Kalenderblatt / Archiv 12.07.2017

Schriftsteller Henry David ThoreauAufruf zum zivilen UngehorsamVon Anette Schneider

Henry David Thoreau in einer Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert. (imago/imagebroker)Henry David Thoreau in einer Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert. (imago/imagebroker)

Henry David Thoreau gilt als Amerikas größter Naturdichter. Mit seiner Art zu leben und zu schreiben stellte er das Selbstverständnis der USA in Frage. Sein berühmter Essay über zivilen Ungehorsam inspirierte Gandhi und Martin Luther King zum gewaltlosen Widerstand. Vor 200 Jahren wurde Thoreau in Massachusetts geboren.

"Als ich über die Oberfläche hinsah, bemerkte ich hier und dort ein schwaches Leuchten ... und sah mich zu meinem Erstaunen von Myriaden kleiner ... Barsche von tiefer Bronzefarbe umschwärmt, die in der grünen Flut sich vergnügten, fortwährend zur Oberfläche emporstiegen, leises Gekräusel daselbst verursachten und manchmal Bläschen dort zurückließen."

Immer wieder zog es Henry David Thoreau auf lange Streifzüge an die Seen und durch die Urwälder seiner Heimat nahe Boston. Von 1837 bis zu seinem Tod 1862 notierte er in Tagebüchern, was er dabei sah, erlebte und dachte. Dieses Material aus exakten naturkundlichen Beobachtungen, poetischen Naturbeschreibungen, philosophischen und politischen Gedanken diente ihm auch für sein Buch "Walden oder das Leben in den Wäldern", mit dem er heute als wichtigster Naturdichter Amerikas gilt.

Flucht vor den Zwängen des bürgerlichen Daseins 

Thoreau wurde am 12. Juli 1817 in Concord, Massachusetts geboren. Er studierte in Harvard, arbeitete kurzfristig als Lehrer, Landvermesser und in der Bleistiftfabrik seines Vaters. Doch die Regeln und Zwänge des bürgerlichen Daseins waren ihm zuwider. So baute er sich 1845 im Wald eines Freundes eine Hütte.

"Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzutreten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte."

Zwei Jahre blieb er an dem See "Walden", wo er mit der Arbeit an seinem gleichnamigen Buch begann, das später auch Vorbild für Aussteiger wurde und heute - zusammen mit den Tagebüchern - Biologen als naturkundliches Dokument über das einstige Vorkommen bestimmter Tier- und Pflanzenarten dient. Doch als es 1854 erschien, wurde es ignoriert. Denn, so die US-amerikanische Literaturprofessorin Ann Woodlief:

"Er will machen, was ihm wichtig ist - und nicht, was Andere für wichtig halten. So betreibt er in 'Walden' eine Art literarischen Striptease, in den er auch den Leser hineinzieht: Indem er sich selbst ‚entblößt‘, kritisiert er die Gesellschaft und deren vorherrschende, materielle Werte. Für den Leser ist das oft ziemlich ungemütlich, denn Thoreau macht ihm klar, dass auch er zu denen gehört, die diese Werte verinnerlicht haben!"

Mit seiner Art zu leben und zu schreiben stellte Thoreau das Selbstverständnis der USA in Frage: die Folgen der Industrialisierung, die beginnende Zerstörung der Natur, eine kapitalistische Gesellschaft, die Besitz über alles stellte.

"Warum jagen wir so fürchterlich nach Erfolg, warum sind wir in solch waghalsige Unternehmungen verwickelt? Wenn ein Mensch nicht Schritt mit seinen Mitmenschen hält, so kommt das vielleicht daher, weil er eine andere Trommel hört."

"Die einzige Regierung, die ich anerkenne, ist die Macht, die Gerechtigkeit im Lande schafft"

Sein Wunsch, jeder solle sich selbst verwirklichen können, kollidierte sichtbar mit der Realität. Zumal, nachdem 1844 ein neuer Präsident angetreten war, der Mexiko den Krieg erklärte, die Sklaverei bejubelte, Rassenhass und die Bereicherung Weniger durch die Ausbeutung Vieler beförderte.

Thoreau zog daraus seine Konsequenzen: "Wenn aber das Gesetz so beschaffen ist, dass es notwendigerweise aus dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann, sage ich, brich das Gesetz."

Er selbst verweigerte die Wahlsteuer, hielt Vorträge gegen Krieg und Sklaverei und schrieb 1849 die berühmte Abhandlung "Über die Pflicht zum zivilen Ungehorsam", in der er klar stellte: "Wenn tausend Menschen dieses Jahr keine Steuern bezahlen würden, so wäre das keine brutale und blutige Maßnahme - das wäre es nur, wenn sie sie zahlten und damit dem Staat erlaubten, Gewaltverbrechen zu begehen und unschuldiges Blut zu vergießen!"

"Genau das brauchen wir heute: Dass die Demokratie lebendig wird! Und das ist möglich! Im Allgemeinen fühlen sich die Menschen machtlos, aber wir sind es doch, die die Leute an der Macht halten! Sie halten sich nur wegen unseres Gehorsams!"

So Howard Zinn, bedeutender [*] US-amerikanischer Historiker, kurz vor seinem Tod im Jahr 2010. Wie Gandhi, Martin Luther King und andere, ließ auch Zinn sich im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit von der Schrift "Über die Pflicht zum zivilen Ungehorsam" inspirieren, in der der unangepasste Reformer Henry David Thoreau erklärte: "Die einzige Regierung, die ich anerkenne, ... ist die Macht, die Gerechtigkeit im Lande schafft, nie aber eine, die Ungerechtigkeit schafft!"


[*] Korrekturhinweis: Im Beitrag wurde an dieser Stelle ursprünglich der Superlativ verwendet.

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