftrete. Ich versuche, meine verschiedenen Persönlichkeiten zu trennen - also den Wikipedianer, den braven Studenten, den lieben Enkel. Und da hilft sowas."

Den Realnamen von Carbidfischer kennt hier auf der Wikicon niemand. Auch mir will er ihn nicht verraten. Er hängt seit 2004 an diesem Pseudonym, es ist Teil seines Lebens geworden. Carbidfischer studiert Mathematik und schreibt gerade an seinem Master. In der Wikipedia schreibt er vor allem über alte Römer und - als Straubinger Bürger - an Agnes Bernauer. Sein Vortrag in Nürnberg beschäftigt sich mit der Wissenschaftlichkeit von Wikipedia-Artikeln. Er war vor kurzem auf der Göttinger Konferenz "Wikipedia trifft Altertum" und zog daraus mehrere Schlüsse.

"Was für mich sehr interessant war, ist, dass jemand, der in Sachen Mediengestaltung unterwegs ist, von der Uni Augsburg, sich die "Systematik" in der Wikipedia angesehen hat - die ganzen Portale, Projekte, Redaktionen. Es hat mich gefreut, dass auch ein Externer zu dem Schluss kommt, dass wir eigentlich selber nicht wissen, wozu die gut sind. Ein Beispiel sind die Portale. Es gibt einen ungeheuren Wildwuchs an mehreren hundert Themenportalen."

...wie Biologie?

"Biologie, aber es wird noch wesentlich kleinteiliger. Ursprünglich waren die wohl als Schaufenster für den Leser gedacht. Leser finden die aber nicht, sie werden auch nicht aus den Artikeln verlinkt, und sie sind oft auch als Arbeitshilfe für den Wikipedianer nicht so sehr geeignet. Sie werden halt erstellt - ich war selbst mal bei einem dabei -, dann dümpeln sie halt vier bis fünf Jahre herum und es passiert weiter nichts."

Bemerkenswert fand Carbidfischer, welche Themen welche Wissenschaftler in der Wikipedia bedienen.

"Die Leute kennen sich oft nicht persönlich und haben meist auch das Fachgebiet, in dem sie aktiv sind, nicht studiert. Ich kenne viele Physiker, Mathematiker, Informatiker, die in Botanik oder Geschichte und allem Möglichen unterwegs sind."

Bei dem Treffen von Historikern, Archäologen und Altorientalisten in Göttingen fragte Carbidfischer nach der gefühlten Qualität der Wikipedia-Artikel über diese Fachgebiete.

"Die Wissenschaftler waren tendenziell überrascht, wie gut und breit aufgestellt die Wikipedia mittlerweile ist. Aber die meisten haben nicht das gesteigerte Bedürfnis, selber mitzuarbeiten. Einerseits wegen "Publish or Perish" ("Veröffentlichen oder untergehen"). Publikationen in der Wikipedia bringen ihnen nichts, weil sie sie nicht mit ihrem Namen verknüpfen können. Andererseits auch so bisschen aus Angst, jemand ändert was oder macht es kaputt."

Auch das ein Grund, warum viele Wissenschaftler in der Wikipedia ungern tätig werden, und wenn, dann in ganz anderen Themengebieten und auch in Bereichen der Wikipedia, die nicht unter allzu strenger Beobachtung von anderen Wikipedianern stehen. Die Kontroversen um Artikel sind für Wikipedia-Leser nicht direkt ersichtlich - es wäre auch unsinnig, sie mit Diskussionen über Details, über fehlende Quellen, über falsche Formatierungen, über rechtlich problematische Bilder zu belasten. Diese Debatten sind häufig um ein Vielfaches umfangreicher als der Artikel selbst. Und auch wenn hier "nur" Pseudonyme wie Carbidfischer oder Toter Alter Mann oder Pittigrilli aufeinandertreffen, nimmt das dem Streit keineswegs die Schärfe. Für Wissenschaftler sind diese Streitkultur und die völlig unkommerziellen Publikationsstrukturen von Enzyklopädisten eine fremde Welt. Sie sind vertraut mit Ehrgeiz, Veröffentlichungszwang und strengen Hierarchien - alles gebunden an ihren Namen, der im Telefonbuch steht und in ihrer E-Mail-Signatur.

Zu Carbidfischers Hauptinteressen zurzeit gehört die Bayerische Geschichte. Mathematik hat er studiert, weil das keine brotlose Kunst ist. Sein erster Eintrag in der Wikipedia ist sieben Jahre alt. Er war damals noch Schüler. Jetzt, kurz vor dem Studienabschluss, und als so tiefer Wiki-Kenner, versteht er in seinem Universitätsumfeld und Freundeskreis manchmal die Welt nicht mehr.

"Also, ich finde es erstaunlich, dass Studenten sowieso, aber auch manche Professoren die Wikipedia doch relativ unkritisch annehmen. Ich bin von meinen Freunden und Bekannten derjenige, der Wikipedia am skeptischsten sieht und am wenigsten nutzt, im Sinn von lesen und Informationen herausziehen."

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