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StartseiteKalenderblattSchreiende Blondinen und ein falscher Verdächtigter14.02.2012

Schreiende Blondinen und ein falscher Verdächtigter

Vor 85 Jahren wurde Alfred Hitchcocks erster Thriller "The Lodger" uraufgeführt

Seinen Stummfilmthriller "The Lodger", der am 14. Februar 1927 uraufgeführt wurde, bezeichnet Alfred Hitchcock höchstselbst als sein erstes wahres Hitchcock-Werk betrachtet. Und in der Tat hat er alle klassischen Zutaten eines Hitchcock-Thrillers.

Von Katja Nicodemus

Filmregisseur Alfred Hitchcock  (AP Archiv)
Filmregisseur Alfred Hitchcock (AP Archiv)

Kein anderer Regisseur hat auf der Leinwand soviel Furcht verbreitet wie Alfred Hitchcock. Sein Werk ist ein Kompendium des Schreckens, eine Summe von Träumen und Ängsten. Eine Spirale in die beklemmenden Tiefen der Seele. Aber wovor hatte Hitchcock selbst die größte Angst?

"Ich fürchte mich vor Polizisten. Das ist auch der Grund, weshalb ich kein Auto fahre, aus Angst vor Strafzetteln. Ich fürchte mich vor dem Gesetz. Und obwohl ich es faszinierend finde, habe ich vor nichts mehr Angst, als damit in Konflikt zu geraten."

Die Angst vor dem Gesetz durchdringt schon Hitchcocks am 14. Februar 1927 uraufgeführten zweiten Film und ersten Thriller "The Lodger". In diesem Stummfilm begegnet man einem Motiv, das in fast allen Hitchcock-Filmen vorkommt: dem Unschuldigen, der zu Unrecht verfolgt wird.

"The Lodger", der Mieter, gespielt von dem schönen und sanftäugigen Stummfilmstar Ivo Novello, steht eines Abends vor der Tür einer Londoner Familie, um ein Zimmer zu mieten. Wegen seines schwarzen Schals halten wir ihn zunächst für einen Serienmörder, der in dem Viertel sein Unwesen treibt. Die Tochter der Wirtin wird sich in den Mieter verlieben und ihren Verehrer, einen Polizisten, links liegen lassen. Himmelt sie einen Mörder an? Dieser lustvoll ausgekostete, mit expressionistischen Schatten verstärkte Verdacht, ist der eigentliche Beginn des Hitchcock-Kinos. So jedenfalls erzählte es der Meister selbst in François Truffauts Interviewbuch "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?"

"Ich bin in diesem Film ganz instinktiv vorgegangen. Es war das erste Mal, dass ich meinen eigenen Stil anwandte. Man kann sagen, dass 'The Lodger' eigentlich mein erster Film ist."

"The Lodger" ist ein konzentrierter Vorläufer von Hitchcocks Themen, Motiven und Marotten, die sich in mehr als sechzig Filmen über ein halbes Jahrhundert hinweg entfalten werden. Da wäre zum Beispiel seine Vorliebe für sehr blonde Frauen. Im ersten Bild von "The Loder" sieht man denn auch den Kopf einer schreienden Blondine. Warum wirkt sie nur so besonders unheimlich? Die Antwort gibt Hitchcock dem Kollegen Truffaut. Er habe den Kopf der Frau auf eine Glasplatte gelegt ...

Zitat aus François Truffaut: "dann habe ich die Haare so ausgebreitet, dass sie das ganze Bildfeld füllen, und sie von unten angeleuchtet, sodass einem das blonde Haar besonders auffiel."

Auch Hitchcocks sardonischer Humor scheint in "The Lodger" auf. Etwa, wenn er seine Kamera auf die Reklame einer Musikrevue richtet. Die Leuchtschrift lautet: "Heute Abend goldene Locken".

Erschrocken verschlingen die Tänzerinnen die Abendzeitungen mit der Nachricht, dass der Londoner Killer wieder zugeschlagen habe. Die Blondinen sind in großer Angst, die Brünetten machen Witze. Auch die fesche Tochter der Vermieterfamilie in "The Lodger" hat blondes Engelshaar. Schon 1927 war somit klar: Eine blonde Frau sollte sich in einem Hitchcock-Film nie sicher fühlen.

Und natürlich: der Suspense! Auch diese Hitchcock-Spezialität findet sich in "The Lodger". Bis zum Schluss werden wir mit Details gefüttert, die suggerieren, dass eigentlich nur der Mieter der Blondinenmörder sein kann. Hitchcock, der im Laufe seiner gesamten Karriere mit der Begeisterung eines kleinen Jungen am Horror gebastelt hat, gelingt es, diesen Verdacht in "The Lodger" mit einem wunderbar einfachen Trick zu erzeugen: Er lässt in der Kulisse des Londoner Hauses eine dicke Glasplatte anstelle einer Decke einbauen und stellt die Kamera darunter. So kann man den Mieter bedrohlich auf und ab gehen sehen.

Und was genau hat es in "The Lodger" mit Hitchcocks tiefer Angst vor den Gesetzeshütern auf sich? Er lebt sie in diesem Film aus, indem er den Polizisten als gefährlichen Blödmann zeigt. Blind vor Eifersucht lässt der Beamte seinen Liebes-Rivalen fast zum Opfer eines Lynchmobs werden.
Ein Polizist als Unsympath. Ein Stummfilmschönling, der vom Zuschauer einen ganzen Film lang verdächtigt wird, ein Serienmörder zu sein. Das gefiel Hitchcocks Auftraggebern ganz und gar nicht. Und was sagte C. M. Woold, einer der mächtigsten Filmverleiher seiner Zeit, zu Alfred Hitchcock, nachdem er "The Lodger" in einer der ersten Industrievorführungen gesehen hatte?

"Ihr Film ist so schrecklich, dass wir ihn einfach aus dem Regal nehmen und sofort vergessen werden."

Schrecklich ist der Film tatsächlich. Aber auf ganz andere Art. "The Lodger" ist die reine Furcht als Schattenspiel. Der Beginn der hitchcockschen Leinwandobsession. Und 83 erste Minuten einer der größten Regisseurskarrieren der Filmgeschichte.

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