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StartseiteKalenderblattKarfreitagskind aus Dublin22.12.2014

Schriftsteller Samuel BeckettKarfreitagskind aus Dublin

Er rauchte und trank exzessiv, Depressionen gehörten zu seinem charakterlichen Grundgerüst - einsam war er aber nicht. Als Samuel Beckett 1969 den Literaturnobelpreis bekam, verschenkte er das Geld an Freunde. Vor 25 Jahren starb der irische Schriftsteller in Paris.

Von Ruth Fühner

Undatiertes Porträt des irischen Dramatikers und Erzählers Samuel Beckett (1906-1989). Er erhielt 1969 den Nobelpreis für Literatur und wurde vor allem durch seine Stücke z.B. "Warten auf Godot" (1952) weltbekannt. (picture-alliance / dpa / Bifab)
Der irische Dramatiker und Erzähler Samuel Beckett (1906-1989); undatierte Aufnahme (picture-alliance / dpa / Bifab)

Sein Gesicht gehört zu den Ikonen des 20. Jahrhunderts. Hager, zerfurcht, asketisch. Dieser Raubvogelblick. Jede Farbe scheint darin zu sein, vorausgesetzt, sie ist grau.

Dabei war Samuel Beckett ein liebenswürdiger Mensch, der seine Freundschaften pflegte und zwei Frauen auf einmal liebte. Er boxte, spielte Tennis, Kricket und Golf und fuhr leidenschaftlich gern Motorrad. Er rauchte und trank exzessiv und schätzte die Bars und Kneipen von Paris genauso wie die Theater, er schrieb skandalös explizit über Sex - und in einem Gedicht von ihm heißt es:

"Bis zum Äußersten gehen – dann wird Lachen entstehen."

Und sind seine Stücke, diese Endspiele am Rand des Verstummens, nicht tatsächlich auch hochkomisch? Diese Ansammlung von Existenzialclowns?

Aus "Warten auf Godot":
"Wir wollen uns gegenseitig beschimpfen. - Schurke!  - Würstchen! - Saftsack! - Giftzwerg! – Rotzlöffel! – Grützknochen! – Mistbiene! – Oberforstinspektor!"

Aber auch das war Samuel Beckett - depressiver Spross einer wohlhabenden protestantischen Familie aus Dublin, zur Welt gekommen am 13. April 1906, ein Karfreitagskind. Allerdings ohne die Erlösungshoffnung des Glaubens, über dessen rechte Auslegung sich die irischen Katholiken und Protestanten in Becketts Jugend wieder einmal die Köpfe einschlugen. Becketts Welt ist radikal diesseitig, in ihr zählt nur eines:

"Immer versucht, immer gescheitert, egal, versuch' es wieder, scheitere erneut, scheitere besser."

Aus der Enge Dublins kam Beckett nach seinem Romanistikstudium nach Paris, zunächst als Lehrer an der angesehen Ecole Normale Supérieure. Schnell fand er Zugang zu Künstlerkreisen, besonders zu seinem Landsmann James Joyce, dem er bei den Recherchen zu "Finnegans Wake" half. Eine Freundschaft, die ihn auch dazu herausforderte, seinen eigenen literarischen Weg zu finden: weg von der enzyklopädischen Opulenz, hin zur immer radikaleren Reduktion. Die Dichte seiner ersten, noch auf Englisch geschriebenen Gedichte sollte sich bald ebenso verlieren wie die ironische Heiterkeit, mit der sein Romanerstling „Murphy“ beginnt.

"Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues."

Der Tod des Vaters stürzte ihn in eine tiefe Krise

In den 30er-Jahren pendelte Beckett richtungslos zwischen Paris, London und Dublin. Der Tod des Vaters stürzte ihn in eine tiefe Krise, eine Psychoanalyse brachte kaum Linderung. 1936 bereiste er die Museen Deutschlands und erlebte die ersten Säuberungsattacken der Nazis. Zurück in Frankreich, schloss er sich der Resistance an. Einen direkten Niederschlag findet die Barbarei des 20. Jahrhunderts in Becketts Werk nicht – aber sie spiegelt sich in seiner apokalyptischen Grundierung. So wie in dem Stück "Endspiel".

Aus "Endspiel":
HAMM: Die Natur hat uns vergessen.
CLOV: Es gibt keine Natur mehr.
HAMM: Es gibt keine Natur mehr! Du übertreibst.
CLOV: Ringsherum.
HAMM: Wir atmen doch, wir ändern uns! Wir verlieren unsere Haare, unsere Zähne! Unsere Frische! Unsere Ideale!
CLOV: Dann hat sie uns nicht vergessen.
HAMM: Du sagst doch, dass es keine mehr gibt.
CLOV traurig: Niemand auf der Welt hat je so verdreht gedacht wie wir.

Seine Figuren müssen weitermachen - trotz aller Sinnlosigkeit

Becketts Welten sind Einöden, die Menschen in ihnen zum Stillstand verurteilt. Wenn sie nicht in einen Rollstuhl gebannt sind oder in eine Mülltonne, gehen sie im Kreis. Doch immer ist da etwas, das sie in einer quälenden Schwebe hält, das sie zum Weitermachen, Weiterscheitern zwingt, aller Sinnlosigkeit zum Trotz.

Seit Kriegsende schrieb Beckett auf Französisch. Die Fremdsprache macht es ihm leichter, "ohne Stil" zu schreiben, wie er das nannte, Sätze und Situationen, abgenagt bis auf die Knochen, klingend und rhythmisiert von jähen Tempo- und Stimmungswechseln, aufgehängt zwischen Komik und Pathos.

1953 kam in Paris das Stück auf die Bühne, das Beckett Weltruhm einbrachte: "Warten auf Godot". Auch hier: kein Trost, nirgends.

Aus "Warten auf Godot":
"Und wenn wir uns aufhängen würden? - Womit? - Hast du kein Stück Kordel? – Nein ... - wart mal, hier ist mein Gürtel. - Der ist doch zu kurz. - Du ziehst dann an meinen Beinen. - Und wer zieht an meinen?"  

Beckett war öffentlichkeitsscheu. Von seiner Stimme gibt es keine einzige autorisierte Aufzeichnung. Und als ihm 1969 der Nobelpreis zugesprochen wurde, reiste er nicht zur Verleihung und verteilte das Geld unter bedürftigen Freunden. Dabei hatte er bis ins hohe Alter Spaß am Inszenieren seiner immer wortkargeren Stücke. Am 22. Dezember 1989 starb er in Paris, 83 Jahre alt. Für seinen Grabstein auf dem Friedhof Montparnasse war ihm jede Farbe recht – vorausgesetzt, sie war grau. 

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